Anna Amalia in Neapel 1789

Eine literarische Skizze

von Beate Schaefer

 

 

„Den 14 (August 1789) Vormittag um 10 Uhr zu Hamilton", schreibt Anna Amalias Hofdame Louise von Göchhausen in ihr Tagebuch, das sie im Auftrag der Herzogin führt. "Wir frühstückten in seinen Cabinet nach dem Meer zu, und er zeichte uns seine Hedrurischen Vasen die von der ersten Schönheit sind. Abends hatten wir Musick Hamilton und Miss Hard kamen auch, Signorini spielte und sang sehr artig zur Guitarre, zu letzt tanzte Hamilton und die Hard die Tarantele. Ein Landschafts Mahler Tito zeichnete für Hamilton die 2 Aussichten aus seinen Fenstern nach den Pausilip zu. er arbeidete eben daran, wie wir bey Hamilton waren.“

 

         Ein Bild im Bild. Giovanni Battista Lusieri, genannt Tito, zeichnet vom Fenster des Palazzo Hamilton aus die Bucht von Neapel. Breitformat. Er skizziert nicht nur, sondern arbeitet mit feinem, sicheren Strich ein Detail nach dem anderen aus, wo ihm die hingewischte Erinnerungsstütze zu wenig aussagekräftig für das später zu schaffende Ölgemälde erscheint. Links im Anschnitt wehrhafte Mauern, die dem Hügel Halt verleihen. Reste antiker Säulen in den Gärten am Hang, darüber ein grauer uralter Palast oder ein Kloster, abweisend seine Mauern, seine kleineren und größeren Fenster unordentlich hineingebrochen dort, wo man gerade Licht benötigt hat. Vom erhöhten Blick des Zeichners aus weitet sich der Golfo di Napoli; Lusieri setzt jene Segelschiffe und Barken hinein, die er dort sieht, erfindet nichts, da sein Auftraggeber, Lord Hamilton, höchstmögliche Genauigkeit verlangt. Unterhalb das weite Karree eines anderen Klosters, rechts der Molo, die Flaniermeile der Neapolitaner, eine schöne grüne Anlage mit breiten gepflasterten Wegen für die Kutschen der Reichen. Noch weiter nordwestlich der Hügelzug Pausilypon oder, italienisch, Posilippo, das waldreiche Sanssouci all jener, die es sich leisten können, dort eine Villa zu bauen. Auch Hamilton, Sondergesandter des englischen Königs, zuständig für den massenweisen, nicht immer legalen Export etruskischer Vasen und Altertümern aller Art nach England, dazu einer der wichtigsten Vulkanologen seiner Zeit, besitzt dort ein Casino – getauft hat er es Villa Emma nach seiner schönen, jungen Geliebten, die Neapel im Sturm erobert hat.

 

         Hinter Lusieri steht an diesem frühen Abend Louise von Göchhausen, schaut abwechseln auf die Zeichnung, die das breite Skizzenbuch auf zwei gegenüberliegenden Seiten mehr und mehr füllt, und auf das in weiches Licht getauchte Panorama in Blau, Grau, Weiß und Gold. Sie ist so klein, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen muss, um die Kirche unterhalb des Palastes, die der Maler jetzt zu zeichnen beginnt, genauer zu sehen. Deren Kuppel thront auf einem Flachdach, was Louise ungewöhnlich findet, wie auch, dass auf diesem Dach Leute herumspazieren. Aber ist in Neapel nicht alles ungewöhnlich für eine aus dem Norden? „O liebster Freund, welch ein Land ist dies!“, schreibt sie an Wieland. „Hier ist das Land der Wunder, hier würckt die Natur sichtlich in alle ihrer Größe; dieses Klima, diese Vegetation, selbst diese Menschen!“

 

         Ja, selbst diese Menschen. Hier geboren, hier lebend, arbeitend, Kinder großziehend und daran gewöhnt, dass immer neue Scharen von Ausländern aus dem Norden kommen, wegen der milden Luft, der Sonne, der Kunstschätze, der Natur. Ausländer, die wie Louise den Daheimgebliebenen brieflich versichern: „Selbst die Menschen sind ausgezeichnet, und ich kan kaum glauben, daß es eine Nation giebt, die gegründetere Ansprüche auf Verstand, Witz und Talente zu machen hat, als die Neapolitaner.“ Doch die Reisenden auf der Grand Tour haben in Wirklichkeit nicht viel Kontakt zu den Einheimischen, außer, sie müssen ihre Dienste als Wagenlenker, Dienstboten, Schiffsführer oder Eseltreiber in Anspruch nehmen. Die reichen und oft adligen Dauerbesucher und die ihnen attachierten Künstler wohnen in Palästen oder mieten immerhin Suiten in Palästen, deren andere Stockwerke von Landsleuten bewohnt werden; man verkehrt miteinander, trifft sich an den immer gleichen Orten, besucht die immer gleichen Leute, und muss so nicht zugeben, dass die fremden Gebräuche, die Buntheit und Lautstärke der Altstadt, die strengen Gerüche und die Geschwindigkeit, mit der die Neapolitaner sprechen, auch nach längerem Aufenthalt verwirrend bleiben. Selten gehen die Ausländer zu Fuß; sie fahren in Kutschen, die ihnen von einflussreichen Persönlichkeiten zur Verfügung gestellt werden, besuchen Paläste von Freunden und die Ateliers der deutschen oder englischen Künstler, sie besichtigen Kirchen und wohnen, obwohl zumeist protestantischen Glaubens, auf Einladung hohen katholischen Festlichkeiten bei, gehen fast jeden Abend ab zehn Uhr ins Theater und in die Oper, werden zu Diners geladen, zu Frühstücken und Fahrten in gemieteten Barken.

 

         Ehe die Herzogin und ihr kleiner Hofstaat heute Abend in die Oper gehen, um schon zum dritten Mal Paisiellos „Nina ossia la Pazza per amore“ zu hören, haben Anna Amalia, Louise von Göchhausen, Kammersänger Grave, die Maler Verschaffelt und Tischbein sowie der alte Kammerherr Einsiedel, der die Entourage der Herzogin zusammenhält, im Palazzo Hamilton vorbeigeschaut und dort einige Bekannte getroffen, darunter den britischen Konsul Douglas und seine drei Töchter. Madame Hart, die schöne Emma, ist noch nicht da, aber ihre Mutter verkündet, die Dame des Hauses werde jeden Moment herunterkommen.

 

         Lord Hamilton tritt zu Louise und nutzt sein Monokel, um ein Detail von Lusieris Zeichnung zu studieren und erklärt, Tito habe auch ein Panorama des Golfs vom Casino aus gemalt. Aber er habe sich mehr davon versprochen, Interessanteres als Wald und Meer – verschwommenes Grün und Blau – sei darauf nicht zu sehen.

 

         Louise ist oft in Hamiltons Landhaus gewesen, um mit Emma Hart und Hamilton Tee zu trinken und kennt den Anblick genau. „Von den Pausilip über’s Meer wieder herüber nach Neapel zu fahren ist das einzigste und entzückendste Schauspiel, was keine Imagination nie erreicht; das schöne Amphitheater, Neapel in der Abend Sonne …“, schreibt sie an Wieland. In die Zimmerflucht von Miss Hart hat Chevalier Hamilton ein großes, ungeteiltes Fenster einbauen lassen, sündhaft teuer und sehr unpraktisch, wenn die Sonne darauf liegt, weil dann der Raum überhitzt, aber man hat nun von dort einen durch keine Wand, keine Strebe behinderten Blick auf das Meer, auf den Himmel, auf die Bäume und Wiesen – und auf Capri, den großen, schroffen Felsen im Südosten – wenn die Insel nicht gerade im Dunst oder im Winter hinter Regenschleiern verschwindet.

 

         Jetzt geht Hamiltons Blick zur Tür, und er lächelt auf eine Weise, wie nur ein angejahrter Mann lächeln kann, dem das Glück einer jungen Frau zuteil wurde, die nicht nur aussieht wie die Wunscherfüllung eines Träumers, dem die Antike alles bedeutet, sondern die auch sämtliche Tugenden besitzt, welche ihrem Liebhaber das Leben so angenehm wie möglich machen. Aufregend an ihr sind ihr üppiges rotbraunes Haar und ihr extravaganter Mund in einem klassisch geformten Gesicht. Anregend sind ihre Qualitäten als Sängerin und als Darstellerin in ihren berühmten „Attitüden“, lebenden Bildern, bei denen sie in durchsichtigen Gewändern mit blauem Schleier mal eine büßende Magdalena im Stil von Domenichino, mit Tamburin eine tanzende Bacchantin nach einer griechischen Vasenmalerei oder kurz darauf, nur durch den Wechsel der Pose, mit Hilfe eines Turbans die cumäische Sibylle Michelangelos gibt. Bewegend ist ihr Schicksal, das jeder der Anwesenden im Raum kennt.

 

         Als Tochter eines Schmieds um 1765 in kümmerliche Verhältnisse hineingeboren, hat sich Emma rasch zu einer außergewöhnlichen Schönheit entwickelt. Verführt von einem Adligen, reicht dieser sie weiter an Charles Greville, den Neffen von Sir William Hamilton. Emma und Charles leben in England öffentlich zusammen, sie liebt ihn mit fast hündischer Unterwürfigkeit, er schätzt sie und genießt es, dass sie als Modell und Muse des Malers Romney in London Furore macht. Romney ist fasziniert von ihrem Talent, sich mit wenigen Requisiten in klassische oder in Genrefiguren zu verwandeln. Er malt sie hundertfach als Bacchantin, als Magdalena, als Vestalin oder als Bauernmädchen mit Strohhut, häuslich am Spinnrad, als Blumenverkäuferin. Mit Greville hat Emma eine Tochter, die in Pflege gegeben wird, und als der junge Mann in Geldnot gerät und sich nach einer reichen Partie umsehen muss, schickt er seine Geliebte, begleitet von ihrer Mutter, nach Neapel zu seinem Onkel. Lange bleibt sie im Ungewissen, hat Sehnsucht nach Greville, schreibt ihm rührende Briefe in ihrer schlichten Sprache, voll echten Gefühls. Als sie irgendwann begreift, dass Greville sie Hamilton sozusagen vermacht hat, ist sie todunglücklich, doch sie hat keine Wahl, wenn sie nicht in ihr ärmliches Leben zurückkehren will. Emma arrangiert sich mit der Situation, wird Hamiltons Geliebte, genießt die Aufmerksamkeit des Königs, ohne ihm eine Chance zu geben, freundet sich – wenn auch offiziell nicht bei Hof empfangen – mit Königin Caroline, einer Habsburgerin an, und wird bald zum Mittelpunkt der neapolitanischen Gesellschaft. Sie ist Hamilton absolut treu, und was ihr an Schliff fehlt, macht sie durch Eleganz des Herzens wett.

 

         Heute trägt sie eines ihrer Lieblingskleider; es ist aus weißem Musselin und von schlichtem Schnitt, und nur der blaue Seidenschal macht ihrem ungepuderten, kastanienroten Haar Konkurrenz. Jetzt knickst sie vor der Herzogin, begrüßt mit einem Lächeln die Anwesenden. Ihre Bewegungen sind völlig ungekünstelt, und ihr Italienisch – die Sprache, in der man sich in der Regel unterhält –, ist nahezu perfekt. Herder, meist griesgrämig und misogyn, der einige Monate in Neapel verbracht und sich hier immerhin weniger geärgert hat als in Rom, nennt sie in einem Brief an seine Frau „Hamiltons H(ure)“ und schreibt: „Übrigens ist sie a fonds eine sehr gemeine Person in ihrem Innern, ohne feineres Gefühl wie ich glaube, für irgend etwas, was erhaben, groß und ewig schön ist; eine Äffin aber, dass nichts darüber geht. … Ich sahe nämlich, wie entfernt man vom wahren Sentiment jeder edlen Art doch so ein glücklicher Affe sein könne …“ Die „Affenkunst“, also die Schauspielerei, ist dem steifen Erzprotestanten Herder grundsätzlich zuwider, doch steckt hinter seiner harschen Beurteilung Emmas noch mehr. Herzogin Anna Amalia, einem Scherz auf Kosten Anderer durchaus nicht abgeneigt, hat Caroline Herder eine kleine Schnurre geschickt, in der sie beschreibt, wie der asketische Philosoph der schönen Emma Hart erliegt: „Ich kann aber nicht umhin Ihnen nur mit wenigen Zeilen zu sagen, daß ich einen Kleinen Sieg über unseren Herder gewonnen habe … Ich hatte mir im Anfange alle Mühe gegeben ihm etwas von seiner Philosophie, abzuziehen damit er werden möchte wie unser einer, es war aber nichts zu machen. Ich reiste ganz mißmütig mit ihm nach Napel. Was geschah da! die Zauberische Partenope mit allem ihren Reiz umschlung den Philosophen mit ihren schönen geründeten Armen, sie liebkosete ihm, nannte ihm ihren Sohn ihren liebling. Wer konnte da widerstehen! unser Philosophe fing an zu lächeln, wurde heiter, gab doppelt wieder was er mit zärtlichkeit empfind, u die Kalte Weisheit verschwand …“

 

         Da fast alles in der kleinen deutschen Kolonie halb öffentlich geschieht, hat Anna Amalia Herder dieses Billet selbst gegeben, damit er es einem seiner Briefe an seine Frau beilegt. Herder, der weiß, wie eifersüchtig seine Frau oft ist, tut dies zähneknirschend. Er erlaubt Caroline auch, diese „poetische Dichtung“ gerne in Weimar herumzureichen, bittet jedoch, seine erklärenden Zeilen, die „Äffin“ betreffend, für sich zu behalten.

 

         Noch einmal wird die Tür geöffnet, und Kapellmeister Signorile erscheint. Hastig entschuldigt er sich bei Hamilton für die Verspätung. Er hat eine Gitarre dabei, und Louise trippelt ein paar Schritte hinüber zu Kammersänger Grave, um ihn zu fragen, wie es ihm denn nach seinem Höllenritt auf dem Nachttopf, von dem ihr Doktor Huschke berichtet hat, gehe. Sie findet, er sei noch etwas blass um die Nase und erkundigt sich in gespielter Besorgnis, ob er denn schon wieder singen könne.

 

         Grave hat die Diarrhoe gehabt, und Louise notiert diese und andere leibliche Dispositionen der kleinen Gruppe um Anna Amalia nicht nur in ihrem Tagebuch, sondern liebt es auch, öffentlich darüber zu sprechen. Ob Grave singen wird oder nicht, ist ebenfalls eines ihrer Lieblingsthemen; sie weiß, dass es ihn ärgert, wenn sie hier Vermutungen anstellt, denn zwar ist er als Kammersänger im Dienst Anna Amalias verpflichtet, die Herzogin durch seinen Gesang zu unterhalten, es kommt aber oft genug vor, dass Sängerinnen und Sänger der neapolitanischen Oper zu Gast sind, und wenn Madame Hart anwesend ist, bekommt ohnehin meist nur sie Gelegenheit, ihre Kunstfertigkeit zum Besten geben zu dürfen.

 

         Grave erwidert ärgerlich, ob er singe oder nicht, liege ganz im Ermessen der Herzogin, während Kapellmeister Signorile sich auf einen Stuhl setzt, einen Schellenring um sein Fußgelenk befestigt und dann kurz die Gitarre stimmt – ein längliches, gleichmäßig geformtes Instrument aus hellem Holz, das geschlagen wird, nicht gezupft. Auffallend sind die schönen Verzierungen rund um das Schallloch.

 

         Als Louise erklärt, bestimmt habe der Kapellmeister eine neue Tarantella mitgebracht, verzieht Grave missmutig das Gesicht, und sie hat ihren Spaß. Die Herzogin hat Signorile als Gitarrenlehrer engagiert, und da sie entschlossen ist, so viel Originalmusik aus Italien nach Weimar zu schaffen wie nur möglich, sitzt Grave oft als Kopist am Tisch und schreibt Partituren ab oder notiert gemeinsam mit dem Kapellmeister ein traditionelles neapolitanisches Volkslied oder eben eine Tarantella.

 

         Dabei wollte er doch Karriere machen, zurück nach Venedig gehen, um sich weiterzubilden und endlich wieder auf einer Bühne zu stehen, anstatt nur ab und zu im Salon ein paar Arien singen zu dürfen – falls die Herzogin ihn darum bittet und sich nicht lieber an Emma Hart delektiert. Grave ist 1785 mit Bellomos Theatertruppe nach Weimar gekommen und gefiel unter anderem als Belmonte in Mozarts „Entführung aus dem Serail“. 1786 engagiert ihn Anna Amalia als Kammersänger, zahlt ihm ein erstaunlich hohes Gehalt von vierhundert Talern jährlich, und macht sich, in Schillers Worten „durch ein Attachement lächerlich, das sie für einen jämmerlichen Hund, einen Sänger hat, … der nun in ihren Diensten ist. Er soll nach Italien reisen, und man sagt ihr nach, daß sie ihn begleiten werde.“ Tatsächlich geht er – allerdings auf eigene Rechnung und mit Empfehlungsschreiben seines Italienischlehrers Jagemann – 1788 zur weiteren Ausbildung nach Venedig, Mantua und Mailand, und von dort berichtet Grave für Wielands „Teutschen Merkur“ und Jagemanns „Gazetta di Weimar“ kenntnisreich aus dem Musikleben. Als Anna Amalia sich im Frühjahr 1789 in Rom aufhält, beordert sie ihn zu sich. Herder, der zu dieser Zeit ebenfalls in Rom ist, teilt seiner Frau die Ankunft des Sängers mit, doch er beschneidet das Blatt unten schräg, sodass nur die merkwürdige Textstelle übrigbleibt: „Grave ist hier; er ist zur Musik der Heiligen Woche, die, wie bekannt, in Rom einzig ist, hier angekommen und wird mit nach Napel reisen. Er logirt nicht bei uns, und ich bin gewiß, daß die Herzogin sich mit ihm so … daß seine Ankunft, eines Sängers, wie es … Folgen seyn.“ Als Anna Amalia mit ihrer Reisegesellschaft erneut nach Neapel geht, befiehlt sie ihm, sie zu begleiten, obwohl er gerade dabei ist, als Sänger in Rom Fuß zu fassen. Herder, der im Frühjahr 1789 nach Deutschland zurückkehrt, geht davon aus, dass Grave Neapel ebenfalls bald verlassen wird. In seinem Dankesbrief, den er am 29. Mai 1789 aus Florenz an Anna Amalia schreibt, heißt es: „Ihr göttlicher Sänger, wie ihn Buri nennt, wird nun auch wohl auf seine Venezianische Rückreise denken; ich für meine Person werde auch an diesem Strande die Sirenen nicht singen hören: mein Sinn steht über die Alpen.“

 

         Louise von Göchhausen weiß von Graves Plänen, nach Venedig zurückzukehren, und sie zieht ihn damit auf, dass daraus ganz offensichtlich nichts wird, weil die Herzogin ihn nicht gehen lässt. Sie selbst empfindet die Enge ihres Daseins oft mindestens ebenso sehr wie der Sänger und die anderen Höflinge um Anna Amalia, doch anders als Grave, der einen Beruf hat, den er auch räumlich unabhängig von er Herzogin ausüben könnte, steht Louise kein Weg in die – relative – Freiheit offen. Manchmal kommt es vor, dass Anna Amalia bei der Königin ist und keine Begleitung wünscht, oder sie ist krank wie vor ein paar Tagen. Dann hat Louise ein paar Stunden zur freien Verfügung. „Ich fuhr Vormittag ein wenig spazieren, auch Nachmittag nach den Pausilipo, da die Herzogin ihres Auges wegen noch nicht ausfahren konnte.“ Am nächsten Morgen geht sie allein einkaufen und besorgt für ihre Sammlung „einige Steine von Pompeii pp die Knöpfe aus der Piscina mirabilis.“ Goethe hat sie zu Hause in Weimar mit seiner Begeisterung für Mineralien angesteckt, und sie legt sich nach und nach eine umfangreiche Kollektion an, bevorzugt verschiedene Marmorsorten, aber auch Lava vom Vesuv, die er später zu ordnen hilft.

 

         Lord Hamilton bittet seine Gäste nun, Platz zu nehmen; jeder setzt sich, wo gerade ein Stuhl oder ein Kanapée frei ist. Dann nimmt er seine Viola und gesellt sich zu Signorile, der die Noten aufschlägt. „Gallarda napoletana!“, verkündet der Kapellmeister, und sie spielen das bekannte Stück mit der eingängigen Melodie, während Emma, die sich als Einzige nicht gesetzt hat, ihre Hüften im Rhythmus wiegt.

 

         Louise flüstert mit ihrer Nachbarin auf dem Sofa – es ist eine der Douglas-Töchter  – und berichtet, sie habe gehört, Hamilton und Emma hätten heimlich geheiratet. Kichernd nickt die junge Frau, doch Louise hat noch mehr zu bieten. Es hieße, Hamilton wolle einen Ball für sie geben, auf dem sie offiziell vorgestellt werde. Miss Douglas schlägt in gespieltem Entsetzen die Hand vor den Mund.

 

         Das Lied endet, und Signorile erklärt, an die Herzogin gewandt, er werde sich nun erlauben, Ihrer Durchlaucht eine neue Tarantella zu präsentieren. Sie stamme aus dem Gargano, das sei in Apulien, und dort spiele man sie für diejenigen, die von der Tarantula gestochen in Melancholie verfielen, damit sie tanzten und wieder fröhlich würden.“

 

         Anna Amalia lächelt und winkt ihre Aufforderung, zu beginnen, dann schaut sie hinüber und nickt Grave zu, der höflich im Sitzen eine Verbeugung andeutet. Kopieren heißt einmal mehr der Auftrag, und er wird sich hinterher die Noten von Signorile erbitten, um sie abzuschreiben.

 

         Sobald die ersten Takte erklingen, beginnen Lord Hamilton und Emma zu tanzen; es ist erstaunlich, wie beweglich der Endfünfziger ist, denn die Tarantella verlangt schnelle Wechselschritte, hüpfende Bewegungen, kleine Sprünge, sich überkreuzende Fesseln; Tänzer und Tänzerin beschreiben dabei einen Kreis, sowohl sich selbst drehend als auch sich gegenseitig umrundend, dann gegenläufig. Emma nutzt ihre blaue Schärpe gekonnt, um die Drehungen ihres Körpers zu unterstreichen, und während die metallische Stimme Signoriles den Zuhörern in die Glieder fährt, während die heftigen Akkorde, der Rhythmus der Schellen auch den Schwerfälligsten dazu animieren, wenigstens mit dem Fuß zu wippen oder den Takt mit den Fingern auf die Stuhllehne zu klopfen, verausgaben sich der verliebte Diplomat und seine schöne Gefährtin zum Amüsement der Gäste, bis das Lied seinen Höhepunkt erreicht und abrupt endet.

 

         Applaus brandet auf, und Emma strahlt. Sie ist nichts weniger als verheiratet, aber sie tut, da das Gerücht nun einmal in der Welt ist, nichts dafür, die Sache richtigzustellen. Hamilton schreibt hingegen an einen Freund: „Um Ihre Frage ehrlich zu beantworten – wäre ich ein Privatmann, hätte ich nichts dagegen, mit Emma le petit bout de vie qui me reste in jener Form, die Sie andeuten, zu teilen, da ihr Verhalten in den vergangenen vier Jahren, die sie bei mir verbracht hat, ihr allgemeine Achtung und Anerkennung verschafft hat, doch da ich nicht die Absicht habe, meine Stellung aufzugeben und daher eine öffentliche Funktion bekleide, fühle ich mich nicht frei, zu tun, was ich will, und solch ein Schritt wäre unklug und könnte zu Schwierigkeiten führen … Die Art und Weise, wie wir leben, gibt keinen Anlass für Skandale, denn sie ist in Begleitung ihrer Mutter, und ich bewohne ein eigenes Apartment … Was wäre für mich gewonnen? Es ist nur natürlich, dass sie es wünscht und versucht, die Leute glauben zu machen, die Sache wäre bereits erledigt … Ich versichere Ihnen, dass ich sie so sehr wertschätze, dass, wenn ich derjenige gewesen wäre, der sie zuerst auf Abwege geleitet hätte, nur zu glücklich wäre, ihren Ruf wiederherzustellen, und ich würde es ganz offen tun, denn sie besitzt sämtliche Tugenden und keine Prinzessin könnte ihren Palast besser bestellen, als sie mein Haus …“

 

         1791 heiraten sie dennoch, mit Einverständnis des englischen Königs, doch als Emma wenige Jahre später Admiral Horatio Nelson begegnet, beginnt eine große Liebe und eine der berühmtesten ménages à trois der Weltgeschichte, in der Lord Hamilton einmal mehr seine Charakterstärke und seine Zuneigung zu Emma beweist.

 

 

 

Die Monate in Neapel mit ihren Geselligkeiten, den interessanten Menschen aus vielen Ländern, den Nachmittagen in Caserta, wo der König seine Mustersiedlung Belvedere präsentiert – eine äußerst fortschrittliche Kolonie mit eigener Verfassung, in der er nur Erster unter Gleichen ist und sich Herzog titulieren lässt, mit Baumwollplantagen, einer Porzellan- und einer Wandteppichmanufaktur, ordentlichen Häusern für die Arbeiter und einer Schule für die Kinder –, den Ausflügen zu den Schwefelfeldern der Campi Flegrei, den antiken Überresten von Pozzuoli und Pompeii, gipfeln für Louise zunächst in einer Reise nach Ischia, die die stets unternehmungslustige Herzogin angeregt hat. Mit von der Partie, die am 31. Juli 1789 beginnt und bis 7. August dauert, sind auch Kammerherr Einsiedel, der Maler Verschaffelt und der sowieso ständig im Umkreis von Anna Amalia präsente Stuttgarter Kaufmann und Bankier Heigelin, der zudem als dänischer Konsul in Neapel fungiert.

 

         Kurz vorher hat Louise in ihrem Tagebuch notiert: „Bonecki brachte die Nachricht von der Revellion in Paris daß die Bastille demolirt worden pp.“ Mehr als diese knappe Bemerkung ist ihr die Sache nicht wert, und es ist auch schwer vorstellbar, dass ihr die Tragweite dieses Ereignisses, das in wenigen Jahren Europa so grundlegend verändern wird, bewusst ist. Immerhin notiert sie sogar zwei Mal an verschiedener Stelle in ihrem Tagebuch, dass einige Tage nach Bekanntwerden des Umsturzes in Paris ein Anschlag am neapolitanischen Königspalast gefunden wurde: „Maesta, non tanta Crudeltà che la Moda de Francia non vienna qua“ – eine konkrete Aufforderung an den König und die Königin, die Unterdrückung ihrer Untertanen zu mildern, damit es ihnen nicht ergehe wie dem französischen Herrscherpaar. Licht auf die Haltung der guten Gesellschaft Neapels wirft Louise in einem Brief an Wieland vom 11. August 1789: „Abends gegen 7 kommt entweder Gesellschaft oder man fährt zu Land oder zur See spazieren, letztere Promenade hat meist das Casino des Chev.  Hamiltons am Pausilip zum Zweck, wo wir manchen schönen Abend zu bringen; und gegen 10 Uhr besucht man die Theater, wo in Fiorentini der nicht genug zu lobende Casaciello einem alles Erdenweh vergessen machen könte. … Sie können leicht denken, daß bey einer solchen Lebensart von Politik und Staatsökonomie wenig die Rede ist und daß so etwas stupentes, als die Revolution in Frankreich ist, vorgehen muß, um die Neapolitaner auf einige Tage damit zu unterhalten.“ Dass Louise der Überzeugung ist, die Revolutionäre seien im Unrecht, wird aus einer Bemerkung deutlich, die sie an anderer Stelle macht. An Goethe schreibt sie am 7. September 1789: „Die Lava (des Vesuvs, Anm. d. Verf.) fängt an seit einigen Tagen schwächer zu fließen, es sind aber Merkmale da, daß der Berg noch nicht ruhig bleiben wird, und man vermuthet qu’il récule pour mieux sauter. Bey diesen französischen Brocken fällt mir die Revolution in Frankreich ein, und ich hoffe und vermuthe, daß sie auch in Teutschland die gehörige Sensation gemacht haben wird. Jetzt könnte man dabey wie Anacharsis zum Solon sagen: „Bey Euch überlegen die Weisen und entscheiden die Narren.“ Die Weisen, das ist für sie der Adel, dem sie selbst angehört, und auch wenn sie nur eine dienende, keine herrschaftliche Funktion besitzt, profitiert sie von sämtlichen Privilegien, die diesem Stand zustehen oder die er sich nimmt. Dass es eine andere als die – in der traditionellen Auffassung – gottgegebene Hierarchie geben könnte, ist für Louise unvorstellbar. Wer sich dagegen auflehnt, muss ihrer Meinung nach „ein Narr“ sein. Zugleich wirft sie dem Adel vor, passiv zu bleiben, wenn die Narren die Macht ergreifen. Doch zunächst ist die Revolution nur „Sensation“, weckt Neugier, Befremden, aber keine Angst, und die Vergnügungen der kleinen Reisegruppe um Anna Amalia gehen nicht nur weiter wie bisher, sondern werden durch den kühnen Plan ergänzt, nach Apulien zu reisen – eine Region, die bisher völlig außerhalb der Grand Tour lag –, um den Erzbischof von Tarent, Giuseppe Capecelatro, zu besuchen.

 

         Was verrückt klingt, hat für Anna Amalia Methode. Bereits bei ihrem ersten Aufenthalt in Neapel, der von Anfang Januar bis Mitte Februar 1789 dauerte, hat sie den Erzbischof kennengelernt. Capecelatro stammt aus einem alten neapolitanischen Adelsgeschlecht, ist fünf Jahre jünger als Anna Amalia, sieht gut aus und wird für zwei Monate ihr ständiger Begleiter. Louise von Göchhausen ist von ihm nicht minder beeindruckt. An Wieland schreibt sie am 3. Februar 1789: „Der Erz Bischoff von Tarent, ein ganz vortrefflicher Mann, und ein anderer Hecht als unsere Teutschen Bischöffe, ist der Herzogin ihr treuer Gefährte, er hat viel Verstand, Kändnisse und Talente und ist dabey sehr musikalisch. Sie können also leicht glauben, daß dieser einen großen Stein im Brete hat.“ Sie bescheinigt ihm, dass er sehr gut Klavier spielt – was auf die Herzogin Eindruck macht und auch Louise nicht kaltlässt.

 

         Seit dem 10. Januar 1789 notiert  Louise seinen Besuch fast täglich in ihrem Tagebuch. Und nicht nur Besuche in der Palastsuite der Herzogin verzeichnet sie, sondern auch Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung. Giuseppe Capecelatro ist ein Kritiker der Kurie und setzt sich vor allem für wirtschaftliche Reformen ein, um das Leben der einfachen Bevölkerung zu verbessern. Anna Amalia und Louise zeigt er einige Errungenschaften, so das sogenannte Seraglio, „ein Arbeitshaus, wo Kinder deren 300 drinnen waren lernen können was sie wollen. Wir hörten ein paar Knaben, einen Bass und Discant sehr gut singen ein anderer accompanierte sie auf den Flügel“, berichtet Louise. Im Seraglio wird auch Seide verarbeitet, vom Spinnen bis zum Verfertigen der Stoffe. Dann wieder fährt er mit den beiden Damen nach Portici in eine Villa, wo es Goldfasanen zu sehen gibt und in der Stadt eine Ausstellung wilder Tiere, darunter Löwen, Bären, ein Adler. Oft begleitet er Anna Amalia in die Oper oder sie machen zusammen einen Ausflug auf den Posilippo. Louise von Göchhausen ist immer dabei. In ihren Notizen gibt es häufig Vermerke, die beweisen, dass der Erzbischof der letzte ist, der spätnachts nach Hause geht. „Der Erz Bischof bis gegen 11 Uhr“, heißt es, „der ErzBischof blieb zuletzt“, „der Erz Bischoff blieb bey uns“, „der Erz Bischof war da, er fuhr mit uns nach Hauß, die anderen gingen in die Oper.“

 

         Im Frühjahr ist auch Johann Gottfried Herder noch in Neapel, und er erhält eines Tages einen ungewöhnlichen Brief des Erzbischofs: „Mein Herr, Ich nehme mir die Freiheit, Sie um einen Gefallen zu bitten. Ihre Hoheit (d. i. Anna Amalia, Anm. d Verf.) haben in höchstem Maße ihr Gefallen kundgetan, als sie die Handschuhe aus der Muschelseide von Tarent sahen: Ich wage nun nicht, ihr vier Paar davon zu überreichen, wenn Sie nicht diese schlichte Gabe mit den ernsthaftesten Bezeugungen meiner Hochachtung begleiten. Das Wesen dieser Fürstin, ihre Art, die Züge ihrer Lebhaftigkeit, die Größe ihrer Gedanken besitzen einen solchen Grad von Gewalt über meinen Geist, daß ich davon in höchstem Maße bezaubert bin. Ich möchte Ihnen gern tausenderlei Dinge darüber sagen; da aber die Herrscher das Unglück haben, beständig das Lob der Völker hervorzurufen, will ich mich enthalten, noch mehr zu sagen: schon der bloße Verdacht, meine Empfindungen könnten als Ausfluß der niedrigen Verehrung erscheinen, hindert mich daran.

 

Ich hoffe, auch Sie werden sich heute abend in der wohlbekannten Gesellschaft der liebenswerten Dame einfinden, zumindest wünscht sich dies mein Herz.

 

Glauben Sie mir inzwischen, daß ich hochachtungsvoll bin

 

Ihr untertänigster und aufrichtiger Diener

 

Giuseppe Erzbischof von Tarent“

 

         Geschickt eingefädelt. Der Erzbischof überreicht sein Geschenk zwar persönlich, doch Herder, den er quasi verpflichtet, an diesem Abend ebenfalls anwesend zu sein, wird der Garant seiner lauteren Absichten. Seine Behauptung allerdings, es handele sich um eine schlichte Gabe, ist pure Untertreibung – das weiß Herder auch. Muschelseide, in Sizilien und Süditalien aus den Fasern der Flossenmuschel gewonnen, ist eine Kostbarkeit. Leicht, zart, wärmend, goldbraun mit grünlichem Glanz ist der Stoff, der in mühsamer Arbeit hergestellt wird. Der Erzbischof ist Experte auf diesem Gebiet, besitzt er doch eine umfangreiche Muschelsammlung und hat eine Abhandlung darüber geschrieben, in der die „Deliciae Tarantinae“ (Thomas von Aquin) gleich zu Anfang behandelt werden: „Um die Wahrheit zu sagen, wäre diese Muschel kaum der Rede wert und ohne jede Bedeutung, läge nicht ihr eigentlicher Wert in den Byssusfäden, die die Fischer mühevoll von allem Sand und Unrat befreien, indem sie die Muscheln aufbrechen und die gereinigten Seidenflocken abtrennen. Diese werden dann in Tücher gelegt und … an die fleißigsten und geschäftstüchtigsten tarantinischen Frauen verkauft. Um möglichst feine und gut zu verarbeitenden Fasern zu erhalten, werden die Fasern mit frischem Wasser und Seife gewaschen, um sie von allem Seetang und Unrat zu befreien. … Nachdem sie im Schatten getrocknet sind, werden die Fasern auf einem feinen Kardierband mit abgerundeten Spitzen vorsichtig gekämmt. … Schließlich erhählt man aus einem Pfund Seidenflocken, nachdem der Faserbart abgetrennt wurde, 3 Unzen verspinnbaren Faden …“

 

         Der Herzogin gleich vier Paar dieser überaus wertvollen Handschuhe zu verehren, ist für einen Geistlichen extrem gewagt, denn der Damenhandschuh hat, seit es ihn gibt, eine durchaus erotische Bedeutung. Herder, der ordinierte Protestant, der ab und zu in Hamiltons Haus evangelische Paare traut, die im katholischen Neapel sonst in wilder Ehe zusammenleben müssten, wird also quasi zum Liebesboten, und deshalb versichert Capecelatro ihm wortreich, seine Empfindungen für die Herzogin hätten „nichts mit niedriger Verehrung“ zu tun. Wenn Herder nicht das Gegenteil behaupten und den Erzbischof damit bloßstellen wollte, muss er ihm den Gefallen wohl getan haben …

 

         Louise von Göchhausen ist ebenfalls fasziniert von Giuseppe Capecelatro. Wieland erklärt sie in einem Brief, „… Dieser Mann ist einer der besten, edelsten, geistreichsten, verständigsten Menschen, die je gelebt haben: sein Verstand, seine Wissenschaften, sein Herz, seine Talente sind im gleichen Grad groß, und man muß ihm kennen, um den Enthusiasmus zu begreifen, mit welchem seine ganze Provinz an ihm hängt. Man kann mit Warheit sagen, daß er alle Tugenden seiner Nation ohne einen ihrer Fehler besitzt. Menschen dieser Art waren gewiß die ersten Heiligen, die man nachher durch Tradition anbetete …“

 

         Als klar ist, dass Anna Amalia und Louise Mitte Februar 1789 nach Rom zurückkehren werden, trinken die beiden Damen und der Erzbischof am Vorabend des Abreisetages Punsch miteinander und gehen ohne Abschied auseinander. „Ich lag schon im Bett als sein Bedienter den schriftlichen Abschied brachte“, notiert Louise im Tagebuch. In der Folgezeit entsteht ein reger Briefwechsel zwischen Anna Amalia und Giuseppe Capecelatro, der auch ab und zu kleine Geschenke schickt, ein Päckchen Tabak aus Tarent etwa. Auch an Louise schreibt er manchmal, und sie an ihn. Ob beide Frauen hoffen, ihn wiederzusehen, als sie Ende Mai nach Neapel zurückkehren? Wahrscheinlich schon, denn als die Monate vergehen und Capecelatro sich nicht blicken lässt, beschließt die Herzogin einfach, zu ihm zu fahren. Louise, vielleicht nicht so entflammt wie Anna Amalia, vielleicht ein wenig klüger, verspürt wenig Lust auf diesen Trip ins Ungewisse und notiert „Die bevorstehende Reise machte mich aber eben nicht heiter.“ Das mag am Wetter liegen, das Ende Oktober regnerisch und stürmisch ist, oder auch daran, dass sie befürchtet, der nächste Abschied von Giuseppe Capecelatro würde noch schwerer werden als der erste. Doch Anna Amalia weiß, dass sich ihre italienische Auszeit dem Ende nähert, da sie die Weimarer Staatskasse zu sehr belastet, und sie will Italien nicht verlassen, ohne den Erzbischof von Tarent wiedergesehen zu haben. Ihr muss klar sein, dass diese Reise sowohl teuer, gefährlich als auch anstößig ist. Trotzdem bricht sie am 25. Oktober 1789, begleitet von Einsiedel, Louise von Göchhausen, Goullon, dem Koch und Collina, dem Reisemarschall sowie einer Eskorte aus zwei bewaffneten Wachmännern, auf nach Apulien.

 

         In einem Reisewagen, bespannt mit sechs Mauleseln, geht es hinauf in die Berge, zunächst nach Avellina, am nächsten Morgen um fünf Uhr früh weiter nach Ariano: „Die Gegend immer bergiger die Ortschaften und Städt liegen oben auf denselben und machen sie sehr mahlerisch. man bemerckt hier und da noch Erdfälle und Riße vom letzten Erdbeben das anno 1737 war. Bey Ariano kamen wieder Oelbäume. Die Stadt liegt sehr hoch und man muß einen beschwerlichen Berg hinauf. Wir kamen Abends gegen 5 Uhr schon an, es regnete und war naß kalt“, notiert Louise im Tagebuch.

 

         Als sie die Berge am übernächsten Tag hinter sich lassen, wird es noch ungemütlicher, obwohl das Wetter aufklart: „Wir fuhren durch das schönste fruchtbarste Land, sahen aber bey nahe keine Menschen und noch weniger Häußer. Wir kamen durch Eichenwälder, man sagt daß diese Straße für Räubern nicht sicher sey. unsere Wache aber gab uns Muth Nach den Flächen von Pulien kommen im Winder die Heerden von Abrazo die den Sommer durch auf den Bergen bleiben. Foggia sieht man 2 Stunden weit liegen. Wir kamen um 5 Uhr an und hoffen einen guten Gasthof zu finden, fanden aber einen schlechten Fremde lifen beständig durch die Zimmer und von der Küche war ein beschwerlicher Geruch durch alle Stuben. Die Flöhe fingen hier an sehr lästig zu werden.“

 

         Über Cannae, dem Louise einen längeren Abschnitt widmet und die Schlacht zwischen Hannibal und Aemilius Paullus wiedergibt, fahren sie hinauf zum Benediktinerkloster Santa Maria dei Miracoli, wo sie von dem Abt Don Rogadio herzlich empfangen und bewirtet werden. „Wir vermissten nichts als den ErzBischof, den wir nicht fanden“, schreibt Louise am Abend, doch anderntags werden sie und die Herzogin entschädigt durch eine Klosterführung und die herrliche Aussicht auf Andria, Barletta und Trani, weiß schimmernde Städte mit beeindruckenden Kathedralen am adriatischen Meer, die sie in den nächsten Tagen besuchen werden. So, wie Louise die Ausflüge und das, was sie erlebt, beschreibt, hat sich ihr anfänglicher Widerwillen gegen diese Reise gelegt oder sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Ein Improvisatore sorgt mit aus dem Stegreif deklamierten Versen über antike Themen wie die Fabel von Hero und Leander, begleitet von einem Pianisten, für Unterhaltung; in Andria wird die Herzogin mit Glockengeläut und einem Feuerwerk empfangen. „… bey den Dominikanern bat ein alter Pfaf die Herzogin um Gottes willen sie solle katolisch werden und im Lande bleiben. Wir fuhren sehr vergnügt wieder zurück und der Improvisator und Capel Meister unter hielten uns den ganzen Abend.“

 

         Am nächsten Tag kommt ein Brief vom Erzbischof, in dem er sich vermutlich dafür entschuldigt, noch nicht anwesend zu sein. Ein Ausflug nach Trani verkürzt die Wartezeit, und am 2. November bringt ein Kurier die Nachricht, dass Capecelatro an diesem Abend eintreffen wird. „Den Nachmittag fuhren wir den ErzBischof entgegen, er kam um 7 Uhr Abends an, die Freude ihn wieder zu sehn war sehr groß. Er setzte sich in unsern Wagen und wir kamen glücklich an. Nach dem Soupé kam er noch mit uns und wir schwäzten noch tief in die Nacht.“

 

         Wie schon in Neapel, vergehen die nächsten Tage mit gemeinsamen Ausflügen und abendlichen Gesprächen. Der Erzbischof hat seinen eigenen Wein mitgebracht, es wird ein Choral mit Orgelbegleitung aufgeführt, den er komponiert hat, seine Gedichte werden vorgelesen, und es wird jedes Mal sehr spät, ehe er sich in seine eigenen Zimmer zurückzieht. Immer ist Louise mit von der Partie – bis auf ein Mal. „Nach Tisch kam er wieder zu uns, ich ging allein spazieren. Wir besuchten nachher den Pater Abbate der im Bett ruhte, nach her fuhren die Herzogin der Erzbischof und ich spazieren. … Nach dem Abendeßen blieb der ErzBischof und wir beyden noch bis Mitternacht zusammen.“

 

         Die Herzogin hat also auf einem Gespräch unter vier Augen mit dem Erzbischof bestanden, und Louise vertreibt sich die Zeit, in dem sie in den Klostergärten spazieren geht. Ob sie das Verhalten ihrer Herzogin gutheißt, ob sie sie beneidet, ob sie vielleicht sogar neugierig an der Tür lauscht – darüber verliert sie kein Wort. Es steht ihr nicht zu, Anna Amalia moralische Vorhaltungen zu machen, und auch ihre eigene Zuneigung zu Giuseppe Capecelatro darf sie nicht allzu deutlich zeigen. Einzig und allein die Herzogin hat das Recht, die Aufmerksamkeiten des Erzbischofs zu genießen. Ist Louise eifersüchtig? Oder – anders gefragt – hat sie auf ihre kluge, spritzige Weise versucht, Eindruck auf Capecelatro zu machen, und damit die Herzogin gegen sich aufgebracht? Hat sie gar kokettiert? Gerade weil sie sich ihrer körperlichen Mängel bewusst ist, fällt es ihr leicht, zu flirten, und sie weiß, dass die Komik, die darin liegt, immer ankommt. An Goethe, bei dem sie ohnehin einen anderen Ton anschlägt als in ihrer übrigen Korrespondenz, hat sie am 7. September 1789 geschrieben: „Bury, der nicht länger ohne mich leben kann, verläßt zu Ende dieses Monats das ernste Rom, seinen Michelangelo und Carracio, um mier und den Syrenen auf einige Wochen zu dienen. Hirt kommt auch mit. Übrigens sind jetzt viele meiner Liebhaber abwesend, und es ist mir recht lieb, daß vor der Hand wenigstens diese kommen. Der alte Herr Rath schreibt mir die zärtlichsten Briefe, und wären seine lahmen Füße nicht, er läg auch zu den meinigen …“

 

         Jedenfalls scheint auf dieser Reise etwas zwischen Herzogin und Hofdame vorgefallen zu sein, was sich ein Jahr später, am 17. Oktober 1790, in einem Brief Goethes an Knebel, so darstellt: „Die Herzogin Mutter ist schon seit einem Jahr mit der Göchhausen radikaliter brouilliert, es ist nicht möglich, daß sich das Verhältnis wiederherstelle. Die Herzogin wünscht sie je eher je lieber los zu werden und da die Nostiz (Louises Tante und Hofdame Anna Amalias, Anm. d. Verf.) gestorben, so wird die Sache erleichtert. Sie hat Absicht auf deine Frl. Schwester …“

 

         Lag es an Louises schlechter Laune zu Beginn der Reise nach Apulien? An einer kritischen oder spöttischen Bemerkung über Anna Amalias Beziehung zu Capecelatro? Oder daran, dass die Herzogin es nicht ertragen kann, dass Louise mit ihr um die Gunst dieses außergewöhlichen Mannes wetteifert?

 

         Von einem Zerwürfnis zwischen Herrin und Dienerin ist weder in den Aufzeichnungen Louises noch in denen der Herzogin etwas zu finden, doch zurück in Weimar, stellt Anna Amalia tatsächlich eine weitere Hofdame ein, Fräulein von Wolfskehl. Lousie behält allerdings ihren Status als Erste Hofdame; ihre Stellung am Weimarer Hof erweist sich nicht nur als stabil, sondern im Zuge des Projekts „Italien in Weimar“ auch als äußerst ausbaufähig.

 

         Der Abschied von Giuseppe Capecelatro ist nicht nur für Anna Amalia, sondern auch für Louise von Göchhausen ein einschneidendes Erlebnis: „Der ErzBischof reißte ½ Stunde vor uns ab. Wir hatten nicht voneinander Abschied genommen, mein Herz hatte den schwersten von Italien genommen, aber nicht überstanden. Das Scheiden auf ewig von einen Mann wie der ErzBischof ist eine Art anticipierten Todes.“

 

         Zehn Tage später schreibt sie einen bemerkenswerten Brief an Wieland, der in engem Zusammenhang mit den aufwühlenden Ereignissen in Apulien zu stehen scheint: „Lieber verehrungswürdiger Freund Nach einer 20tägigen kleinen Reise in eine der schönsten Provinzen dieses Königreichs, in Apulien, fand ich bey meiner Zurückkunft Ihren mir so lieben Brief. Von meinem Dank schweige ich. Ihr eigenes Herz sagt Ihnen besser als meine Worte, was Ihr Andenken den meinigen sein muß. Es ahnete mir wohl, daß Sie wußten, wann es Zeit seyn würde, mich wieder im Glauben zu stärken, und mein Brief mit dieser Bitte kreuzte sich mit dem Ihrigen.

 

         Ach, liebster Freund, wie sehr weiß ich, wie sehr fühle ich, wozu Sie so wohlmeinend mich vorbereiten. O könnte man auch vergessen, was man verlassen muß! ich schäme mich beinahe zu sagen, wie sehr mein Herz an diesem Lande, an diesen Menschen hängt; und doch wozu soll ich Ihnen verschweigen, Ihnen, die Sie so gut wissen, was Natur, Schönheit, Güte, Verstand und Wohlwollen auf unser Herz würken. Dieser milde Himmel würckt nur zu wohltätig auf die Geister und Herzen dieser Menschen, und welch ein Genuß ist mit dießen Umgang zu vergleichen. Einen der schwersten Abschiede aus Italien habe ich schon genommen – aber noch nicht überstanden; bey unserer Reise in Apulien gab die Herzogin dem Erz Bischof von Tarent, in Andria, ein rendez-vous. … So wie er geliebt wird, ist er der Herzogin ergeben, so lang er in Neapel war, sahen wir ihm täglich und je länger man ihm kennt, je mehr scheint es einen, daß das ächte Gute aller Art die Eigenschaft des ächten Weins hat, der sich veredelt, so lange er dauert. Von diesen Mann haben wir Abschied genommen – für immer. …“

 

         Selten nur lässt Louise in ihren Briefen so viel echtes, tiefes Empfinden durchblicken. Wieland vertraut sie völlig, und er wird zwischen den Zeilen lesen. Anscheinend hat er ihr mitgeteilt, dass die Abreise aus Italien für die Herzogin und ihr Gefolge bald bevorsteht, und Louise, immer noch unter dem Eindruck der Begegnung mit dem Erzbischof, öffnet ihm ihr Herz, sagt ihm, indem sie ganz Italien und seine Menschen zu meinen vorgibt, dass der Abschied von Capecelatro ihr entsetzlich weh getan hat. Falls sie die Reise nach Apulien tatsächlich zunächst abgelehnt hatte, weil sie sich, klug wie sie ist, davor fürchtete, dass das Wiedersehen die Zuneigung nur vertiefen und die Trennung nur noch schwerer werden würde, hat sie Recht behalten. Je länger das Gute dauert, erklärt sie Wieland, desto besser wird es. Und dann: Abschied für immer.

 

         Wie es Anna Amalia damit geht, darüber gibt es keinerlei Informationen.

 

         Als markiere dieser Abschied tatsächlich einen Wendepunkt der bisher so heiteren, unbeschwerten und ereignisreichen Grand Tour Anna Amalias, überschattet bald darauf ein tragischer Vorfall das neapolitanische Dolce Vita der Herzogin. Während sie und Louise am 1. Dezember 1789 an einer Militärparade in  Capua teilnehmen, kommt ein Bote und meldet, Kammersänger Grave sei unerwartet verstorben. Dass Grave Selbstmord begangen hat, verschweigt man Anna Amalia zunächst.

 

         Was war geschehen?

 

         An Fakten ist wenig bekannt. In ihrem Tagebuch notiert Louise von Göchhausen am 30. November 1789: „Kam Grave Vormittag zum Docktor und hatte Anfälle von Narrheit.“ Und Caroline Jagemann, Sängerin am Weimarer Hoftheater und offizielle Mätresse des Herzogs Carl August, berichtet in ihren Memoiren folgende Szene, die ihr der Arzt, Doktor Huschke, persönlich mitgeteilt habe: „Die Frau Herzogin … machte eines Tages eine Tour nach einer nahegelegenen Villa. Fräulein von Göchhausen begleitete sie. Grave war nicht wohl und hatte sich Tags vorher ein Vesicator (Blasenkatheter, Anm. d. Verf.) legen lassen. Die gnädige Fürstin und das Fräulein kamen noch zu ihm um ihm ein freundliches Abschiedswort zu sagen. In großer Bewegung beschwor er erstere für sein Kind zu sorgen, im Fall er sterben sollte. Sie versprach es, lächelnd über seine trüben Vorstellungen, und verließ ihn, während Fräulein von Göchhausen gut fand noch einen Augenblick zu verweilen um ihm ganz besonders Lebewohl zu sagen, denn sie war immer am freundlichsten mit den Leuten, wenn sie ihnen, wie man zu sagen pflegt, eins versetzt hatte. Das bekam ihr aber diesmal sehr übel. Grave brach in einen Strom von Verwünschungen gegen sie aus, seine Flüche folgten ihr bis zur Thüre, die sie so schnell als möglich zu erreichen suchte. Nach dieser gewaltsamen Anstrengung / erzählte mir der Arzt, der Zeuge dieser Szene war / hüllte sich Grave in seinen Mantel und warf sich auf das Sopha, bot dem Arzt den Rücken mit der Bitte ihm nach dem Vesicator zu sehen. Dieser umfaßte ihn mit der einen Hand unter dem Mantel. Er fühlte sie warm und naß werden. Es rann das Blut des armen Sängers was über sie hinströmte, er hatte sich das Federmesser ins Herz gedrückt. Mein Singmeister Grave hatte sich in Italien erstochen. …“

 

         Berichte aus zweiter Hand wie Friedrich Burys Brief an Goethe vom 22. Dezember 1789: „Eine zweyte betrübung macht Ihr die gleine Hoffdamme mit welcher Sie schon so viele Nachsicht gehabt, aber anjetzo einen genßlichen Haß auf Sie geworfen. mann beschuldigt dieselbe auch daß Sie viele Schuld an Grawes Tod hätte, indem Sie Ihn in vielem Beleytiget, und einige Tägen vor seinem Tod einen grossen Streith noch gehabt hätten“, „on dits“ wie die Bemerkung Sophie von Schardts ein Jahr später: „Die Göchhausen, sagt man, sei ganz und gar in Ungnade gefallen, weil die Herzogin gemerkt, daß sie so viel an ihrer Tür horche und Grave totgeärgert hätte“ sowie schlichte Verleumdungen zweihundert Jahre später, indem Siegfried Seifert unterstellt „Luise von Göchhausen hat, wohl mit vordergründiger Absicht, einen entsprechenden Hinweis zu einem psychischen Problem Graves am 30.11.1789 ins Reisetagebuch aufgenommen“ weisen Louise die Hauptschuld am Tod des Kammersängers zu und führen das Zerwürfnis zwischen Anna Amalia und ihr, das Goethe in seinem Brief an Knebel erwähnt, vor allem darauf zurück.

 

         Als Anna Amalia von Graves Tod erfährt, notiert sie: „Ich mußte den unglücklichen Todesfall von Grave erfahren, der den 30. November gestorben ist. Mit Worten läßt sich’s nicht ausdrücken, was ich empfund. Fritz Bury stand mich bey und blieb den ganzen Tag bei mir.“

 

         Friedrich Bury, ein junger Maler, von Goethe vor allem als Kopist geschätzt – und ausgenutzt –, wird wenig später den Platz Graves im Haushalt Anna Amalias einnehmen. Er zieht in den Palazzo, vermutlich sogar in Graves ehemaliges Zimmer, und bemüht sich in allem um die Gunst der Herzogin. Goethe teilt er mit: „Wie niedergeschlagen die liebe Herzogin ist, nach dem Tod des Grawe können Sie nicht glauben, wenn Sie zuerst seines selbst Mords noch bewußt, wäre Sie ganz Undröstbar; es ist war daß Sie für Ihre grosse Music Liebhaberey worin Sie ganz existiret sehr vieles verlohren; besonders wenn Sie sich wieter nach Deutschland denkt – und die Rebetitionen gehabt von allem dem Schönen was Sie in Italien gehört, wäre Sie herzlich vergnügt gewässen, und nun siehet die gute Dame alles durch den Verlust vereydelt.“

 

         Könnte es sein, dass Anna Amalia gar nicht so sehr um den Menschen als um den Musiker trauert? Am Abend nach der Todesnachricht spielt die Herzogin Karten, am nächsten Tag lässt sie sich von Riedel malen, abends geht sie in die Oper, am Nachmittag darauf ist Konzert, es folgen Ausfahrten, Besuche und Gegenbesuche, als wäre nichts geschehen. Folgt man Bury, so hat sich Anna Amalia ausgerechnet, dass Grave ihr zu Hause in Weimar hilft, die Noten zu ordnen, die sie auf ihrer Italienreise zusammengerafft hat, um sowohl in Konzerten als auch bei Fachgesprächen Italien musikalisch zurückzubringen. Sie hat ihn, obwohl er in Rom beste Aussichten hatte, Karriere zu machen, bereits vor einem halben Jahr gezwungen, sie nach Neapel zu begleiten, und es ist unwahrscheinlich, dass sie seine Pläne, sich in Venedig weiterzubilden, gutgeheißen hat. Grave sollte ihr in Weimar als musikalisches Gedächtnis dienen und sich damit zufrieden geben, auf der dortigen Bühne zu stehen.

 

         Anna Amalias Macht in dieser Hinsicht und ihr Einfluss auf den Sänger wird von denjenigen, die die Katastrophe kommentieren, bis auf das Licht, das Bury unfreiwillig auf die Einstellung der Herzogin wirft, im Dunkeln gelassen. Stattdessen rückt Louise von Göchhausen in den Fokus, sicher nicht ganz zu Unrecht, denn in einer so straffen Hierarchie, wie sie die kleine Hofhaltung Anna Amalias in Italien prägt, gilt – das bezeugen viele Äußerungen, nicht zuletzt Herders – das alte Prinzip „nach oben buckeln, nach unten treten“. Ironischerweise verfügt Louise ganz sichtbar über einen (Hexen-)Buckel, und die Wortwahl, in der die Zeitgenossen über sie schreiben, ist oft entsprechend. So behauptet Caroline Jagemann, bereits Graves Pleite in Rom sei auf die Machenschaften Louises zurückzuführen: „… Diese Dame, sehr geistreich und interessant war nebenbei von der Eigenschaft besessen, gern störend in das Glück oder das Vergnügen anderer einzugreifen, oft ohne andern Zweck als weil es ihr Freude machte. Etwa wie es Giftmischerinnen gab, die ihre Opfer mordeten ohne sie zu hassen, und so hatte sie denn auch hier beschlossen, einen Querstrich zu machen. Sie warnte nämlich den Impreßario vor den Folgen die es für ihn haben könnte, wenn Grave nach dem großen Beifall der zu erwarten stünde, das Engagement in Weimar vielleicht verlassen sollte um in Italien zu bleiben. Die Herzogin würde sich dann gewiß an ihm rächen, der den Anlaß dazu gegeben; er möge sich bei dem Einfluß den die Fürstin auf die ersten Familien der Stadt habe, in Acht nehmen. Genug für einen Italiener, der seinen Vortheil gefährdet sieht. – Grave kam nicht zum Auftreten. Die Frau Herzogin war mit ihrem kleinen Hofe nach Neapel gegangen. Grave mit. …“

 

         Dass Louise den Impressario der Oper vor den Folgen gewarnt haben solle, falls Grave in Rom reüssieren sollte, ist wenig plausibel, schon aufgrund der Tatsache, dass ihr Italienisch in Rom noch recht mangelhaft war. Eine fremde Herzogin und erst recht ihre Hofdame hätten in Rom wohl kaum über genügend Einfluss verfügt, einem Operndirektor Schwierigkeiten zu machen. Auch Jagemanns Bemerkung, „ein Italiener, der seinen Vortheil gefährdet“ sieht, kusche natürlich sofort, ist eher Ausdruck ihrer Vorurteile. Denkbar ist jedoch sehr wohl, dass Louise dem Kammersänger auf ihre ironische Art klargemacht hat, wie Anna Amalia über seine römische Karriere denkt. Die Herzogin hat nicht das geringste Interesse daran, Grave an die große Bühne zu verlieren, und nur sie – nicht Louise – kann seine Pläne in Rom vereiteln und ihn dazu zwingen, mit ihr nach Neapel zu kommen, anstatt als Heldentenor an der Oper zu glänzen.

 

         Immerhin berichten sowohl Jagemann als auch Bury von einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen Grave und Louise kurz vor seinem Tod. Als Anna Amalia und ihr Gefolge im Mai 1790 von Neapel aufbrechen, um über Venedig nach Weimar zurückzukehren, kümmert sich Kammerherr Einsiedel um Graves Nachlaß. Er übergibt Graves Witwe 900 Reichstaler. Zehn Jahre später, in Geldnot geraten, wendet sie sich an Anna Amalia und fordert eine finanzielle Entschädigung für den Tod ihres Mannes. Dabei weist sie auf „Umstände, die einen unglücklichen Einfluß auf sein Gemüth hatten“ hin und droht, sie würde die Gründe für den Selbstmord ihres Mannes „ganz unverhohlen der Welt darlegen“, falls sie kein Geld bekäme (Seifert). Die Herzogin beauftragt Einsiedel, diese Forderung abzuwehren. Ob sie die Drohung ernst genommen und dann doch noch gezahlt hat, ist nicht bekannt.

 

         Recht glaubhaft und möglicherweise gestützt auf Informationen, die sie von ihrem Vater hatte, mit dem Grave korrespondierte, ist Caroline Jagemanns Bericht über den Effekt, den der Misserfolg in Rom auf den Sänger hatte: „Grave war ein höchst leidenschaftlicher Mensch. Er sah sich erniedrigt, seine Künstlerehre compromittirt, auf einmal der Früchte seines langen Strebens beraubt. Von diesem Augenblicke an vermochte nichts ihn wieder zu seiner Spannkraft zu erheben, auch körperlich fing er zu leiden an.“

 

         Zu dem Konflikt um die Hackordnung zwischen zwei Menschen im Gefolge der Herzogin, die einen „rigorosen Umgang mit ihren Untergebenen“ (Seifert) pflegte, kommt also die labile Gesundheit des Kammersängers, die nicht nur durch Jagemann und Louises Tagebucheintrag, sondern auch durch einen Brief Knebels an seine Schwester bestätigt wird: „Mag sagt, er sei in einen verwirrten Gemütszustand geraten; und in der Tat hatte seine Seele nicht eben große Kräfte, um einigen Aufruhr in derselben durch Übermacht der Vernunft zu schlichten und zu bestreiten“. Allerdings irrt sich Caroline Jagemann vermutlich, wenn sie von einem Vesikator, also einem Blasenkatheter schreibt, den der Arzt kurz vor Graves Selbstmord kontrollieren soll, denn die Position, in die sich der Sänger zwecks Untersuchung begibt – bäuchlings auf dem Sofa –, spricht eher für ein Vesikatorium, ein Zugpflaster und zwar, da er den Mantel anbehält und der Arzt blind darunter greift, offensichtlich an einer delikaten Stelle.

 

         Angegriffene Gesundheit, partielle geistige Verwirrung, ein Zugpflaster und die Bitte Graves kurz vor der Abreise Anna Amalias nach Apulien, „für sein Kind zu sorgen, im Fall er sterben sollte“. Mehr Informationen haben wir nicht, doch die Symptome sowie die Todesahnung bzw. der Todeswunsch könnten auf eine mögliche fortgeschrittene Syphiliserkrankung des Sängers hindeuten. Diese Infektionskrankheit, die im achtzehnten Jahrhundert sehr häufig war und vor allem durch Geschlechtsverkehr übertragen wird, verläuft in vier Stadien. Das erste, die akute Infektion, äußert sich durch nässende offene Stellen an den befallenen Geschlechtsorganen, die nach einer Weile verschwinden. Danach ist der Erkrankte oft jahrelang beschwerdefrei, ehe das zweite Stadium mit Haarausfall und weichen Geschwüren, genannt Gummen, beginnt. Der Haarausfall ließ sich zu jener Zeit leicht kaschieren, denn die Männer trugen in der Regel Perücken. Die Gummen, oft im Genitalbereich und am After, wurden mit Zugpflastern behandelt, die mit einer Quecksilbertinktur getränkt waren. Den Patienten gab man außerdem regelmäßig Quecksilberpillen. Quecksilber ist ein hochgiftiges Metall, das zu massiven körperlichen Beeinträchtigungen führt, so zu Übelkeit, Brechdurchfall, allgemeiner Mattigkeit, Kopf- und Nackenschmerzen bis hin zu Zahnausfall, Gedächtnisstörungen und psychischen Veränderungen wie Angst- und Erregungszuständen oder Delirien (Brockhaus). Ein Selbstmord in einem dieser Verwirrtheitszustände oder auch ganz bewusst im Angesicht der tödlichen Krankheit erscheint durchaus denkbar. Zu beweisen ist es nicht.

 

         Grave hat am 6. Oktober 1789, also knapp zwei Monate vor seinem Tod, an Joseph Jagemann geschrieben: „Schönheit des Abends und Morgens … Es ist der Himmel hier – das Paradies auf Erden – man ist für Vergnügen außer sich, wenn man nur aus dem Fenster hinausseiht, auch könnte ich hier sterben – dann hätte ich gelebt“. Was auf den ersten Blick wie eine „merkwürdige Vorwegnahme des Todesthemas“ (Seifert) aussieht, ist hier vielleicht jedoch nichts weiter als jener Gemeinplatz „Neapel sehen und sterben“, der in der Goethezeit bereits sprichwörtlich war.

 

 

 

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