Anatomie

Ein Märchen aus dem hessischen Ried

© Beate Schaefer, 1998/2015

         

Bald war es, als sei er immer schon dagewesen. Er war tot und hatte ein Loch im Kopf, und an ihm war kein Stückchen Fleisch mehr. Seit tausendsiebenhundert Jahren nicht mehr. Ein toter Römer mit einem Loch im Kopf, vom Acker hinter dem Haus. Petra gewöhnte sich rasch an ihn, wie sich Kinder an Klos im Treppenhaus, kratzende Wollunterwäsche oder eben an tote Römer gewöhnen. Ihr Vater hatte ihn beim Pflügen aufgetan, den Schädel und die verstreut liegenden Knochen eingesammelt und in einer Holzkiste nach Hause gebracht. Da Bauern akribische Menschen sind, ließ er das Pflügen vorerst sein, nahm das große Sieb aus der Küche, ging noch viele Male auf den Acker und sammelte alles ein, was er an Knochen und Knöchelchen fand und was zu dem neuen Hausgenossen gehören mochte. Seine kleine Tochter lief mit einem Sieb von weniger Umfang hinterher und machte ihm alles nach – was ihn nicht störte, denn er nahm sie gar nicht wahr. Der Bauer, dessen Sinn allmählich für Knochen geschärft war, fand noch viele davon, kleine und kleinste; das Mädchen aber entdeckte Scherben von rotem gebranntem Ton und, als die Sonne einmal besonders hell funkelte, bückte sich Petra nach etwas Schimmerndem und klaubte zwei bunte Glasperlen aus der weichen Erde. Sie nahm sie mit nach Hause, wusch sie und fädelte sie auf eine Schnur. Niemand kam auf die Idee, auch nicht die Mutter, daß das Skelett in der Holzkiste vielleicht auch eine Frau, eine Römerin, hätte gewesen sein können. Frauen mit einem Loch im Kopf existierten nicht. Das war auch nicht weiter schlimm, denn die Knochen gehörten tatsächlich einem männlichen Wesen. Jedenfalls behauptete das der Mann vom Landesdenkmalamt, ein Archäologe, der von dem Fund gehört hatte und vorbeischaute, um festzustellen, daß der Römer ein Römer und tatsächlich tot war, denn lebendige Menschen interessierten ihn nicht. Er gab sich kurz angebunden, sagte kaum guten Tag, tat, als ob er sich beim Betreten der guten Stube bücken müßte, obwohl er viel kleiner war als der Türrahmen, sah das Loch im Totenschädel, murmelte etwas von: unnatürlicher Tod, keine Brandbestattung, aha, fingerte an einem Stück Knochen herum, an dem noch rote Ackererde klebte, und das ein bißchen aussah wie ein großer Teigschaber, nickte zwei, dreimal bedächtig und verkündete: Mann, ohne Zweifel. Dann vermaß er noch einen länglichen Knochen, der aussah wie die, die immer der Hund bekam, murmelte noch etwas, diesmal Unverständliches, und ging. Danach kümmerte sich das Landesdenkmalamt nicht mehr um den toten Römer mit dem Loch im Kopf, denn das Amt war völlig überlastet; es bekam zuwenig Geld, hatte zu wenige Mitarbeiter und außerdem genug tote Römer, auch solche mit Loch im Kopf. Sie lagen alle ordentlich in Pappkisten mit Nummern, und niemand interessierte sich für sie. Der Landesdenkmalpfleger war froh, wenn er keine toten Römer zu sehen bekam. Der Bauer aber hatte Feuer gefangen. Er fuhr in die Stadt, ging in eine Apotheke und verlangte nach einem Modellskelett. In der Apotheke verwies man ihn in eine wissenschaftliche Buchhandlung, die in der Nähe der Universitätsklinik lag. Dort kaufte er ein Modellskelett aus festem Papier, dessen verschiedene Teile er zuhause nach der Anleitung in langen Nächten zusammenklebte. Da seine Frau um diese Uhrzeit längst schlief, weil sie morgens die erste im Stall war und dazu noch Frühstück machen, die Tochter wecken, anziehen und in die Schule schicken, aber zu allererst die Hühner füttern und ihnen die Frühstückseier klauen mußte, war er in der guten Stube bei seiner Tätigkeit allein. Oder? Natürlich war er nicht allein. Erstens lag da der tote Römer in seiner Kiste und blickte aus hohlen, traurigen Augen zu ihm hinüber, und zweitens kauerte seine kleine Tochter stumm und regungslos beim Ofen und folgte jeder seiner Handbewegungen höchst aufmerksam. Er erwischte sie nie bei ihrem nächtlichen Abenteuer, denn sie erkannte an den Lauten, die er beim Zusammenfügen des Papierskeletts von sich gab, genau, wann er eifrig, wann er zufrieden war, wann er nicht weiterwußte, und wann er zu müde wurde, um weiterzumachen. Dann huschte sie wie der Blitz aus dem Zimmer und kroch unter ihr klammes Federbett in ihrem kleinen, ungeheizten Zimmer. Sie schlief nicht sofort ein, sondern verbrachte noch ein Weilchen mit offenen Augen in der Dunkelheit und dachte an die hohlen, traurigen Augen des Römers. Manchmal stellte sie sich vor, wie er wohl ausgesehen hatte, und sie wartete jeden Abend begierig darauf, daß das Papierskelett endlich fertig wurde, denn das war ja schließlich nur der Anfang!

         Als der Frühling schon fortgeschritten war, hing das Papierskelett endlich vollständig und menschlich von der niedrigen Decke in der guten Stube. Fast vollständig, denn vor lauter Übermüdung durch die Nachtarbeit und die Tagarbeit war dem Bauern der linke kleine Pappfinger verloren gegangen, und als er ihn wiederfand, hatte ihn die Katze am Wickel gehabt, und er taugte nur noch fürs Feuer. Macht nichts, dachte er. Ich habe ja den rechten kleinen Finger. Der wird mir helfen. Also war das Papierskelett ein wenig verstümmelt, doch es war immerhin ein Mann, wie die Bauanleitung unmißverständlich preisgab. Der Bauer und seine Frau und seine kleine Tochter feierten das Ereignis mit einem dicken Schokoladenkuchen und duftendem Kaffee – wobei der Kaffee selbstverständlich den Erwachsenen vorbehalten blieb, was der Tochter nichts ausmachte, da sie Schokoladenkuchen ohne heißen Kakao dazu langweilig fand.

         „Wann baust du den Römer zusammen?“ fragte Petra neugierig.

         „Nach der Ernte“, antwortete ihr Vater.

         „Och, das dauert aber noch so lange.“

         „So ein Jahr ist bald herum“, sagte die Mutter.

         „Bekommt er dann auch Kleider?“ wollte das Mädchen wissen.

         „Ach was. Wozu braucht der noch Kleider?“ sagte die Mutter.

         „Woran sieht man überhaupt, daß es ein Mann ist?“ fragte die Kleine weiter.

         „An dem Knochen da“, sagte der Vater und deutete auf den papiernen Beckenknochen. „An dem hat es der Landesdenkmalpfleger erkannt.“

         „An sonst nichts?“

         „Pfui, sei still“, sagte die Mutter, die Unheil witterte. „An sonst nichts.“

         Das Mädchen war still, aß seinen Kuchen, trank den Kakao und schaute ab und zu auf den toten Römerkopf, der mit hohlen traurigen Augen in der Kiste auf seinen übrigen Knochen lag. Er besaß übrigens nur noch drei Zähne, aber das Mädchen lächelte ihm zu. Sie lächelte ihm noch oft zu, während sie in den folgenden Monaten auf die Zeit nach der Ernte wartete.

Es wurde dann doch November, aber schließlich, an einem trüben, nassen Nachmittag, als die Familie in der Küche im Erdgeschoß um den Herd saß, sagte der Vater: „Heute fange ich den Römer an.“

         Das kleine Mädchen sprang sofort auf. „Ich will auch!“

         „Meinst du, das ist gut für sie?“ fragte die Mutter ihren Mann.

         Der zuckte die Achseln. „Was soll’s ihr schaden?“

         „Sie ist zu vernarrt in das Ding.“

         „Kein Ding!“ rief Petra. „Ein Mann. Ein toter Römermann.“

         „Siehst du?“ sagte die Frau zum Bauern.

         „Kann trotzdem nicht sehen, was es schaden soll“, brummte er, stand auf und ging die Treppe hoch in die gute Stube, wo das Papierskelett vom Deckenbalken hing, und wo der Römer geduldig in seiner Kiste lag. Petra hüpfte hinter ihrem Vater her, und die Mutter sagte nichts mehr dazu.

         Nun begann eine spannende Zeit. Bis auf den Schädel, der eindeutig oben auf das Skelett gehörte, gab es in der Kiste einen Wirrwarr an großen, mittleren, kleinen und winzigsten Knochen. Der Vater nahm den Totenkopf vorsichtig heraus und setzte ihn, weil sonst nirgends Platz war, oben auf den Fernseher. Dann betrachtete er den Knochenhaufen, ging zum Papierskelett, betrachtete auch dieses aufmerksam, nahm ein, zwei Knochen aus der Kiste, hielt sie an verschiedene Stellen des Modells, seufzte und rieb sich das Kinn.

         „Welcher ist das?“ fragte das Mädchen und hielt einen langen, dünnen Knochen hoch, der ein wenig, ein ganz klein wenig gebogen war.

         „Zeig her“, sagte ihr Vater, nahm ihn und hielt ihn gegen das Papierskelett. Als er die Stelle gefunden hatte, wo er hinzugehören schien, beugte er sich vor, um die Beschriftung auf dem Papierteil zu lesen. „Nummer vierunddreißig“, brummte er. „Schau in der Anleitung nach, wie das Ding heißt.“

         Das Mädchen breitete die Anleitung auf dem Boden aus und legte die numerierte Liste daneben. Mit dem Finger fuhr es bis zur Nummer vierunddreißig. „Sp...Spe..i..che“, buchstabierte es.

         „Wir müssen’s draufschreiben“, sagte der Vater. „Sonst vergessen wir’s wieder. Hol deinen schwarzen Filzstift.“

         Das Mädchen sauste davon und holte das Verlangte. Der Vater wollte eine vierunddreißig auf den Knochen schreiben, doch da klebte noch zuviel Erde und Staub dran.

         „Hol eine Bürste und einen feuchten Lappen“, wies er seine Tochter an.

         Wieder hüpfte das Mädchen davon und kam wenig später mit beidem zurück. Der Vater säuberte den Knochen vorsichtig.

         „Warum waschen wir ihn nicht?“ wollte das Kind wissen.

         „Weil ich nicht weiß, ob ihm das bekommt“, erwiderte der Vater. „Vielleicht löst er sich dann auf, und weg ist er.“

         „Oh, nein!“ rief die Kleine. „Ich hole mir auch was zum Putzen.“

         Gemeinsam säuberten sie in tagelanger Arbeit die Knochen, hielten sie gegen das Modellskelett, und schrieben die Nummern darauf, von denen sie annahmen, daß sie dazu gehörten. Es dauerte und dauerte, denn ein Mensch besteht aus vielen Knochen, und der tote Römer war dank der säuberlichen Lesearbeit des Bauern auf dem Acker ziemlich vollständig. Schließlich trug auch der letzte winzige Knochen eine Nummer. Der Vater schaute prüfend auf die Liste, wo er jede Nummer, die er vergab, korrekt abgehakt hatte. Er runzelte die Stirn.

         „Was ist?“ fragte seine Tochter.

         „Es fehlt was.“

         „Was denn?“

         „Siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig.“

         Die Kleine war mittlerweile so vertraut mit der Liste, daß sie die dazugehörigen Namen sofort erwischte. „Fingerglieder“, las sie vor. „Linker kleiner Finger.“

         „Seltsam“, murmelte der Bauer. „Der fehlt dem Modell auch.“

         „Wir müssen nochmal suchen gehen“, sagte das Mädchen.

         „Nächstes Jahr. Erst bauen wir den Kerl zusammen. Er wird eine Weile ohne kleinen Finger auskommen, oder?“ Dabei zwinkerte er seiner kleinen Tochter das erste Mal verschwörerisch zu. 

Sie kicherte und lief hinüber zum Fernseher, worauf der Totenschädel saß. Liebevoll strich sie ihm über das blanke Haupt, vermied aber das Loch in der Schädeldecke. „Bald bist du wieder ganz“, flüsterte sie.

    Und so geschah es. Es kostete den Bauern und seine Tochter viele schlaflose Nächte, und nicht nur einmal stellten sie fest, daß sie einem Knochen die falsche Nummer gegeben hatten. Immer, wenn sie mitten in der schönsten Arbeit waren, hatte zudem der Draht, mit dem sie die einzelnen Teile verbanden, die Tendenz, zur Neige zu gehen, so daß sie bis zum nächsten Tag warten mußten. Aber irgendwann im Februar war es soweit: der Römer war komplett, und es fehlte nur noch der Kopf. Ganz feierlich war den beiden zumute, als der hohe Moment kam.

„Hol ihn“, brummte der Vater. „Nein, warte, hol erst die Mutter!“

Die Mutter kam.

„Jetzt kannst du ihn holen“, sagte der Vater zu seiner Tochter.

Andächtig schritt Petra zum Fernseher, nahm mit beiden Händen den Schädel und trug ihn mit ausgestreckten Armen zu ihrem Vater. Der bohrte nun ein kleines Loch in die oberste Schädelplatte, was kein Problem war, denn das Loch im Kopf, an dem der Römer gestorben war, befand sich eher an der Seite, und befestigte eine kleine Kette mit Öse daran. Dann verknüpfte er den letzten Halswirbel mit dem Schädel. Das ging ihm schnell und leicht von der Hand, denn nach drei Monaten Knochenknüpfen hatte er eine Menge Übung. Der Haken im Deckenbalken, neben dem Modellskelett aus Papier, war auch bereits angebracht.

„Halt ihm die Beine gerade“, befahl der Vater, als er fertig war. „Sie dürfen sich nicht verheddern.“

Das Mädchen tat, was er verlangte, während der Vater den toten Römer langsam vom Boden anhob. Die Knochen rasselten mächtig und schlenkerten hin und her. Der Schädel wackelte. Einer der drei noch vorhandenen Zähne verlor das Gleichgewicht und fiel aus dem Mund des Römers auf den Teppich. Die Mutter bückte sich und hob ihn auf. Gleich darauf hängte der Vater die Öse der kurzen Kette, an der wiederum der Schädel hing, an dem wiederum das Skelett hing, in den Haken am Dachbalken. Das Mächen stabilisierte vorsichtig die Beine, damit sie nicht durcheinanderkamen. Dann traten sie alle einen Schritt zurück und betrachteten ihr Werk. Es zitterte noch ein wenig und klapperte, und es war ein wenig kürzer als das Papierskelett. Aber es war ohne Zweifel ein fast vollständiger Römer mit einem Loch im Kopf, der aus hohlen, traurigen Augen die gute Stube und seine Wohltäter zu betrachten schien. Die Mutter gab dem Vater den Zahn. Er ging hinüber, klappte den Kiefer des Römers auf und steckte ihn wieder an seinen Platz. Einen Moment lang sah es aus, als wolle er dem Skelett wohlwollend auf die Schulter klopfen, doch dann besann er sich und nickte ihm nur kurz zu.

„Soll der Staubfänger nun bis in alle Ewigkeit hier hängen?“ fragte die Mutter, die eifersüchtig war, denn seit November hatte sie von ihrem Mann nicht viel gehabt.

„Soll er“, erwiderte der Bauer. „Mal sehen, ob auf dem Acker nicht auch ein Weib zu finden ist.“

„Au ja!“ rief das kleine Mädchen. „Dann ist er nicht mehr so allein.“

Die Mutter verdrehte die Augen. „Man kann ja niemanden mehr in die gute Stube einladen!“

„Wer uns besuchen will, wird sich an den Gesellen schon gewöhnen“, meinte der Vater.

Petra war hinausgelaufen, doch nun kam sie zurückgerannt. Es hielt etwas in ihrer kleinen Faust verborgen. „Papa, darf ich dem Mann was geben?“ fragte sie.

„Was denn?“ brummte der Bauer.

Sie öffnete ihre Hand. Darin lagen die beiden bunten Perlen vom Acker, aufgezogen auf eine Schnur. „Das da.“

„Na, meinetwegen.“

„Ich komme aber nicht bis da rauf.“

Der Bauer hob seine kleine Tochter hoch, damit sie dem Römer die Perlen umhängen konnte. Der Dornfortsatz des mittleren Halswirbels bildete einen guten Aufhänger für die Schnur, so daß die beiden Perlen genau auf dem Brustbein zu liegen kamen. Nun war er komplett, bis auf die drei Glieder des linken kleinen Fingers, aber die wurden nie gefunden.

Sobald der Vater wieder in die Stadt kam, kaufte er ein weibliches Papierskelett. Im Frühjahr pflügte er seine Äcker mit Argusaugen, und als er dort nichts fand, nicht einmal das kleinste Knöchelchen, grub er seine angrenzenden Wiesen um. Doch auch dort fand er keine Römerin. So blieb der tote Römer mit dem Loch im Kopf allein in der guten Stube, denn die beiden Papierskelette, die neben ihm hingen, konnte man ja nicht als Gesellschaft bezeichnen. Der Bauer verlor irgendwann das Interesse an ihm, denn er ärgerte sich, daß er keine weiteren Funde machte. Nur das kleine Mädchen kam jeden Tag vorbei, grüßte ihn freundlich, fragte, wie es ihm gehe, und lernte seine Knochen auswendig, bis sie aus dem Kopf ein ganzes Skelett hätte zusammenbauen können.

Das ging lange Jahre so; Petra wuchs heran, wurde rundlich und hübsch, streckte sich und wurde noch hübscher, verliebte sich, wurde nicht wiedergeliebt, erzählte ihren Kummer dem Römer mit dem Loch im Kopf, verliebte sich wieder und wurde schließlich eingeladen, in der Diskothek ein paar Dörfer weiter tanzen zu gehen. Sie war wirklich sehr verliebt. Der junge Mann fuhr schon Auto, und er brachte ein paar Freunde und Freundinnen mit. Er hupte laut, als er in den Hof des Bauernhauses fuhr, so daß der Hund anfing, wie verrückt zu bellen. Die Mutter befahl Petra, um zwölf Uhr zuhause zu sein. Es sah hübsch aus, weil es ganz verliebt war, stieg ins Auto zu den anderen, und schon fuhr der junge Mann mit quietschenden Reifen aus dem Hof.

Der junge Mann bezahlte den Eintritt in der Diskothek. Mit dem rosa Stempel auf der Hand, der einen geflügelten Drachen darstellte, fühlte sich Petra zum ersten Mal erwachsen. Die wummernde Musik verursachte ein angenehmes Gefühl im Bauch. Bunte Lichter tanzten an der mit tausend Spiegeln beklebten Decke und sandten ihre Strahlen auf die Tanzfläche. Körper, männliche und weibliche und solche, deren Geschlecht das Mädchen nicht eindeutig erkennen konnte, zuckten und wanden sich im Rhythmus. Es war laut. Ohrenbetäubend laut. Der junge Mann sagte etwas und lächelte. Petra verstand nicht, was er sagte, aber sein Lächeln war süß, und so lächelte auch sie. Er kaufte ihr eine Cola. Die Cola schmeckte ein wenig sonderbar. Das lag an dem weißen Bacardi, aber das wußte Petra nicht. Sie trank und lächelte. Wenig später tanzte es mit dem jungen Mann. Petra hatte schon oft getanzt. Auf Schulfeten, bei Partys, aber noch nie in einer Diskothek. Es war laut, und die Bässe machten, daß der Bauch angenehm vibrierte. Die bunten Scheinwerfer streiften unablässig über die zuckenden Leiber. Die Gesichter der Menschen glänzten und schillerten. Ihre Augen hatten einen starren Ausdruck. Den Ausdruck der Hingabe. Petra tanzte, bis auch ihre Augen diesen Ausdruck annahmen. Der junge Mann lächelte immer noch. Er faßte Petra an der Hand, zog sie an sich. Sie standen ganz still inmitten der wogenden Menge. Er war größer und blickte auf seine Partnerin hinunter. Auf seiner Oberlippe und auf seiner Stirn glänzte Schweiß. Es gefiel ihr. Er lächelte, und dann küßte er sie. Minutenlang, während drumherum die Tanzfläche bebte und brodelte. Grüne, violette, gelbe, rote und blaue Lichter zuckten über die beiden. Da hörte der Song auf. Der junge Mann ließ das Mädchen los. Er lächelte wieder. Der nächste Song begann. Sie tanzten. Erst umschlungen, dann jeder für sich. Petra tanzte immer wilder. Der starre Ausdruck kehrte in ihre Augen zurück. Innen drin war sie glücklich. Sie tanzte ihr Glück. Selbstvergessen. Sie vergaß sogar fast den jungen Mann, so der Musik und ihren Gefühlen hingegeben tanzte sie. Dabei merkte sie nicht, daß der junge Mann weggegangen war. Irgendwann aber verkündete die Stimme des Discjockeys, daß er nun ein paar langsame Lieder spielen wolle. Zum Verschnaufen. Petra erwachte und suchte ihren Liebsten. Lächelnd suchte sie mit den Augen in der Menge nach ihm. Eine Weile suchte sie vergeblich. Sie entdeckte das Mädchen, das vorhin mit im Auto gefahren war. Es hatte sich bei seinem Freund untergehakt und trank Cola. Petra spürte, dass sie Durst hatte! Auf der Suche nach ihrem Liebsten fand sie die halbleere Cola von vorhin und trank einen großen Schluck. Wieder schmeckte das Getränk seltsam. Sie hörte ein Kichern aus einer dunklen Ecke. Petra spähte hinüber und erschrak. Sie hatte ihren Liebsten gefunden. Er stand mit einer zierlichen Blondine halb verborgen im Eingang zu den Toiletten und küßte ihren Hals. Seine linke Hand lag auf ihrem Busen, seine rechte umklammerte ihren Po. Als Petra die kleine Szene lange genug beobachtet hatte, wurde ihr schlecht. Sie setzte sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt auf den Boden. Der DJ spielte nun wieder schnellere Musik. Laut hämmerten die Rhythmen in Petras Kopf. Sie weinte ein bißchen, und zwischendurch nippte sie an ihrer Cola. Endlich hob sie den Blick. Ein wenig verschleiert sah sie die Tanzenden im wirbelnden Licht. Aber was war das? Petra blinzelte, damit die Tränen verschwanden. An dem Phänomen auf der Tanzfläche änderte sich dadurch nichts. Sie sah wohl die Mädchen und jungen Männer und auch die, deren Geschlecht sie nicht eindeutig zuordnen konnte, doch unter dem Lichterdom zuckten und wanden sich lauter Skelette im Rhythmus; ihre Wirbelsäulen bogen sich hierhin und dorthin, ihre Gelenke waren sichtbar wie die Scharniere an einer Tür; Beckenknochen schwangen nach links und nach rechts und kreisten in aufreizenden Bewegungen; die Steißbeine wippten. So sehr Petra auch blinzelte, die Augen zusammenkniff, weg- und wieder hinschaute – die Skelette bedeckte sich nicht wieder mit Muskeln, Sehnen, Fleisch, Haut und Kleidern. Die Schädel grinsten und starrten hohläugig ins Lichtermeer. Da bekam sie es mit der Angst. Ohne ihren Mantel zu holen, rannte sie wie vom Teufel gejagt aus der Diskothek, rannte die Landstraße entlang, bis es hinaus auf die Felder kam, rannte und rannte bis zum nächsten Dorf, und erst da ging ihr die Puste aus. Sie trottete langsam, verwirrt und unglücklich nach Hause. Ehe sie zu Bett ging, blieb Petra lange nachdenklich vor dem toten Römer in der guten Stube stehen. Sie sah ihn stumm an, und er blickte stumm zurück. Dann ging sie ins Bett und schlief den ganzen Sonntag durch. Am Montag schwänzte sie die Schule, weil es den jungen Mann nicht wiedersehen wollte, der zwei Klassen über ihr war. Die Mutter kam besorgt nach oben. Petra sah ihre Mutter als Skelett und schrie. Der Vater kam auch. Petra sah auch hier nur sein Skelett. Aber sie schrie nicht noch einmal und verriet davon nicht einmal dem Doktor etwas, den die Eltern holten. Wie hätte sie ihm auch erklären sollen, daß er, wenn sie ihn anschaute, nicht viel anders aussah als der tote Römer in der guten Stube? Petra war ein tapferes Mädchen und fand sich ziemlich bald damit ab, die Menschen, denen sie begegnete, nur noch als Skelette zu sehen, denn die langen Jahre mit dem fleischlosen Römer hatten ihre Spuren hinterlassen. Am Donnerstag raffte sie sich auf und ging zur Schule. Dem jungen Mann, der wegschaute, als er es sah, und rote Ohren bekam, gönnte sie keinen Blick. Oder doch nur einen ganz kurzen, um sich zu vergewissern, daß auch er ein Skelett war. Da mußte sie fast lachen.

In der Kirche am nächsten Sonntag erzählte der Pfarrer wieder einmal vom Jüngsten Gericht, und daß die Toten wiederauferstehen. Petra kannte die Geschichte gut genug. In ihrem Katechismus zu Hause schaute sie lange das Bild an von den Gerippen, die sich aus den Gräbern erheben und danach angeblich in den Himmel oder in die Hölle kommen. Erstens bemerkte sie, daß der Mensch, der die Gerippe gemalt hatte, von Skeletten offensichtlich keine Ahnung hatte. Und dann überlegte sie ziemlich ausgiebig, ob das Jüngste Gericht nicht bereits längst stattgefunden hatte. All die Skelette, die sie sah, wenn sie auf die Straße ging, all die hohläugig glotzenden Schädel, die im Kino in den Reihen vor ihr saßen – konnte es nicht sein, daß man sich die Hülle aus Fleisch und Haut nur einbildete, weil das Fernsehen nichts anderes zeigte? Redete nicht selbst der Pfarrer ständig davon, daß zuviel Fernsehen verblödete? Nein, das hatte er natürlich nicht gesagt. Wie drückte er sich noch aus? Aha, jetzt erinnerte sich das Mädchen: Das Fernsehen vermittelt ein falsches Weltbild, hatte er gesagt. Das mußte heißen: ein falsches Bild von den Menschen. Konnte es nicht sein, daß in Wahrheit überall nur Gerippe herumsaßen, herumstanden, herumliefen? Wer hätte dann noch sagen können, ob es Frischmenschen waren oder Wiederauferstandene? Eine Frage blieb dann aber noch: war man jetzt im Himmel oder in der Hölle? Petra, nach ihrer Erfahrung mit dem jungen Mann, neigte unbedingt zu Letzterem.

Von nun an mied sie Männer. Sie ging von der Schule ab, machte eine Ausbildung als Röntgenassistentin bei einem Arzt in der Kreisstadt und wurde zur jungen Frau, ohne daß diese in einem Mann jemals wieder anderes gesehen hätte als ein mehr oder weniger guterhaltenes Skelett. Eines Tages jedoch kam ein Patient zum Röntgen, ein nicht mehr ganz junger Mann, wie sie, ohne zu wissen, daß er nur noch wenig blondes Haar hatte und eine Brille trug, anhand seiner Zähne erkannte. Doch woher kam das Kribbeln im Bauch, als sie ihn erblickte? Oder war es nicht vielmehr ganz ähnlich wie das Wummern damals in der Diskothek, das sie so wohlig erzittern ließ? Sie schaute genauer hin. Noch genauer. Es konnte nicht sein! Nein, nicht wahr? Sie starrte den Mann so intensiv an, daß er unsicher wurde und fragte, ob er später noch einmal wiederkommen sollte.

„Nein, nein“, sagte sie. „Sie hatten einen Termin?“

„Um halb zwölf.“ Er nannte seinen Namen.

„Sie können ins Wartezimmer gehen.“

„Danke.“

Sie blickte ihm hinterher. Es gab keinen Zweifel. Der Mann wies genau dieselben Merkmale auf wie der tote Römer in der guten Stube zu Hause. Sein Gerippe glich dem des anderen bis aufs Knöchelchen. An seiner linken Hand fehlte sogar der kleine Finger! Ihr Herz klopfte zum Zerspringen.

Als er später aus der Kabine kam und gehen wollte, lächelte sie ihn an, wie sie noch nie einen Mann angelächelt hatte. Verblüfft blieb er stehen.

„Ist etwas?“ fragte er.

Petra wurde rot. „N..nein.“

Er betrachtete sie genauer. Sie war hübsch, mit braunen Locken, dunklen Augen und einer kurzen, frechen Nase. Die Figur nicht zu schlank, aber auch nicht dick. Ihre Fingernägel waren rot lackiert; ihre Lippen glänzten einladend. „Haben Sie heute abend schon was vor?“

„N..nein“, stammelte sie.

„Darf ich Sie zu einem Bier einladen?“

Sie konnte nur stumm nicken.

„Ich hole Sie nach der Arbeit hier ab.“

Wieder nickte sie.

Bald brachte sie ihn das erste Mal mit nach Hause. Er rümpfte etwas die Nase, als er den großen Hof vor dem Bauernhaus betrat, und sah sich wenig später einigermaßen betroffen in der altmodischen Küche um, in der noch auf einem Holzfeuerherd gekocht wurde, und wo die Katzen über den Tisch spazierten. Aber die junge Frau nahm ihn mit in ihre kleine Schlafkammer, und da sie entschlossen war, herauszufinden, ob man Männer auch noch an etwas anderem als an ihrem Beckenknochen erkennen kann, wurde es eine aufregende, erfolgreiche Nacht. Am nächsten Tag stellte sie ihren Bräutigam dem toten Römer vor, denn schließlich besaßen beide das gleiche Skelett, wenn auch dem Verlobten das Loch im Schädel fehlte.

„Er hat auch keinen kleinen linken Finger“, sagte die Braut.

Ihrem Verlobten war der Hinweis auf seinen Makel peinlich, und er schob die linke Hand in die Hosentasche.

Die Braut lächelte, weil sie ja durch seine Kleider und seine sterbliche Hülle hindurchsah. „Meine Eltern haben drüben hinter der Scheune ein neues Haus gebaut“, berichtete sie. „Ab dem Herbst können wir hier einziehen. Dann gehört es mir. Vater geht in Rente und gibt die Landwirtschaft auf.“

„Aha“, sagte der Bräutigam nur, denn er wäre lieber in das neue Haus gezogen. Trotzdem kaufte er einen Ring und steckte ihn seiner Auserwählten an den Finger. Die Äcker hinter dem Haus – danach hatte er sich erkundigt – waren Bauland und sollten von der Gemeinde erschlossen werden. Seine Braut würde einmal reich sein, wenn sie erbte und den Grund und Boden nicht verschleuderte.

Die Hochzeit wurde für Oktober geplant. Der Bräutigam kam im August mit einem befreundeten Bauingenieur, der das alte Bauernhaus begutachten sollte.

„Am liebsten würde ich die Bude abreißen“, sagte er. „Aber das geht nicht. Meine Verlobte hängt an dem alten Kasten. Trotzdem – ich will große Fenster. Ein paar Wände müssen raus. Und so weiter. Man muß ja wenigstens anständig leben können!“

Der Bauingenieur sah die eingemeißelte Jahreszahl über dem Türsturz und schüttelte den Kopf. „Kannst du vergessen. Jedenfalls die Fenster und wohl auch noch manches andere. Dieses Haus steht unter Denkmalschutz.“

„Und das bedeutet?“

„Alles, was du veränderst, muß von mehreren Behörden genehmigt werden. Das dauert.“

„Und ich darf nichts?“

„Jedenfalls nicht alles.“

„Scheiße“, sagte der Bräutigam. „Und von dem verdammten Skelett will sie sich auch nicht trennen!“ Er konnte ja nicht wissen – denn sie hatte es nie jemandem erzählt – daß er in den Augen seiner Braut auch nichts weiter als ein Skelett war, das ihr nur dann fleischlich und blutwarm vorkam, wenn sie ihn anfaßte. Und das kam in letzter Zeit immer seltener vor.

Die Braut war noch hübscher und üppiger geworden. Ihr weißes Kleid war zwar von der Stange, aber sie trug es wie eine Prinzessin. Das ganze Dorf saß in der Kirche und wartete. Die Glocken läuteten zur Hochzeit. Sie läuteten lange. Die Gemeinde wartete. Die Braut wartete. Ihre Eltern warteten. Ein paar Freunde des Bräutigams warteten. Der Pfarrer wartete. Alle warteten ziemlich lange. Doch der Bräutigam kam nicht. Er kam einfach nicht. Als lange genug gewartet worden war, sagte der Pfarrer die Trauung ab. Es tat ihm leid, denn so bekam er nichts vom Hochzeitsschmaus, doch er kannte die Menschen und wußte: dieser Bräutigam kommt nicht mehr. Die Braut hatte ganz große, erschrockene Augen. Aus diesen Augen blickte sie die Menschen an, die zu ihrer Hochzeit gekommen waren. Jene Menschen erschienen ihr alle als Skelette. Lange, kurze, breite, schmale Skelette. Mit langen oder kurzen Armen. Mit breiten Hüften oder schmalen, mit x-Beinen oder o-Beinen, mit allen Zähnen oder mit nur noch ein paar. Das wichtigste Skelett aber – ihr Bräutigam – fehlte. Die geladenen Gäste begaben sich langsam zum Kirchenportal. Sie wollten nach Hause, denn da es hier nichts zu essen und zu trinken geben würde, mußte man anderweitig dafür sorgen. Sie drängelten sogar. Die Elternskelette standen traurig und stumm neben ihrer Tochter. Sie war ganz starr und kalt. In ihren großen braunen Augen glitzerten Tränen, aber sie rollten nicht über die Wangen. Stockend ging Petra hinüber zu ihrem kleinen alten Bauernhaus. Ihre Bewegungen waren seltsam abgehackt, unbeholfen. Ein paarmal stolperte sie über den Saum ihres weißen Brautkleides. In ihr war alles tot. Sie machte die Tür hinter sich zu und schritt langsam die Treppe hinauf, bis sie in ihr kleines Zimmer kam, das immer noch nicht anders aussah als damals ihr Mädchenzimmer. Ein paar Bücher, ein paar Puppen, ein schmales Bett, ein schmaler Schrank, ein kleiner Tisch, ein blinder Spiegel. An den Wänden die verblichene Blümchentapete. Mechanisch zog sie ihr Brautkleid aus und die Strümpfe und die Wäsche. Dann zog sie ihren alten Schlafanzug an. In ihrem Kopf war alles leer. Sie spürte nichts, wollte nichts. Es ist alles vorbei, dachte sie nur immer wieder. Es ist alles vorbei.

Petra tat, was sie schon als kleines Mädchen immer getan hatte: Sie ging in die gute Stube und trat vor den toten Römer mit dem Loch im Kopf, der immer noch an seinem Haken von der Decke hing.

„Er ist nicht gekommen“, sagte sie zu ihm. „Dabei hatte er genau deine Knochen.“

Der tote Römer sah sie aus hohlen, traurigen Augen an und schwieg.

Da konnte sie nicht mehr anders und fing an zu weinen. Sie weinte achtundvierzig Stunden lang, aber ihr Unglück wurde nicht besser.

„Ich muß sterben“, sagte sie zu dem Skelett. „Es ist alles vorbei.“ Sie nahm den Knochenmann vom Haken und setzte ihn aufs Sofa. Dann schaltete sie den Fernseher ein, zappte ein paarmal hin und her, bis sie einen Spielfilm gefunden hatte, und setzte sich neben den toten Römer auf die Couch. Sie nahm seine Hand, die linke mit dem fehlenden kleinen Finger, hielt sie fest und wartete auf den Tod.

Tagelang saßen die beiden nebeneinander, der Knochenmann und die verlassene Braut. Der Fernseher lief vierundzwanzig Stunden. Niemand kam, niemand ging. Die Braut fühlte, wie sie langsam schwächer wurde. Es tat gut. So sollte es sein, das Sterben. Sie rührte sich nicht und hielt die Hand des Skeletts neben sich ganz liebevoll, ganz fest.

Da sie den Blick starr auf den Fernseher gerichtet hielt, auch wenn ihre Augen müder und müder wurden, sah sie nicht, wie merkwürdig sich der tote Römer neben ihr veränderte. Etwas ging mit ihm vor! Je dünner sie wurde, je mehr ihr Fleisch verdorrte und die Lebenssäfte schwanden, desto weniger skelettartig schien der Mensch an ihrer Seite. Wo sie abnahm, setzte er an. Es war, als nehme er das, was sie freiwillig verlor, um seine klapprigen Knochen mit Sehnen, Blutgefäßen und Muskeln zu bedecken. In dem Maße, wie sie verhungerte, schien er aufzublühen; ohne es zu wissen, teilte sie mit ihm, was an Leben noch in ihr war, was sie an Innereien besaß, an Gehirn, an Haut und Haaren. Die Hälfte von allem schließlich war in ihm und an ihm, die andere Hälfte noch bei ihr. Sie lebte, gerade noch. Er lebte, gerade wieder.

Irgendwann, am zwölften Hungertag, kurz nach Mitternacht, als der Spätfilm begonnen hatte, spürte sie plötzlich, daß sich neben ihr etwas regte. Sie war bereits zu schwach, um zu erschrecken, aber sie wandte mühsam den Kopf und kam gerade zurecht, um zu sehen, wie die Haut über dem Loch im Kopf des Römers zusammenwuchs und dort eine kleine Delle bildete, denn das Loch ging natürlich nicht weg.

Auch der Römer drehte den Kopf. Er bekam gerade braune Locken und hatte braune Augen. Lange sahen sie sich an. Ganz stumm. Ganz verwundert. Sie bemerkte, daß nicht mehr nur sie seine Hand hielt, sondern auch er ihre Hand hielt. Auf der Fernsehermattscheibe geschah gerade ein Mord, untermalt von einer kreischenden Frauenstimme und dramatischer Musik. Die beiden hörten nicht hin, sondern blickten einander nur in die Augen.

„Hallo“, sagte die junge Selbstmörderin schließlich. Ihre Stimme war ganz dünn vom Hungern.

„Hallo“, sagte der Römer und lächelte. Ein paar Zähne fehlten ihm immer noch.

Im Fernsehen jaulten Polizeisirenen.

„Ich habe Durst“, sagte die Braut.

„Ich auch.“

„Ich habe Hunger.“

„Ich auch. Wo ist der Kühlschrank?“ fragte der Römer, denn zwölf Tage Fernsehen hatten ihn umfassend mit den Gegebenheiten der Moderne vertraut gemacht.

„Unten.“

„Hast du Bier?“

Sie nickte. „Bring das Telefon mit. Wir bestellen eine Pizza.“

„Zwei!“

„Gut.“

Er löste seine Hand, an der der kleine Finger fehlte, aus Petras Hand und stand vorsichtig, ganz, ganz vorsichtig auf, als traue er der Standfestigkeit seiner Beine nicht. Aber es funktionierte! Er schwankte ein wenig und schlurfte, als er zur Treppe ging, doch das lag vermutlich an der Entkräftung.

Im Fernsehen wurde Werbung eingeblendet. Eine Familie saß beim Frühstück, trank duftenden Kaffee und schmierte goldgelbe Margarine auf die Brötchen.

Petra lief das Wasser im Mund zusammen.

Bald kam der Römer wieder. Er kaute auf einem Apfelstückchen und hielt Petra den angebissenen Apfel hin. „Iß.“

Sie biß herzhaft hinein, daß es nur so krachte. Im gleichen Moment öffnete er die erste Bierflasche. Weißer, köstlich duftender Schaum floß über. Er leckte ihn ab und reichte die Flasche seiner Gefährtin. Durstig trank sie das Bier in einem Zug aus. Er hatte schon die zweite Flasche geöffnet und gleich darauf ebenfalls geleert.

„Hast du das Telefon?“

„Hier.“

Sie wählte die Nummer des Pizzaservice. „Zweimal Pizza Piccante mit extra Käse und extra Oliven“, bestellte sie. „Beeilung! Ach - und einen großen italienischen Salat.“

Der Spielfilm im Fernsehen ging weiter. Der Kommissar war ein gutaussender Mann, und die Verdächtige eine schöne junge Frau.

Petra und ihr Römer saßen auf dem Sofa, hielten sie an den Händen, tranken Bier und schauten den Film an.

Irgendwann klingelte es, gerade, als wieder Werbung kam.

„Sag ihnen, sie sollen raufkommen“, bat Petra. „Die Tür ist offen.“

Der Römer ging zum Fenster, öffnete es, und rief hinunter: „Die Tür ist offen. Bitte raufkommen.“

Der Pizzalieferant brachte das Essen, kassierte und fuhr wieder weg. Auf dem Tisch der guten Stube standen zwei große Pappschachteln und eine runde Aluschüssel. Die Pizza duftete herrlich. Die beiden Halbverhungerten rissen die Deckel auf und machten sich ohne Besteck über die Köstlichkeiten her. Sie schmatzen und kauten, weil es um ihr Leben ging, ihre Finger trieften, und ihr Kinn glänzte vom Fett.

Der Spielfilm im Fernsehen näherte sich seinem Ende. Der Mörder wurde gejagt. Die verdächtige junge schöne Frau war natürlich unschuldig.

„Ah“, seufzte Petra endlich gesättigt. „Das war gut.“

„Und ob“, bestätigte der Römer und nahm wieder ihre Hand, denn da er fast satt war, genügte es, mit einer Hand weiterzuessen. „Was kochen wir morgen?“ fragte er.

Woraufhin Petra ihm den Inhalt ihrer Gefriertruhe aufzählte.

„Gut“, sagte er. „Wir kochen eine Hühnersuppe, danach gibt es ein Risotto mit Pilzen, und danach machen wir ein echtes Wiener Schnitzel!“

„Und Schokoladenpudding zum Nachtisch!“ rief sie.

Sie sahen sich begeistert an und lachten. 

Im Fernsehen war der Mörder endlich gefaßt, und der Kommissar der Gefahr entronnen. Hätten die beiden hingeschaut, hätten sie gesehen, wie sich die junge Schöne, einstmals des Mordes verdächtig, an ihn schmiegte. Großaufnahme. Kuß. Abblende.

Aber die beiden auf dem Sofa schauten nicht hin. Sie sahen sich in die braunen Augen, ganz lange. Dann lehnten sie ihre Stirnen aneinander, bis sich ihre Nasenspitzen berührten.

„Vanillepudding mit Himbeersoße“, sagte der Römer, Nase an Nase, Stirn an Stirn. „Ich habe einen Wunsch frei, weil ich länger nichts gegessen habe als du.“

Petra erwiderte nichts, lächelte nur und küßte ihn ganz schnell.

Im Fernsehen kamen die Zweiuhrnachrichten.

„Vanillepudding“, flüsterte Petra nach einer Weile zärtlich. „Mit Himbeersoße.“

Und so geschah es.

 

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