Beate Schaefer

Die seltsame Hochzeit des Raymond von Nyda

Eine romantische Erzählung

© Beate Schaefer, 1992/2024

 

Zu Hause! Hatte ich sie nun vermisst, diese klamme Kühle meines Zimmers, in dem der riesige Schlund des Kamins dem Feuerchen, das in ihm glimmte, hohnzusprechen schien? In gräflichen Häusern wird nie gut geheizt – und Schloss Nyda, seit mehr als vier Jahren nun mein Heim als Erzieher des Grafensohnes, machte da keine Ausnahme. Ich ging hinüber zum Fenster und sah hinaus in die Dämmerung. Hatte ich sie nun vermisst, diese alten Ulmen, Buchen und Eichen im Park, deren Blätter Knospen gewesen waren, als wir aufbrachen zur Kavalierstour nach Süden? Nun hing das Laub schlaff und schwer vor Nässe an gelockerten Stielen oder taumelte seinem Ende entgegen. Noch saß mir das Rumpeln der Kutsche in den Knochen, und vieles in mir war noch unterwegs, war nicht zurückgekehrt, hatte vielleicht sogar die Grenzen zwischen dem Land der heiligen Trümmer und diesem merkwürdigen Gebilde, das sich Deutschland nennt, noch nicht überschritten ...

            Wir leben in einer Zeit, in der der Körper schneller reist als das Gefühl, und wir bauen auf den Geist, der alles wieder zusammenfügen soll.

            Das fremde Mädchen fiel mir ein, ja, fremd immer noch, auch nach dreiwöchiger Reise, die wir zusammen in der Kutsche verbracht hatten. Jene sizilianische Bauernmagd, die nun in einem Zimmer dieses feuchten, kalten Schlosses darauf wartete, Raymonds Frau zu werden.

            Absurd, dass das Tempo, mit dem sich die Seele an Veränderungen gewöhnt, gegen die moderne Reisegeschwindigkeit wie ein Wettrennen zwischen dem hinkenden Hephaistos und dem Sonnenwagen des Helios anmutet. Hätte Raymond auch dann seinen Eltern ein Mädchen ohne Herkunft und Namen als seine Braut präsentiert, wenn wir im Gleichschritt von Gefühl und Körper, nämlich zu Fuß, nach Hause gereist wären? Müßige Spekulationen! Das Mädchen war nun hier, und ich hatte es nicht verhindern können.

            Der Graf gab mir gleich nach unserer Ankunft in einer kurzen Unterredung kalt und höflich zu verstehen, dass mich keine besondere Schuld träfe an dem, was geschehen sei. Raymond sei seit drei Monaten volljährig und für sein Tun selbst verantwortlich. Mein Wort habe vielleicht die Autorität des Lehrers und das Gewicht des Freundes – und er nehme an, dass ich hiervon Gebrauch gemacht habe – doch das sei in diesem Fall wohl nicht genug gewesen.

            Ich nickte nur stumm. Man sei übereingekommen, fuhr der Graf fort, dass ich auf jeden Fall weiter im Hause bleiben solle, da Raymond mir vertraue, und jede Person, die auch nur den geringsten Einfluss auf ihn auszuüben in der Lage sei, gebraucht würde. Dann verabschiedete er mich mit einer Handbewegung.

 

War das Gespräch mit dem Grafen etwas, dem ich ohne Furcht entgegengesehen hatte, so verursachte mir drei Tage später die Nachricht eines Lakaien, dass die Gräfin mich zu sehen wünsche, ein unangenehm flaues Gefühl im Magen. Sie war eine jener Frauen, deren Schönheit wie die einer Heckenrose ist: zart, leuchtend, und schnell verblüht. Im Unterschied zu vielen ihrer Altersgenossinnen hatte sie sich jedoch nicht in hypochondrische Kränklichkeit zurückgezogen, sondern bezog all ihre Energie aus ihrem Sohn, den sie im Sinne jenes Wahren, Schönen, Guten erzogen hatte, dem sie selbst nachstrebte. Die Gräfin von Nyda stand in Korrespondenz mit den führenden Köpfen der Zeit, wobei sie allerdings die Dichter und die Gelehrten der noch jungen Altertumswissenschaften den Philosophen und Naturforschern vorzog. Sie hatte ein Bändchen mit Sonetten verfasst, das nun in rotes Maroquin gebunden auf einem Tisch im Salon lag. Die Genugtuung, dass Raymond ihr in diesen Neigungen folgte, war ihr Lohn genug. Er war ihr in vielem ähnlich, besaß dieselben feinen Gesichtszüge, dieselben eleganten Hände, und hatte dieselbe instinktive Abneigung gegen alles, was laut, vulgär und hässlich war. Doch seine Zartheit erwies sich im Gegensatz zu der seiner Mutter als durchaus angeboren. Von Kindesbeinen an wurde seine Gesundheit immer wieder von heftigem Fieber verwüstet und war in ihrem besten Zustand allenfalls als zufriedenstellend zu bezeichnen. Die frühe Bekanntschaft mit der Dichtkunst hatte bald dazu geführt, dass sich sein leicht erregbares Gemüt in die verstiegensten Phantastereien flüchtete. Kurz, Raymond litt unter all jenen Verheerungen, die wahre Empfindsamkeit in einem jungen Mann hervorrufen kann. Er war nun seit drei Monaten einundzwanzig Jahre alt.

 

Die Gräfin sagte nichts, als ich eintrat, sondern sah mir nur verzweifelt in die Augen. Doch diese Pose gab sie schnell auf. Ihr Interesse galt nicht unserer Reise, die sie ursprünglich vorgeschlagen und trotz einer leichten Erkältung, die Raymond Ende Februar befallen hatte, nicht aufgeschoben wissen wollte. Sie war als die übliche Grand Tour geplant gewesen und wäre es auch beinahe geworden. Vielleicht mochte es etwas ungewöhnlich erscheinen, dass wir Ravenna besucht hatten und dort das Grabmal Theoderichs, doch die Legende dieses großen Kaisers gehörte zu den Lieblingsthemen Raymonds. Vielleicht war es nicht üblich, dass wir auch dann in Rom ausharrten, als die Saison längst vorüber, die Besucher weitergezogen und die Einheimischen in die Sommerfrische ausgewandert waren. Der verlängerte Aufenthalt in Rom ging auf meinen Wunsch zurück. Ich verdankte ihn der heiteren Großmut Raymonds, der sich hier so wohl fühlte wie irgendwo. Er kannte meine Leidenschaft für die Mythologie der Griechen und Römer und fühlte mehr als er verstand, was es für mich bedeutete, in der kleinen Klosterbibliothek von San Clemente ein Manuskript entdeckt zu haben, dass ganz offensichtlich die mittelalterliche Abschrift eines antiken, verloren geglaubten Textes darstellte und vom Hirtenleben des Troersohnes Paris auf dem Berg Ida erzählte.

            Während ich in den kühlen Gewölben von San Clemente mehrere Stunden des Tages damit zubrachte, diesen Text zu kopieren und zu übersetzen – und nebenbei ständig auf weitere üppige Beute aus den unerschlossenen Reichtümern dieser Bibliothek hoffte –, vertrieb sich Raymond die Zeit mit einer Gruppe junger Künstler, die entweder kein Geld oder keine Einladung erhalten hatten, den Sommer in den Bergen oder am Meer zu verbringen.

            Doch dies alles war von geringem Interesse für die Gräfin, und ich war froh darüber, stellte doch meine eigenmächtige Änderungen unseres Reiseplans eine Anmaßung dar.

            Sie überging meine einleitenden Bemerkungen und forderte mich dann in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, auf, ihr genauestens über jene Ereignisse in Sizilien zu berichten, die zu der furchtbaren Verblendung ihres Sohnes geführt hatten. Das „Geschöpf“, wie sie die selbsterwählte Braut Raymonds nannte, musste ihn verhext haben.

            Ich ging auf solche Vermutungen nicht ein und begann wahrheitsgemäß und schonungslos zu erzählen:

 

„Durch unsere Säumigkeit in Rom trafen wir erst Anfang Oktober in Sizilien ein, wo Raymond, ganz im Banne der Reden Ciceros gegen Verres, den gewaltigen dorischen Tempel von Segesta besuchen wollte, dessen vergoldete Dianastatue jener unselig-raffgierige Statthalter geraubt und damit Cicero das wichtigste Argument seiner Anklage geliefert hatte. Der Werkstein des Tempels, allen Marmors und Schmucks beraubt, leuchtet von Natur aus golden gegen den blauen Himmel. Während ich mir Mühe gab, diesen Goldschimmer in einem Aquarell einzufangen, unterhielt Raymond mich damit, aus den Reden Ciceros zu zitieren – was sich, nebenbei gesagt, in der felsigen Einöde recht wunderlich ausnahm.

            Doch bald begaben wir uns auf Eselsrücken weiter ins Landesinnere. In einem kleinen Bergdorf, so hatten wir erfahren, sollte Freitagnacht ein Fest, ähnlich unserem Erntedank, stattfinden, das hier jedoch einem ganz urtümlichen sizilianischen Aberglauben entsprang und den ,Jungfrauen der Saat‘ geweiht war. Als ,Jungfrauen der Saat‘ werden auf Sizilien kurioserweise die Vogelscheuchen verehrt, und tatsächlich waren uns in den fruchtbaren Gebieten der Insel eine große Anzahl dieser bunt herausgeputzten hölzernen Gestalten aufgefallen. Wir stellten Spekulationen über den Ursprung dieses Aberglaubens an und versuchten ihn damit zu erklären, dass in einem so armen, bäuerlichen Land wohl jedes Korn, das nicht in den Magen eines tierischen Samenfressers wandert, von höchstem Wert und Nutzen sei. Diese Vermutung erzählten wir unserem Reiseführer und Eseltreiber, einem vertrockneten Männlein unbestimmbaren Alters.

            Er aber lachte nur und sagte: ,Auf den ersten Blick vielleicht. Wie dumm wären wir jedoch, hätten wir nicht längst erkannt, dass eine Vogelscheuche auf dem Acker genau so wenig nützt wie schadet. Einer kurzen Zeit der Gewöhnung nur bedarf es, und dann ist sie Kumpan all jener Gesellen, die an den Früchten unserer Mühen schmarotzen.‘

            ,Aber wie kommt es dann‘, fragte ich, ,dass ihr sie trotzdem zu Hunderten aufstellt, dass ihr Feste feiert ihnen zu Ehren, dass ihr sie verehrt wie Heilige?‘

            Der Alte sah mich prüfend an und fragte dann: ,Kennt Ihr die Sage von Proserpina, der Tochter der fruchtbaren Ceres, die das Korn reifen, die Äpfel schwellen und die Trauben in Purpur erglühen lässt?‘

            Ich nickte, doch der Alte fuhr unbeirrt fort: ,Proserpina erweckte Begierde in Pluto, dem Herrscher der Unterwelt, und er entführte sie. Die Tochter des Lebens schmachtete nun in den Kammern des Todes, doch schließlich erweichte das Flehen der Mutter Jupiters Herz. Er befahl Pluto, der sich murrend fügte, seiner Gattin zwei Drittel des Jahres ein Dasein in der oberen Welt zu gestatten.‘

            Er machte eine bedeutsame Pause. ,Für die meisten Menschen endet die Sage hier, doch für uns Sizilianer geht sie weiter. Schon die Kinder wissen, dass die ,Jungfrauen der Saat‘ Töchter der Proserpina und des Pluto sind, Geschöpfe zwischen Licht und Schatten, zwischen Werden und Vergehen. Sie bilden für uns eine Brücke zwischen Mensch und Natur. Hier, in der Nähe unseres Dorfes, gibt es ein verfallenes Tempelchen, das über einer Quelle errichtet wurde und, so will es die Überlieferung, Proserpina geweiht war. Einmal im Jahr, zur Erntezeit, ehren wir dort die Göttin und ihre Töchter mit einem Fest. Es wird getanzt, gesungen und gegessen, und wenn alles vorüber ist, werden die Tische noch einmal gedeckt, die Becher noch einmal gefüllt. In der Nacht würde sich keiner von uns in die Nähe des Ortes wagen, denn nun kommen sie von den Äckern, aus den Weinbergen, aus den Gärten, recken und dehnen ihre Gliedmaßen, die ganz steif sind und schmerzen vom langen Stehen in Sonne und Wind. Sie schütteln den Staub von ihren Kleidern und löschen den Durst ihrer verdorrten Kehlen an der heiligen Quelle. Sie feiern das Fest der Vogelscheuchen, und vielleicht sind auch Götter bei ihnen zu Gast.‘

            Als der Alte geendet hatte, sah Raymond mich mit glänzenden Augen an. Seine Lippen bebten, und ich wusste, was ihm durch den leicht beeindruckbaren Sinn fuhr. Ich schüttelte den Kopf, worauf er heftig die Luft einsog und sich abrupt abwandte. Wenn ich auch fasziniert war als Sammler von Mythen, so respektierte ich doch den Aberglauben dieser Leute und war nicht gewillt, mich dabei ertappen zu lassen, wie ich lächerlicherweise den hölzernen Jungfrauen beim Festmahl auflauerte! Mein heidnisches Herz aber jubelte, als ich daran dachte, dass tausend und achthundert Jahre eingeübten Christentums nicht vermocht hatten, die Macht der alten Mythen zu brechen. Den Herzen dieser Menschen waren sie genau so nahe, oder, so bildete ich mir ein, sogar näher als die thronende Mutter Gottes oder der Zeigefinger des Herrn.

            Während ich meinen blasphemischen Gedanken nachhing und insgeheim jedes Wort unseres Eseltreibers im Gedächtnis notierte, um die Fabel bei nächster Gelegenheit aufzuschreiben, schwieg Raymond hochmütig. Unsere kleinen, weißbäuchigen Esel trotteten stetig bergan.

            Doch plötzlich gab es eine Bewegung neben uns am Rande der Straße. Raymonds Tier scheute und warf den Kopf hoch. Der Treiber stieß etwas zwischen den Zähnen hervor, das wie ,Jesus!‘ klang, und da stand sie. Es schien, als sei sie der Ackerfurche entsprossen wie einst die Riesen aus jenen Steinen erwuchsen, mit denen Jason säte. Sie trug die einfache Kleidung der heimischen Bauernmägde, nur dass ihr Rock seltsam kurz war, geflickt und ausgeblichen. Zuerst hatte ich in ihr eine Tsigana vermutet, aber das Tuch, das sie nach Art der Landmädchen um den Kopf trug, konnte das blonde Haar nicht verbergen. Ihr Gesicht war schmal und ernst, die Augen blickten fast ein wenig traurig. Sie ging barfuß, und ihre Beine waren sanft gebräunt unter dem zu kurzen Rock.

            Ich gab das Zeichen zum Weiterreiten, doch als ich auffordernd zu Raymond blickte, wurde mir in einem jener Momente, in denen Erkenntnis fast hellsichtig aufblitzt, bewusst, dass etwas mit ihm geschehen war. Er tat nichts weiter, als das Mädchen anzuschauen, und sie schaute zurück, erst ruhig, ohne jegliche Koketterie. Ja, sie schien mir von einer solch inneren Sammlung, wie man sie manchmal erfährt, wenn man nach einer guten Predigt aus dem Dämmer der Kirche ins Freie tritt. Ich dachte: Das ist die Liebe! Gleichzeitig aber rief ich mich einen Narren und sagte strenger zu Raymond als beabsichtigt: ,Kommen Sie. Es sind noch gut fünf Meilen, und die werden wir nicht zurücklegen, indem wir hier auf der Straße herumstehen.‘

            Zu meiner Überraschung erhob Raymond keinen Einspruch. Unsere Esel zockelten weiter die gelbe Straße entlang. Wir schwiegen. Nichts war zu hören in der Wärme des Oktobernachmittags als der gleichmäßige Hufschlag, das Sirren der Zikaden und ab und zu ein ,ho, ho‘ des Treibers, der seine Grauen anfeuerte oder sie vom Grasen abzuhalten suchte.

            Sie folgte uns. Ganz selbstverständlich und barfuß folgte sie Raymond, ging sogar bald neben seinem Esel her. Kurz bevor wir das Dorf erreichten, bemerkte ich, wie sie Raymond etwas zuflüsterte. An einer Weggabelung verließ sie uns dann und lief behende, ihre zerschlissenen Röcke raffend, einen schmalen Bergpfad hinauf, der von nichts weiter als ein paar Ginsterbüschen und Krüppelkiefern gesäumt wurde. Unser Eseltreiber bekreuzigte sich hastig drei Mal, aber als ich ihn darauf ansprach, schüttelte er in ängstlicher Sturheit nur den Kopf. Er geleitete uns zu der einzigen Herberge am Ort und versprach, in einigen Stunden wieder zur Stelle zu sein, um uns zum Fest zu führen.

 

Raymond hatte sich wieder etwas gefangen, seit das Mädchen nicht mehr bei uns war. Sein Blick war klar, er sprach ruhig und gelassen und erwähnte unsere merkwürdige Reisebekanntschaft mit keinem Wort. Wir kamen überein, die Zeit bis zum Fest für eine verdiente, wenn auch verspätete Siesta zu nutzen, denn wir waren beide erschöpft von der Wärme und dem unkomfortablen Fortbewegungsmittel.

            Ich schlief noch, als der Wirt klopfte und rief, dass unser Reiseführer gekommen sei. Es war fast acht Uhr. Im ganzen Haus konnte man nun das Klappen der Fensterläden hören, die geöffnet wurden, um die milde Abendluft hereinzulassen. Das Azur des Himmels hatte sich in einen samtig blauen Baldachin verwandelt. Aber es war gar nicht dunkel. Irgendeine verborgene Lichtquelle – oder auch nur das Zuviel des verschwenderisch vergossenen Lichts, das die Natur der Nacht zurückgab – ließ die Konturen der Dinge da draußen nicht verschwimmen im Zwielicht, sondern hob sie so stark hervor, dass ich mir einbildete, so müssten Katzen sehen in der Dunkelheit.

            Ich weckte Raymond, und wenig später machten wir uns auf den Weg hinauf zum Tempel.

 

Man hatte das, was von dem Bauwerk übriggeblieben war, mit Weinlaub, Lorbeer- und Olivenzweigen geschmückt. Lange Tische waren hufeisenförmig aufgestellt; sie waren beladen mit Früchten, duftendem Brot, herrlichem Käse, und Krügen, die weißen und roten Wein enthielten. Hunderte Fackeln erleuchteten eine Szene, deren farbenfrohe Üppigkeit das Genie eines Barockmalers gekitzelt haben würde, der sich ein Bacchanal zu malen vorgenommen hatte. Jeder Neuankömmling – auch wir – erhielt einen Becher, der mit dem Wasser der heiligen Quelle gefüllt war, musste ihn in einem Zuge leeren, neu füllen und dann an den Nächsten weitergeben. Wir wurden herzlich willkommen geheißen und befanden uns bald inmitten einer fröhlich schlemmenden Schar junger Männer, denn die Frauen hatten ihren eigenen Tisch. Uns hatte man geraten, Abstand zu halten.

            Ich sah, dass Raymond Gesellschaft und Wein genoss und hoffte, dass er darüber das Mädchen bald vergessen würde. Doch es sollte anders kommen. Der Abend war schon weit vorangeschritten – es mochte auf ein Uhr zugehen –, als plötzlich Musik ertönte. Flötenklänge, voller Sehnsucht, voller Drängen, und dann traten drei Mädchen aus dem Dunkel der Tempelruine ins Licht der Fackeln. Zur Melodie der Flöte begannen sie langsam zu tanzen, wie aus einem tiefen Schlaf schienen sie erwacht, trunken dehnten sie die bloßen Arme, spreizten die Finger, als ob diese starr gewesen wären und erst wieder lernen müssten zu tasten, zu fühlen, zu greifen. War es nicht auch, als versuchten die Tanzenden zu erkunden, welches die Funktion ihrer Füße, ihrer Beine sei, die von flickenbunten, gezipfelten Röcken nur knapp bedeckt wurden?

            Nun fing eine Gitarre die Melodie auf, spann sie weiter. Während die Bewegungen der Mädchen geschmeidiger wurden und die Erdenschwere langsam verloren, legten die Musiker stetig im Tempo zu, ein Schellentambourin fiel ein, und es lief ein Vibrieren durch die Körper der Tanzenden, als habe ihr Herz erst jetzt wieder zu schlagen begonnen, als schösse ihr Blut erst jetzt wieder heiß durch die Adern, schneller und schneller ... Plötzlich, wie auf ein Zeichen, lösten die drei ihre Tücher, unter denen sie ihr Haar verborgen hatten, und begannen, sich zur Musik zu drehen. Schwer fielen die Flechten ersten den Rücken hinab – schwarz waren sie bei der Ersten und der Dritten, und blond war die Mittlere – dann flogen die Locken mit jeder Drehung wilder und freier, wirbelten, peitschten, während die nackten Füße dieser Mänaden die Erde zu Staub zermahlten.

            Jeder Nerv in mir war zum Zerreißen gespannt, als der Tanz in einem grellen Schrei endete. Das Fest war vorbei. Raymonds Wangen waren hektisch gerötet, an seiner Schläfe klopfte blau eine Ader, und obwohl auch mein Puls schneller schlug, war ich besorgt, denn solche Zustände hatten meinen Zögling schon öfter in heftiges Fieber gestürzt. Natürlich hatte auch er das Mädchen erkannt, aber wir vermieden beide, davon zu sprechen. Auf dem Heimweg bemühte ich mich um eine belanglose Konversation, und Raymond ging, wenn auch etwas halbherzig, darauf ein. Ich schrieb unseren erhitzten Zustand dem Wein zu, behielt aber recht, als ich annahm, er würde sich nach einem Spaziergang durch die laue Nachtluft normalisieren. Dann verordnete ich uns, einmal in der Herberge angekommen, sofortigen und ausgiebigen Schlaf.

 

Mitten in der Nacht erwachte ich aus tiefstem Schlummer. Es war, als zöge mich eine unsichtbare Macht an den Haaren langsam und unaufhaltsam vom Grunde eines schwarzen Ozeans nach oben. Ein beklemmendes und befreiendes Gefühl zugleich. Raymonds Bett neben mir war leer. Die Herberge besaß nur ein einziges Zimmer für Gäste, und so waren wir gezwungen gewesen – nicht das erste Mal auf dieser Reise – mit einer gemeinsamen Schlafkammer vorlieb zu nehmen. Mit bleischweren Gliedern quälte ich mich aus dem Bett, tastete nach einer Kerze und zündete sie an. Raymond war fort. Heimlich musste er sich angezogen haben und dann aus dem Fenster gestiegen sein, was, obwohl wir im oberen Stockwerk hausten, keinerlei Schwierigkeiten bot, da direkt unterhalb unseres Fensters sich ein Schuppen ans Haus lehnte, von dessen flachem Dach selbst ein Kind zur Erde hätte springen können.

            Ich war äußerst zornig über Raymonds Torheit und machte mir Vorwürfe, ihm nicht deutlich genug die Grenzen unserer Handlungsfreiheit in einem fremden Land begreiflich gemacht zu haben. Angst um ihn hatte ich nicht, so glaubte ich wenigstens. Aber Raymond stand unter meinem Schutz, mochte er so volljährig sein wie er wollte, und ich dachte nicht daran, ihn da draußen herumstreunen zu lassen – man verzeihe mir das harte Wort – wie einen Bauernlümmel auf Brautschau. Also zog ich mich rasch an und nahm dann denselben Weg wie er, nämlich aus dem Fenster, um die Wirtsleute nicht aufzuwecken.

 

Es war eine romantische Vollmondnacht, und wenn ich auch vorgezogen hätte, sie in Ruhe zu verschlafen, war ich doch dankbar für das Licht. Zunächst wusste ich nicht, wohin ich mich wenden sollte, und stand einen Moment unschlüssig vor dem Haus. Kein Lufthauch regte sich. Dort, hinter den Bergen, musste irgendwo das Meer sein, aber sein Atem drang nicht bis in dieses Tal.

            Dann, unwillkürlich, von einer seltsamen Gewissheit getrieben, lenkte ich meine Schritte den schmalen Bergpfad hinauf zum Tempel. Wenn überhaupt, so würde ich Raymond dort finden. Doch der Aufstieg zog sich hin, und mehr als einmal erwiesen sich ein Schatten, eine Bewegung, denen ich nachging, als trügerisch. Fast meinte ich schon, das Plätschern und Glucksen der Quelle hören zu können, als ein Laut, der wie ein Stöhnen klang, mich innehalten ließ. Das Geräusch kam aus einem Gebüsch, das etwas abseits vom Weg sich um eine knorrige, geduckte Pinie gruppierte. Nachdem ich meinen Schrecken überwunden hatte, ging ich darauf zu. Ich bemerkte sogleich eine wie leblos am Boden liegende Gestalt, in der ich beim Näherkommen Raymond erkannte. In höchster Sorge eilte ich zu ihm, fand aber, als ich mich über ihn beugte, bald heraus, dass er nur ohnmächtig war. Was tun? Ich wusste, dass wir uns in unmittelbarer Nähe des Tempels und der Quelle befanden, aber eine unerklärliche Scheu hinderte mich zunächst daran, mich um Wasser dorthin zu begeben. Da Wasser jedoch unzweifelhaft das probateste Mittel war, Raymond wieder zu sich zu bringen, überwand ich meine Skrupel und hatte das kleine, verfallene Heiligtum bald erreicht.

            Ich weiß nicht, was ich erwartet oder befürchtet hatte, dort vorzufinden: ein bacchantisches Gelage oder eine Art Totentanz – jedenfalls störte keines von beiden den nächtlichen Frieden. Jegliche Überreste unseres Festes – und, wie auch immer – jenes der ,Jungfrauen‘ – schienen beseitigt, und nur das geheimnisvolle Helldunkel der Mondnacht verlieh der Stätte die Schönheit des geweihten Ortes. Ich nahm eine kleine Feldflasche, die ich immer bei mir trug, vom Gürtel, stieg zur Quelle hinunter und füllte sie. Als ich wieder nach oben kam, fiel mein Blick auf eine Schale, die dekorativ auf einem Säulenstumpf ruhte. Neugierig geworfen, trat ich hinzu und fand darin fünf reife Granatäpfel, von denen einer bereits seine Umhüllung gesprengt hatte und seine roten Perlen entblößte. Je länger ich verweilte, desto magischer zogen sie mich an, und ich musste all meine Kraft aufbieten, dem Impuls zu widerstehen, mich an einer der köstlichen Früchte zu vergreifen. Ohne Zweifel war es eine Opfergabe. Doch die Versuchung war zu groß. Ich kann nicht sagen, welche Macht es war, die mich schließlich dazu trieb, die rechte Hand auszustrecken und begierig in die Schale zu greifen. Ich schwöre, dass es ohne mein Zutun geschah, und ich empfand fast schmerzhaft die fremde Gewalt, die über meinen Geist und meinen Körper verfügte. Sie schien meinen Schädel zusammenzupressen und den Blick auf einen einzigen Strahl zu verengen, der die Hand begleitete, welche den Frevel auszuführen bereit war. Schon berührten meine Finger die Schale der Frucht, als es eine Bewegung gab, und mein plötzlich emporschnellendes, sich wieder ausdehnendes Sehen einen Schatten zwischen den Säulen des Tempels zu erfassen meinte. Zu Tode erschrocken zog ich die Hand zurück. So schnell es die Nacht und der steinige Weg erlaubten, lief ich zurück zu der Stelle, an der ich Raymond gefunden hatte.

            Er lag noch so da, wie ich ihn verlassen hatte. Es gelang mir jedoch mit Hilfe des Quellwassers bald, ihn wieder ins Leben zurückzurufen.

            Auf dem Heimweg sprachen wir kaum ein Wort. Nachdem meine Sorge um ihn geschwunden war, hatte der Grimm wieder die Oberhand gewonnen, doch im Zorn sagt man oft die falschen Dinge. So verbot ich mir, Raymond schon jetzt und hier zur Rede zu stellen, da ich mir einbildete, wir würden die Sache am Morgen nüchterner beurteilen können.

            Wir schlichen uns die knarrende Holztreppe nach oben, froh, dass die Haustür nicht abgeschlossen gewesen war, legten uns zu Bett und schliefen bis lange in den nächsten Tag hinein. Der Himmel weiß, warum man uns nicht geweckt hatte, und ich wagte auch nicht, den Wirt danach zu fragen.

            Ich wartete bis nach dem späten Frühstück, dann bat ich Raymond um einige Minuten Aufmerksamkeit. Er war blass, aber wohlauf, und hörte mir ruhig zu, als ich ihn im Tone mehr eines Freundes als dem eines Lehrers zur Vernunft mahnte. Ich führte alles an, was mir von irgend einem Nutzen schien, und was man einem jungen Mann bei solchen Gelegenheiten sagt: Die Verpflichtungen gegenüber seinem Stand, seinem Schicklichkeitsgefühl. Ich appellierte an seine Intelligenz, seine Selbstachtung und so fort.

            Von Raymond kam zunächst kaum eine Erwiderung. Über die Ereignisse der Nacht schwieg er sich vollständig aus. Er hörte mich bis zum Ende an, dann sagte er gelassen und in einer entschiedenen Art, wie ich es noch nie von ihm vernommen hatte: ,Sie haben völlig recht, lieber Freund. Ich habe mich idiotisch benommen, und Sie dürfen mich in vielerlei Hinsicht tadeln.  Nur in einer nicht. Ich habe beschlossen, dieses Mädchen zur Frau zu nehmen.‘

            Ich wollte etwas erwidern, doch er schnitt mir das Wort ab. ,Es ist nicht nötig, dass Sie sich echauffieren. Es würde nichts ändern. Ich bin mir selbst klar darüber, dass das, was ich tue, einen Affront gegen die Gesetze meines Standes, meiner Familie bedeutet. Ich kann nur hoffen, Gnade zu finden, denn diese Frau ist mir bestimmt wie es Helena war für Paris, wie es Medea war für Jason, und eine höhere Macht als mein Stand, meine Familie, als Sie, wird dereinst entscheiden, ob es zum Guten oder zum Schlechten war! Schweigen Sie also, denn ich möchte Ihre Freundschaft nicht verlieren.‘

 

Darauf gab es nichts mehr zu erwidern‘, sagte ich, zur Gräfin gewandt, die starr mit zu Fäusten geballten Händen auf ihrem Stuhl saß, dessen Lehne ihr Rücken nicht berührte. ,Ich schwieg also, und so kamen wir hierher, das Mädchen, Raymond und ich.‘

            „Und Sie haben wirklich nie erfahren, was in jener Nacht geschehen ist, als Sie ihn in den Bergen ohnmächtig fanden?“, fragte die Gräfin schließlich.

            „Nein“, erwiderte ich. „Aber es muss etwas gewesen sein, das zu seinem unwiderruflichen Entschluss geführt hat, dieses Mädchen zu heiraten.“

            Einen Moment lang blieb es still im Raum. Nur das Zischen und Knistern des feuchten Holzes im Kamin war zu hören. Ich merkte, dass die Gräfin um Haltung rang.

            Dann sagte sie: „Mein Sohn hat gedroht, mit seiner Braut“ – es war das erste Mal, dass sie das Mädchen so nannte – „nach Sizilien zu gehen, wenn wir uns seiner Heirat verweigern.“

            Ich nickte. Raymond hatte mir seinen Entschluss ebenfalls mitgeteilt.

            „Ich erwecke gemeinhin nicht den Eindruck einer schwachen Kreatur“, fuhr die Gräfin fort, „aber ich könnte diese Trennung nicht ertragen. Ich ... könnte es einfach nicht ertragen.“

            Wieder entstand eine Pause.

            „Deshalb wird man sich arrangieren müssen. Wir werden also eine Hochzeit haben.“

            Sie erhob sich abrupt und ging durch das Zimmer zur Tür. Ich stand ebenfalls auf.

            „Gute Nacht“, sagte sie knapp und ließ mich stehen.

 

Der Hochzeitstermin wurde auf Anfang März festgesetzt, doch als es so weit war, zog sich Raymond eine seiner fiebrigen Erkältungen zu, und die Trauung musste verschoben werden. Nachdem sich sein Zustand gebessert hatte und der Arzt ihm Besuch gestattete, ging ich zu ihm und fand ihn blass und erschöpft auf eine Chaiselongue gebettet. Er winkte mir zu, als ich eintrat, und als er mein besorgtes Gesicht bemerkte, sagte er: „Ich sehe schlimmer aus, als ich mich fühle. Setzen Sie sich. Ich muss Ihnen etwas merkwürdiges erzählen.“

            Ich zog mir einen Stuhl heran und wartete. Raymond begann ohne Umschweife: „Ich habe letzte Nacht meine Hochzeit geträumt“, sagte er und sah mich herausfordernd an.

            Ich beschloss, das Ganze von der humorvollen Seite zu nehmen und erwiderte: „Das ist ein durchaus verbreiteter Traum unter Brautleuten.“

            Er winkte ab. „Nicht so! Sie werden gleich verstehen ... Ich hoffe nur, ich bringe noch alles zusammen. Es war so klar und folgerichtig im Traum, aber es in Worte zu fassen, geht nahezu über meine Kräfte. ... Bitte reichen Sie mir jenes Glas dort drüben.“

            In dem Glas befand sich eine trübe Flüssigkeit, und er trank sie in einem Zuge aus.

            „Lebenselixier nennt der Doktor das Zeug“, sagte er und lachte. „Ich habe eher das Gefühl, es bringt mich um.“

            Dann wurde er wieder ernst und begann, erst stockend, nach Worten tastend, dann flüssiger und schließlich wie im Rausch zu erzählen, was ihm im Traum widerfahren war.

            „Es war der Tag meiner Hochzeit. SIE schritt am Arm meines Vaters die Allee hinunter zur Schlosskirche. Gäste, Bedienstete und Landvolk säumten den Weg. Sie trug das Kleid und den Schmuck, die seit Generationen in diesem Haus von der Braut getragen werden. Fast hatte sie die Kirche erreicht, da wurde ich, der ich vor dem Altar wartete, mit einem Mal von heftigem Schwindel ergriffen. Farben, Gestalten, Dinge liefen auseinander, verschwammen, und meinen Augen gelang es nicht mehr, sie zusammenzuhalten. Dann wurde es dunkel. Als ich die Augen wieder aufschlug, befand ich mich allein vor jenem kleinen Tempel in den sizilianischen Bergen. Wieder war er festlich geschmückt, diesmal jedoch nicht mit Zeugnissen üppiger Ernte, sondern mit immergrünen Ranken und Blättern. Wieder erleuchteten Fackeln die Nacht, aber ich war allein. Aus dem Inneren des Tempels drang modrige Kühle, die mich frösteln ließ. Ich stand da und wartete und wusste doch nicht, auf was.

            Plötzlich erklang eine Flöte, und gleich darauf trat SIE zwischen den Säulen hervor. Das blonde Haar fiel offen über ihre Schultern und war geschmückt mit einem Kranz aus – war es Efeu? Ihr weißes Kleid war bestickt mit goldenen Ähren, und mit beiden Händen trug sie eine Schale, in der die schönsten Granatäpfel lagen, die ich jemals gesehen hatte. Ich wollte sie ansprechen, doch sie legte den Finger an die Lippen und hieß mich schweigen. Nun sah ich, dass sie nicht allein gekommen war. Ihr zur Linken stand eine hochgewachsene Frau mit ernstem Gesicht, deren leuchtendes, geflochtenes Haar selbst die Fackeln überstrahlte, die sie in den Händen trug. Zur Rechten war ein Mann aus dem Schatten getreten, den ich zuerst für einen Greis, dann für einen Mann in der Blüte seines Lebens hielt. Verwirrt stellte ich fest, dass nichts an ihm sein wirkliches Alter erkennen ließ. Sein Gesicht täuschte bald das eine, bald das andere vor. Es war, als hielte man changierenden Perlmutt ins Licht und versuchte, die Farben zu bestimmen. Ich begriff, dass dies ihre Eltern waren, gekommen, uns zu vermählen.

            Die Mutter salbte uns Gesicht und Hände mit einer duftenden Essenz, der Vater jedoch reichte uns eine Schale mit dem Wasser der heiligen Quelle. Wir tranken darauf. Nie hatte die Flöte währenddessen ihr Spiel unterbrochen, und jetzt erklang auch wieder das Schellentambourin. Langsam bewegte sich ein Zug von Musikern, Tänzern und Tänzerinnen auf uns zu. Es hätte mich nicht erstaunt, den bocksfüßigen Pan zu erblicken, der umgeben von Nymphen und Bacchanten seinem Geschäft nachgeht zu verwirren, zu erschrecken und zu musizieren. Aber keine Fabelgestalt spielte uns auf. Mädchen waren es, wie jene tanzenden Mänaden beim Fest, die uns umwirbelten, Korn über unsere Köpfe warfen, Kletten an unsere Kleider hefteten, und zum Abschluss jedem von uns ein Säckchen mit Erde schenkten. Ja, mit Erde!

            ,Ihr seid nun Mann und Frau‘, sprach der Vater, als die Spielleute sich zurückgezogen hatten und in der Dunkelheit verschwanden. ,Aber bevor ihr geht, werde ich ein Versprechen von dir fordern‘, sagte er zu mir gewandt. ,Du hast viele Hochzeitsgäste geladen in deinem kalten, nördlichen Zuhause. Freunde, Verwandte, auch nur Bekannte, weil es dir deine Pflicht schien. Hast du nur einmal daran gedacht, deine Braut zu fragen, wen sie einzuladen wünsche?‘

            Ich schwieg beschämt, denn ein solcher Gedanke war mir tatsächlich nie gekommen.

            ,Du wirst ihre Gäste an deiner Tafel dulden, wenn du sie auch nicht willkommen heißen magst. Du wirst nicht erschrecken und nicht fliehen, du wirst sie bewirten mit allem, was deine Küche und dein Keller vermögen, und sie werden dein Haus segnen. Verlässt aber nur einer deiner Gäste die Tafel aus Furcht, bevor die Freunde deiner Frau ihren Anteil hatten an dem, was du ihnen vorenthalten wolltest, so wird Verderben über euch kommen, so ungeheuerlich, dass es sein wird, als habe der Name, den zu tragen du dich rühmst, nie existiert!‘

            Ich versprach ihm alles, ich schwor bei allen Göttern, dass mir die Gäste meiner Frau willkommen wären, und während ich noch stammelte, nahm er die Schale aus ihren Händen, ergriff einen der Granatäpfel und reichte ihn mir zuerst. Ich biss in das perlendrote Fleisch, bis der Saft troff, dann gab ich ihn weiter, und SIE tat das gleiche. Ein sengendes, verzehrendes Glück erfasste mich, und wieder schwanden mir die Sinne. Als ich erwachte, befand ich mich in einem der Säle des Schlosses, wo bereits ein Festmahl zu unseren Ehren im Gange war. Ich saß am Kopfende der Tafel, neben mir meine junge Frau. Wir aßen nichts, waren nur glücklich und dachten an nichts und alles zugleich. Plötzlich sagte eine entfernte Cousine, die sich vor allem durch bösartiges Geschwätz einen Namen gemacht hatte, indem sie ihr Lorgnon auf meine Frau richtete, laut, so dass alle es hören konnten: ,Ah, meine Liebe, nun haben Sie doch den alten steifen Fetzen von einem Hochzeitskleid gegen etwas Kleidsameres ausgetauscht! So wunderhübsch, diese goldenen Ähren auf dem Seidenstoff. Wo lassen Sie arbeiten?‘

            Stille trat ein. Alles starrte auf uns, und ich erbleichte, als ich das Gesicht meiner Mutter sah. Doch im gleichen Augenblick löschte ein Luftzug, der von nirgendwo gekommen war, die Hälfte der Kerzen. Geistesgegenwärtig sprang ich auf und rief: ,Behalten Sie Platz! Wir werden Gäste bekommen. Gäste meiner Frau. Wenn Sie auch weiterhin wünschen, auf Schloss Nyda empfangen zu werden, so empfehle ich Ihnen, diese Gäste zu respektieren, so merkwürdig sie Ihnen vielleicht auch erscheinen mögen. Es besteht kein Grund zur Aufregung.‘

            Tatsächlich, es wirkte. Zwar hatte ich nicht die geringste Ahnung, ob das, was ich gesagt hatte, eintreffen würde, doch zumindest setzten sich diejenigen, die aufgesprungen waren, wieder hin. Aber die Spannung, die entstanden war, legte sich nicht, sondern stieg im Raum empor wie ein feines, hohes Sirren, das stetig anschwoll, bis es eine für das menschliche Ohr kaum noch erträgliche Grenze erreicht hatte.

            Sie kamen aus der Luft und aus allen Winkeln des Saales, krochen, krabbelten, schwirrten, hüpften, flatterten, schlängelten sich, sprangen, glitschten, segelten und huschten auf Teller und Schüsseln zu, knabberten und schleckten an den Köstlichkeiten der Tafel, pickten auf, was zu Boden gefallen war, nagten an den Tischdekorationen aus Früchten und Zweigen, schlürften mit Saugrüsseln süßen Wein oder ließen sich ganz einfach wie im Schlaraffenland mitten in die Weinschaumcreme plumpsen. Die Tiere des Ackers und der Gärten waren bei unserer Hochzeit zu Gast. Sie schlemmten und tranken, wie wir es getan, und hoch oben im Kronleuchter, der heftig zu schaukeln begann, was dem bizarren Mahl eine Beleuchtung verschaffte, in der unsere Menschengesichter fratzenhaft und unwirklich erschienen, hoch oben saß eine glänzende schwarze Saatkrähe und hielt Hof!

            Es war etwas so schauerlich-komisches in diesen Vorgängen, dass ich, nachdem der erste Schrecken und vielleicht ein Anflug von Ekel überwunden waren, mitten in das entsetzte Schweigen meiner Tafelgäste zu lachen begann. Diese – wohl noch unter dem Einfluss meiner wirren Rede – denn sie waren alle Schmarotzer bei denen von Nyda! – saßen regungslos auf ihren Stühlen.

            Doch ich hatte einen Fehler begangen. Im gleichen Moment, als der erste Laut über meine Lippen kam, begann jene Cousine hysterisch zu schreien, andere Weiber fielen ein, und im Nu entstand ein Chaos aus Flucht und Zerstörung. Stühle wurden umgeworfen, Kleider zerrissen, blindwütig schlugen die Menschen auf alles ein, was da nicht schnell genug kriechen, krabbeln, hüpfen und laufen konnte. Ich spürte jeden dieser Schläge, ich wurde tausend Mal zertreten, ich starb jeden dieser Tode, ich schrie und schrie und schrie und erwachte schließlich schweißgebadet und krampfend in meinem Bett, umringt vom halben Haushalt.“

 

Eine lange Pause entstand, nachdem Raymond geendet hatte. Ich betrachtete ihn aufmerksam. Sein Bericht hatte ihn aufs äußerste erregt, er atmete schwer, und es würgte ihn mehrere Male, so dass ich dachte, er müsse sich übergeben. Dann begannen seine Zähne zu klappern, und Frost oder Krämpfe oder auch beides schüttelten seinen abgezehrten Körper.

            Es gelang ihm ein tapferes und trauriges Lächeln, und er sagte, indem er seinen Körper mit äußerster Anstrengung bezwang: „So also träumte ich meine Hochzeit. Glauben Sie immer noch, dies sei ein verbreiteter Traum unter Brautleuten, lieber Freund?“

            Gleich darauf fiel sein Kopf zurück, und ein neuer, heftiger Anfall erfasste ihn. Ich zog an der Klingelschnur, ein Lakai erschien, und ich befahl ihm, auf dem schnellsten Wege den Arzt zu holen.

            Das Fieber verließ Raymond nicht mehr. Am vierten Tag verlor er das Bewusstsein. Er ist nicht wieder erwacht.

            Das Mädchen verschwand am gleichen Tag, an dem Raymond starb. Niemand hat sie je wiedergesehen. 

            


Das Schwein von Sant‘Agnese

Eine Renaissance-Geschichte

© Beate Schaefer, 1991

 

Der Bischof von Pistoia wandelte auf Abwegen. Auf welchen Wegen, war nicht offiziell bekannt, aber es gab Vermutungen. Eine davon, die sich hartnäckig hielt, war, dass er bei seinem ebenfalls bischöflichen Vetter in Cordoba weile, der durch seine Frömmigkeit bekannt war und ein Traktat über „Fromm scheinen, fromm werden, fromm bleiben – Wege und Irrwege zu Gott“ verfasst hatte. Diese Vermutung, der nebenbei gesagt auch der Kaplan von Sant‘Agnese, einer kleinen Pfarrkirche in Pistoia, anhing, war zwar löblich, aber falsch. Denn wenn der Bischof das Traktat auch kannte und seinem Vetter einen ermunternden Brief geschrieben hatte, so befand er selbst sich doch schon lange in den Klauen des Herrn der Finsternis.

 

Besessen von der Idee, aus weniger edlen Metallen Gold gewinnen zu können, wie es die Alchemie verhieß, hatte er sich eine geheime Bibliothek mit den wichtigsten Werken über diese Disziplin angeschafft und auch selbst schon ein wenig experimentiert, bis er in Parma mit dem angesehenen Maler Parmigianino bekannt geworden war. Dieser erzählte ihm von einer Methode, Quecksilber gerinnen zu machen und damit in Windeseile reich zu werden.

 

Nun saßen Bischof und Maler jede Nacht in der spärlich erleuchteten Werkstatt, murmelten geheimnisvolle Formeln, und blickten mit entzündeten Augen auf die dunkle Flüssigkeit, die in der kunstvollen Apparatur hin- und herschwappte, brodelte und gluckerte. Manchmal goss Parmigianino etwas hinzu oder warf ein Stück fester Materie hinein, so dass die Flüssigkeit zischend aufschäumte. Erfolg hatte sich allerdings bisher noch nicht eingestellt. Parmigianino vernachlässigte seine Malerei und wurde ärmer als zuvor. Der Bischof steckte einen Großteil seines Salärs in Materialien für die Experimente und hielt den Maler mit Zuwendungen am Leben und bei Laune.

 

Natürlich hatte der Bischof für die Dauer seiner Abwesenheit von Pistoia einen Stellvertreter eingesetzt. Dieser Generalvikar grollte seinem Vorgesetzten wegen dessen Verletzung der Residenzpflicht. Er hatte Ambitionen, es auf der Schicksalsleiter noch zu etwas Höherem zu bringen, doch dazu hätte er einen anwesenden Vorgesetzten benötigt, der ihn mit den entsprechenden Leuten zusammenbrachte, ihn mit Empfehlungsschreiben ausstattete und seinen Namen in einflussreichen Kreisen bei passender Gelegenheit fallen ließ. Anderthalb Jahre wartete der Generalvikar ungeduldig auf die Rückkehr des Bischofs, doch dann wurde der Drang nach Höherem in ihm übermächtig, und er begab sich nach Florenz.

 

Der Dom zu Pistoia lag verwaist. Niemand las in ihm die Messe. Wer das Wort Gottes hören wollte, musste in eine der Pfarrkirchen gehen, von denen Sant‘Agnese die kleinste und älteste war. Sie lag eingebettet in das Häusergewimmel direkt hinter dem Dom. Viele Gebäude hier besaßen Grundmauern, die auf römischen Steinen fußten. Die einfache Basilika mit dem verputzten Giebel über der auf schlanken Säulen ruhenden Vorhalle und dem fünfgeschossigen Turm, der sich an die Flanke der Kirche schmiegte, war Mittelpunkt einer lebendigen Gemeinde, die sich in der Mehrzahl aus Handwerkern und Händlern für die Dinge des täglichen Bedarfs zusammensetzte. Hier traf man keine reichen Kaufleute und noch weniger die Nobilität, dafür um so mehr Kinder, Hunde, Hühner, und an jeder Straßenecke kleine Gruppen alter Männer, deren angeregte Beschäftigung darin bestand, auf Lorbeerblättern zu kauen, ab und zu gen Himmel zu schauen, weise zu nicken und den Saft der zerkauten Blätter auszuspucken. Aus ihrer zufriedenen Ruhe scheuchte sie weder das klatschende Geräusch auf, wenn die Gemüsefrau einen Kübel Wasser auf die Straße kippte, dessen Inhalt nicht nur aus Wasser bestand, noch die Neuigkeit, dass der Pfarrer von Sant‘Agnese zur Geburt seines vermutlich zehnten Kindes aufs Land gereist sei und zuvor noch verkündet habe, er müsse sich demnächst gänzlich dem Viehhandel widmen, da von seiner Pfründe nicht einmal ein Zehntel seiner Bälgerschar satt werde. Sie wussten, dass er recht hatte. Auch ohne sich in so exzessiver Weise gegen Gott, die Kirche und das Keuschheitsgelübde zu vergehen, besaß ein niederer Geistlicher gerade genug zum Überleben. Der Gemeinde von Sant‘Agnese war seit langem bekannt, dass ihr Pfarrer mit Vieh handelte, um sich und seine sündige Schar zu ernähren, aber sie verübelten es ihm nicht, tat er doch nur, was andere Gottesmänner ihm vormachten. So viel Anstand besaß er jedoch, die Ergebnisse seiner Fleischeslust auf dem Lande zu belassen und nicht in aller Öffentlichkeit mit ihnen zu protzen, wie es der Pfarrer von San Paolo in Vicenza kürzlich getan, dessen Sprösslinge während der heiligen Messe fröhlich um ihn herumwuselten.

 

Einen allerdings gab es, der keine Nachsicht kannte mit jenen seines Standes, die gegen Gott frevelten, indem sie Handel trieben, Weiber schwängerten, sich der Trunksucht hingaben oder Magie und Hexerei betrieben. Es verlangte ihn danach, mit donnernder Stimme gegen Wollust und Völlerei zu predigen, die Höllenqualen heraufzubeschwören, die derer harrten, die nicht Maß hielten, und die heilige Süße der Askese zu preisen, der Tugend und der Nächstenliebe, die den Sünder dereinst würdig erscheinen ließe, Christus in die Augen zu blicken.

 

Der Kaplan von Sant‘Agnese war eine leidenschaftliche Seele, leidenschaftlich dem Guten zugetan. Er konnte weder lesen noch schreiben, wohnte in einer Kammer im Dachstuhl der Kirche, die über eine Treppe im Turm erreicht werden konnte, und verdiente so wenig, dass sich für diese paar Münzen kein Tagelöhner auf dem Feld verdingt hätte. Da er bar jeder Bildung war, half ihm auch sein lateinisches Brevier nichts, mit dem er hätte die Messe gestalten können, wenn der Pfarrer abwesend war. Zwar konnte er die meisten Texte auswendig, war sich jedoch niemals über die Reihenfolge sicher. Nachdem er es einige Male aus dem Stegreif versucht hatte und dabei kläglich gescheitert war, hatte er es aufgegeben, um nicht gänzlich zum Gespött der Gemeinde zu werden. Predigen durfte er nicht, und so musste er dieses fruchtbare Feld, auf dem, wie er spürte, seine Talente lagen, den Dominikanern und Franziskanern überlassen, die als Bettelmönche in die Stadt kamen, und deren Predigten einen solchen Zulauf hatten, dass sie mehr als gut dabei verdienten. 

 

Schauspieler sind sie, dachte der Kaplan, als er nach der Abreise des Pfarrers in seine Stube unterm Dach zurückgekehrt war. Trübe starrte er durch das einzige Fensterchen gegen die nächste Hauswand, wo sich in einer Mauernische zwei Tauben paarten. Angewidert wandte er sich ab. „Schauspieler! Scharlatane! Verführer! Welch eine Unverschämtheit von jenem Franziskusjünger, einen angeblich von Christus höchstpersönlich verfassten Brief an die Pistoier vorzulesen“, schimpfte er. Und wie sich die Menge um ihn geschart hatte mit vor Staunen und Ehrfurcht offenen Mündern. „Sie gieren nach Wunderbarem, und erst, wenn der Herrgott ihnen als Jahrmarktschreier erscheint, ist er ihnen interessant“, sprach der Kaplan zornig zu sich selbst. „Die Messe ist ihnen langweilig, weil sie die Texte nicht verstehen. Und keiner ist hier, der dem Unwesen der Bettelmönche Einhalt gebieten könnte. Pistoia, du Arme! Du hast einen Bischof und doch keinen. Du hast einen Stellvertreter des Bischofs und doch keinen. Die Pfarrer deiner Kirchengemeinden sind Viehhändler und Söhne des Lasters. Und alles, wozu deine Kapläne taugen, ist, den alten Frauen geweihte Kerzen und geweihtes Öl zu verkaufen und die Liebespaare aus den düsteren, verlassenen Kirchen zu verscheuchen. Aber ich will nicht klagen. Gottes unerforschlicher Ratschluss hat es so gefügt, und so muss ich es tragen.“ Er seufzte. Arm zu sein, machte ihm nichts aus, so lange er ein Gewand auf dem Leib und ein Stück Brot im Magen hatte. Seit frühester Kindheit war er nichts anderes gewohnt. Auch sein bescheidenes Domizil im Dachstuhl von Sant‘Agnese genügte ihm durchaus. Zwar war es im Sommer drückend heiß, im Winter dagegen bitterkalt und zugig, zwar bestand die Möblierung nur aus dem allernotwendigsten, hatte man ihm zudem das Kochen untersagt, da die Furcht zu groß war, dass der Dachstuhl Feuer fangen könnte, doch dafür blieb er keinem habgierigen Gevatter die Miete schuldig.

 

Der Kaplan nahm ein Stück hartgetrocknetes Brot und brach es entzwei. Das knackende Geräusch schien ihm überlaut in der dumpfen Mittagsstille. Er wagte nicht, eine Ecke der Kruste abzubeißen, aus Angst, dass sich das unnatürliche Geräusch wiederholen würde. Ein Gefühl bodenloser Einsamkeit überwältigte ihn und nahm ihm fast den Atem. Er vermisste das Geläute, das in seinen Ohren schmerzte. Er vermisste die Menschen, die in die kleine Kirche strömten. Er vermisste den vertrauten Singsang der Psalmen. Er vermisste die neumodischen Messgesänge, deren Melodien alten Volksweisen entstammten und von jung und alt begeistert gesungen wurden. Er vermisste die festlichen Taufen mit ihrem Hoffnungsschimmer, der jeden neuen Erdenbürger umschwebt. Er vermisste ganz einfach das Leben, das einst in Sant‘Agnese geherrscht hatte. In diesem Moment fühlte der Kaplan sich so gottverlassen, dass er die Mätresse seines Pfarrers mitsamt ihren zehn Kindern willkommen geheißen hätte, wenn damit nur das Leben zurückkehrte.

 

Eine Weile saß er traurig vor seinem kargen Mahl, doch dann besann er sich. „Ich werde nach unten gehen und die Muttergottes um Hilfe anflehen“, sagte er, legte das Brot zurück auf den Tisch und verließ seine Kammer. Der Glockenturm, in dem sich die Treppe befand, war wesentlich jünger als Sant‘Agnese selbst und sah eigentlich aus wie ein gewöhnlicher Campanile mit zierlichen, rundbogigen Fensteröffnungen auf allen vier Seiten der beiden Obergeschosse und einem pyramidenförmigen, niedrigen Dach. Von seinen vielen freistehenden Vettern unterschied er sich allerdings dadurch, dass die Baumeister ihn aus Platzmangel mit der Kirche verbunden hatten, so dass sein unterer Teil Part des linken Seitenschiffs war, der mittlere Teil sich an das Hauptschiff lehnte, und nur die drei niedrigen obersten Geschosse frei in den Himmel ragten.

 

Der Kaplan schloss die wacklige Holztür hinter sich, die seine Stube vom Treppenhaus im Turm trennte, und stieg langsam die Stufen hinunter. Durch eine weitere Tür gelangte er sodann ins Seitenschiff der Kirche. Dämmerlicht hüllte ihn ein. Die Fenster der Seitenschiffe ließen kaum Helligkeit herein, da sich nahezu ohne Abstand Wohnhäuser an die Mauern von Sant‘Agnese drängten. Die schönen rundbogigen Fenster des Hauptschiffs waren nicht, wie im Dom, mit Scheiben aus Alabaster gefüllt, sondern offen für Sonne und Wind, aber die dunkle hölzerne Decke verschluckte ein Gutteil des Lichtes gleich wieder. Säulen und Wände trugen gemalte Ornamente, die so verblichen waren, dass man sie an vielen Stellen kaum noch sah. Für Freskomalereien, die vielleicht Geschichten aus dem Leben der heiligen Familie erzählten oder von den Leiden der christlichen Märtyrer berichteten, war die Gemeinde zu arm.

 

Niemand war da. Das Hauptportal stand einen Spaltbreit offen, und während der Kaplan nach hinten zur Apsis ging, spazierte leise gackernd ein braunes Huhn herein, pickte hier und da in die Ritzen zwischen den Terrakottafliesen, legte ab und zu den Kopf schief, um etwas ins Auge zu fassen, fand nichts, was sich der Mühe lohnte, und spazierte wieder hinaus. Der Kaplan zählte die brennenden Kerzen. Es waren drei, wenn man die vierte, die gerade flackernd erlosch, nicht mitrechnete.

 

Das Apsismosaik war das Schönste an Sant‘Agnese. Der Kaplan liebte das halbrunde Himmelszelt aus dunkelblauen Glassteinchen, in dem golden Sonne, Mond und Sterne zugleich glitzerten. Und inmitten dieser Weite befand sich Jesus in Gestalt des guten Hirten. Er hatte große, gütige Augen, die ein wenig traurig blickten, trug ein faltenreiches, langes Gewand und hielt den Hirtenstab in der Linken. Die rechte Hand war segnend ausgestreckt, während eine weiße, ganz naturgetreue Schafherde sich zu seinen Füßen scharte. Was dem Kaplan allerdings Sorge bereitete, war der große goldene Heiligenschein Christi, denn immer wieder kam es just an dieser Stelle vor, dass winzige Mosaiksteinchen sich lösten und herunterfielen, was auf die Dauer gesehen den hässlichen grauen Unterputz zum Vorschein treten ließ, so dass es aussah, als hätte der Heiligenschein Flecken bekommen. Manchmal gelang es dem Kaplan, die Steinchen zu finden und aufzulesen. Dann wickelte er sie vorsichtig in ein Tuch und trug sie hinauf in seine Kammer, wo er sie in einem Gefäß aufbewahrte für den Fall, dass irgendwann einmal Geld genug vorhanden sein würde, um einen Mosaikmeister mit der Wiederinstandsetzung zu beauftragen. Erleichtert sah er, dass heute zumindest alles noch im alten Zustand verblieben war. Dann ging er hinüber zu der Nische im vorderen Teil der Kirche, wo eine hölzerne Statue der Madonna mit dem Jesusknaben stand, kniete nieder und fing an zu beten. 

 

Später, viel später, erhob er sich mit schmerzenden Knien und schickte sich an, wieder nach oben zu gehen, da er nichts anderes mit sich anzufangen wusste. Als er am Kirchenportal vorbeikam, hörte er die Stimmen von zwei Männern, die sich draußen in der Vorhalle miteinander unterhielten.

 

„Dieses Jahr habe ich darauf gesehen, dass es ein gutes, fettes Schwein ist“, sagte der eine. „Das letzte Mal hat uns Giovanni betrogen und uns das schwächste gegeben, das er ausfindig machen konnte.“

 

„Ja“, sagte der andere. „Betrogen hat er uns, der Schuft. Das Schwein, das er uns gab, war so klein und mager, dass selbst Lorenzo, der es schließlich fing, keine Lust hatte, es zu behalten.“

 

„Diesmal wird es ein Fest, wenn wir es schlachten. Dann gibt es nicht nur eine dünne Metzelsuppe, das verspreche ich dir.“

 

„Erstmal musst du es fangen und sehen, dass es dir nicht ein anderer vor der Nase wegschnappt.“

 

„Oh, keine Sorge. Ich werde es schon kriegen.“

 

„Wann geht es morgen los?“

 

„Um zehn bringt Giovanni das Schwein. Und dann beginnt die Hatz. Das wird ein Spaß!“

 

„Ich hab es drei Jahre hintereinander gefangen, damals, anno drei, vier und fünf. Jetzt bin ich zu alt. Die Knochen wollen nicht mehr so recht. Die Biester sind zu schnell für mich geworden, und der Boden ist gefährlich glatt.“

 

„Man darf keine Schuhe anziehen.“

 

„Ganz recht, barfuß fängt man das Schwein von Sant‘Agnese.“

 

„Eigentlich eine komische Sache. Das war schon immer so. Schon mein Großvater hat vor der Schweinejagd am dreiundzwanzigsten Mai in Sant‘Agnese erzählt.“

 

„Muss wohl was Uraltes sein.“

 

„Gewiss. Uralt.“

 

„Dann kann es nicht Unrecht sein.“

 

„Niemals.“

 

„Also bis morgen.“

 

„Bis morgen.“

 

Der Kaplan, der das alles mitangehört hatte, schüttelte sich. Also war es morgen wieder so weit. Einmal im Jahr, am dreiundzwanzigsten Mai, musste er ohnmächtig zusehen, wie seine Kirche entweiht, ja geschändet wurde durch das infamste aller Schauspiele. Ein Schwein wurde gebracht und in die Kirche gesperrt, und dann gingen die jungen Männer der Gemeinde daran, es zu fangen. Denn wer es fing, der durfte es behalten und erwarb sich mit ein wenig Geschick ein Gut, für das er ansonsten in barer Münze hätte zahlen müssen.

 

Mit bleiernen Füßen stieg der Kaplan die Treppe hinauf. Morgen, dachte er. Er hatte den dreiundzwanzigsten Mai völlig vergessen gehabt. Morgen früh. Was konnte er tun, als für die Sünder zu beten?

 

Der Morgen kam, und mit ihm kam das Schwein. Es war groß und wohlproportioniert, nicht zu hochbeinig, mit fettem Bauch und magerem Rücken. Ein Schwein also, das die Herzen der Pistoier höher schlagen ließ, wenn sie daran dachten, wie seine delikaten Einzelteile in ihren Töpfen schmurgeln und welch leckere Würste sein Fleisch und Fett ergeben würden. Das einzig Merkwürdige an ihm war das linke Ohr, das aufgrund eines Geburtsfehlers stets umgeklappt blieb und dem Betrachter den Eindruck vermittelte, als höre dieses Schwein aufmerksam auf alles, was gesagt wurde.

 

Giovanni, der Besitzer, führte es am Strick bis zur Kirchentür, doch dort stemmte es alle vier Beine in den Boden und war nicht dazu zu bewegen, auch nur einen Schritt weiterzugehen.

Die Männer lachten. Eine große Menschenmenge hatte sich bereits angesammelt, und die jungen Pistoier standen bereit, um die Schweinehatz zu beginnen.

 

„He, Giovanni“, rief einer der Männer. „Das ist ein schlaues Schwein. Es hat gehört, was seinem Vorgänger passiert ist!“

 

„An dem war nicht viel dran“, gab ein anderer zurück. „Davon ist keiner satt geworden.“

 

„Giovanni, alter Geizhals, was hat dich bewogen, ein solches Prachtschwein zu stiften?“, spottete ein Dritter.

 

„Dieser Brauch wird noch mein Untergang sein“, jammerte Giovanni. „Erst muss ich die Sau daran hindern, ihre Jungen gleich wieder aufzufressen, wenn sie sie geboren hat, dann kostet es Mühe und Geld, sie großzuziehen, und dann kriegt einer von euch das Fetteste, ohne dass ich auch nur einen Silberling dafür sehe!“

 

„Dafür zahlst du auch nichts, wenn du deine Säue im Herbst zur Atzung in meinen Eichenwald treibst“, rief der Erste. „Hör auf zu jammern und schaff das Schwein in die Kirche.“

 

Mit vereinten Kräften zogen und schoben die Männer das Schwein durch die Tür. Die Gemeindemitglieder, die sich an der Jagd beteiligen wollten, entledigten sich in der Vorhalle ihrer Schuhe, damit sie auf dem glatten Terrakottaboden nicht ausrutschen würden. Keiner trug seine gewöhnliche Kleidung, sondern sie alle traten in engen, halblangen Hosen aus Leder an, während der Oberkörper unbedeckt blieb. Sie waren ein schöner, stattlicher Anblick, braunglänzend und muskulös, und man traute ihnen einiges an Geschicklichkeit und Schnelligkeit zu.

 

Mit einem dumpfen Geräusch schlossen sich die schweren Flügel des Kirchenportals hinter ihnen, doch die Menge, die draußen bleiben musste, zerstreute sich nicht. Sie wartete gespannt auf den Sieger.

 

Drinnen lief alles nach wohlausgedachten Regeln ab. Das Schwein wurde zur Apsis gebracht, während sich die Fänger am anderen Ende der Kirche nebeneinander aufstellten. Zwei ältere Gemeindemitglieder würden über den fairen Ausgang der Jagd wachen.

 

Jetzt lockerte Giovanni den Strick um den Hals des Schweins, und dann gab der eine Schiedsrichter auch schon das Signal. „Los!“ Die Schlinge löste sich, und Giovanni brachte sich hinter dem Altar in Sicherheit. Das Schwein rührte sich nicht. Wie angewurzelt stand es da, das linke Ohr zurückgeklappt, und fixierte seine Feinde, die sich langsam wie eine menschliche Wand auf ihr Opfer zubewegten.

 

Die Haltung der Männer war leicht gebückt mit angewinkelten Armen, die Hände zum Greifen geöffnet. Leise glitten ihre bloßen Füße nahezu im Gleichschritt über die kalten Fliesen. Immer näher und näher rückten sie dem Schwein. Als sie etwa die Hälfte der Kirche durchmessen hatten, kamen die, die sich am Rande der Kette befanden, langsam nach innen, so dass die Fänger sich nun in einem Halbkreis an das Tier heranpirschten. Und erst, als sie etwa fünf Meter von ihm entfernt waren, löste sich aus ihren Kehlen ein vielstimmiger Schrei, brach die Kette auseinander, warfen sich die Männerleiber nach vorn, um nach der Beute zu greifen.

 

In dieser Sekunde kam Leben in das Schwein. Laut quiekend und so schnell, wie es keiner vermutet hatte, schoss es zwischen seinen Angreifern hindurch und brachte beim Zusammenprall einen Fänger zu Fall. Es raste zum Portal und blieb dort mit bebenden Flanken stehen.

 

Nun formierten sich die Männer erneut in einer Linie, stetig und unerschrocken fixiert von dem Schwein. Das Spiel wiederholte sich noch zwei Mal in derselben Art, doch dann war auch in dem letzten der Jäger der Instinkt erwacht, der sein Blut in Wallung brachte und ihn nach dem Fall des Untiers gieren ließ. Wütend trieben sie das Schwein in die Enge, nur um zu sehen, dass es schlau jede Lücke erspähte und hindurchbrach. Zu viert verstellten sie ihm den Weg, während die anderen seitlich lauerten, nur um zu erkennen, dass auch ein Borstenvieh Haken schlagen kann. Endlich aber hatten sie es derart eingekreist, dass kein Entrinnen mehr möglich schien.

 

Doch nun geschah das Seltsame. Das Schwein befand sich in der vorderen Ecke des Seitenschiffes, an das sich der Turm anschloss. Schritt für Schritt wich es zurück, bis es nicht mehr weiterging. Und da, als einer der Männer sich ihm bereits bis auf einen halben Meter genähert hatte, eröffnete sich ihm ein Weg der Rettung, an den keiner der Beteiligten gedacht hatte. Die Tür, die in den Turm führte, stand einen Spaltbreit offen und bot dem Schwein einen Durchschlupf, den es nicht zögerte wahrzunehmen. Mit einem gewaltigen Satz drehte es sich um, gerade als der Fänger es packen wollte, raste laut quiekend und polternd die Treppe hinauf, und da es einmal in Fahrt war, hielt es auch die wacklige Tür zur Stube des Kaplans nicht auf. Holz splitterte, als das Schwein sich mit seinem ganzen Gewicht gegen sie warf und ins Zimmer galoppierte. Mit Schwung sprang es mitten auf die Bettstatt des Kaplans, die unter seinem Gewicht zusammenbrach, und blieb dort schnaufend liegen.

 

Der völlig verdutzte Kaplan hatte kaum Zeit, die Sachlage zu erfassen, als er auch schon die Schritte der Verfolger auf der Treppe hörte. Ohne recht zu wissen, was er tat, sprang er auf, nahm sein Kreuz und stellte sich den Eindringlingen entgegen. Als der erste der Männer vor ihm erschien, hob er ihm das Kreuz entgegen und rief: „Zurück! Keiner kommt mir über meine Schwelle! Dieses Tier hat sich in seiner Not zu mir geflüchtet, und Gott ist mit den Verfolgten!“

 

Der junge Mann, der schon den Speck des Borstentiers unter seinen Fingern gefühlt hatte, war wütend. „Das hier ist kein Mensch, sondern ein Schwein. Und dieses Schwein gehört mir!“

 

„Alle Lebewesen sind Geschöpfe Gottes“, entgegnete der Kaplan. „Und als solche unterstehen sie dem Schutz der Kirche.“

 

„Unsinn. Gib uns das Schwein heraus, sag ich dir!“

 

„Niemals!“

 

Mittlerweile hatten sich die beiden Schiedsrichter die Treppe hochgezwängt, auf der dicht an dicht die übrigen Jäger standen. Sie spähten in das Zimmer des Kaplans und sahen das Schwein, das sich nun aufgerichtet hatte und mit umgeklapptem linken Ohr auf den Ausgang des Wortgefechtes zu lauschen schien. Sie flüsterten kurz miteinander, nickten sich dann zu und verkündeten ihre Entscheidung.

 

„Recht muss Recht bleiben“, sagte der Erste. „Ganz offensichtlich ist der Kaplan derjenige, der das Schwein gefangen hat, wenn auch unfreiwillig.“

 

„Er hat es, und ihm soll es gehören“, ergänzte der Zweite.

 

„Was will der Kaplan mit einem Schwein?“, fragte einer der Männer.

 

„Dummkopf, dasselbe wie du. Es schlachten und aufessen!“, rief ein anderer lachend.

 

Dem widersprach der Kaplan erzürnt. „Die Hölle ist denen gewiss, die das Vertrauen derer missbrauchen, die Schutz suchen!“

 

„Was willst du denn dann damit machen?“, fragte einer der Schiedsrichter.

 

„Das wird sich finden“, antwortete der Kaplan.

 

„Na gut. Dann gehen wir am besten.“ Die beiden Schiedsrichter schoben sich wieder an den Jägern vorbei die Treppe hinunter, und nach einigem Füßescharren und Murren folgten ihnen die anderen. Unten gab einer der leer ausgegangenen Fänger der Tür zum Turm einen Tritt.

 

„Vermaledeites Ding. Warum war sie nicht abgeschlossen?“

 

„Weiß nicht“, meinte sein Kumpan. „Lass doch gut sein. Nächstes Jahr gibt es wieder ein Schwein.“

 

Die Erheiterung der Gemeinde, als sie erfuhr, was geschehen war, ließ sich kaum beschreiben. Bald war die Geschichte in ganz Pistoia herum, und als der Kaplan begann, zwei Mal am Tag stolz mit seinem Schwein an der Leine spazierenzugehen, kannte das Gelächter keine Grenzen mehr.

 

Den Kaplan kümmerte das nicht. Er reparierte notdürftig sein Bett, war glücklich und fühlte sich Gott näher als je zuvor. Er war dankbar dafür, dass jemand Zuflucht bei ihm, dem armseligen kleinen Kaplan von Sant‘Agnese gesucht hatte, auch wenn es nur ein Schwein war. Er war dankbar dafür, dass er ein gutes Werk vollbringen durfte, indem er es am Leben erhielt. Und auch, wenn die zerstörte Tür zu seinem Gemach ihn schmerzte, war er doch dankbar dafür, dass er nun nicht mehr allein war.

 

Das Schwein erwies sich als angenehmer Gefährte. Der Kaplan hatte ihm ein Lager aus Stroh bereitet; es erwies sich als stubenrein, wenn man es zwei Mal täglich spazieren führte; es war unterhaltsam in seinen Gebärden und seiner Mimik – und es war mit seinem zurückgeklappten Ohr ein guter Zuhörer. Nun machte es dem Kaplan geradezu Spaß, Predigten zu entwerfen, die die Sünder das Fürchten lehren sollten, die Stimme grollen zu lassen und die Gewalt der Worte mit ausdrucksvollen Gesten zu verdeutlichen. Das Schwein saß dann immer ruhig und würdevoll zu seinen Füßen, sah ihn aus kleinen, klugen Äuglein an und gab auch manchmal Laute von sich, die er nach Belieben als Zustimmung oder Ablehnung werten konnte. Er hatte nie geglaubt, dass es so inspirierend sein konnte, ein Publikum zu haben.

 

Einzig der große Appetit seines vierbeinigen Freundes bereitete dem Kaplan manchmal Kopfzerbrechen. Zwar vertilgte das Schwein eigentlich alles, was er ihm vorsetzte, doch nachdem er es in seiner Euphorie die erste Zeit an seiner eigenen Kost hatte teilnehmen lassen, war nicht mehr daran zu denken, es mit dem Faulkram abzuspeisen, den seine Gefährten auf Giovannis Hof fressen mussten. Das Schwein war wählerisch geworden, bevorzugte frisches Gemüse oder gerne auch etwas unverdorbenen Fleischabfall, den der Kaplan heimlich bei Dunkelheit frühmorgens aus der Metzgerrinne klaubte. Zurzeit war das kein großes Problem. Frisches Gemüse gab es im Sommer zuhauf, dazu bald reifes Getreide, und der Kaplan wusste, wo er sich heimlich in den frühen Morgenstunden auf den Feldern und in den Gärten bedienen konnte. Danach ging er in die Nachbargemeinde und erleichterte sein Gewissen, indem er beichtete. Im Winter mochte es allerdings schwierig werden, genügend Nahrung für das Schwein heranzuschaffen. Die rauen Monate jedoch waren noch weit, und so lebten die beiden in fröhlicher Gemeinschaft.

 

Weder der Bischof, noch der Generalvikar, noch der Pfarrer waren bis November nach Pistoia zurückgekehrt. In Sant‘Agnese wohnte noch immer der Kaplan mit seinem Schwein, aber die Gemeinde hatte längst aufgehört, über ihn zu spotten. Ein anderer Skandal war an die Stelle des Maispektakels getreten und hatte die Gemüter bis aufs äußerste erregt, doch davon bekam der Kaplan von Sant‘Agnese nur am Rande etwas mit. Er hatte seit kurzem ein ganz eigenes Problem. Sein Schwein, das im Sommer und Herbst noch größer und fetter geworden war, bekam nun eine gewisse Nahrungsmangellage zu spüren. Selbst verbotenerweise war auf den Äckern nichts mehr zu holen, und auch, wenn der Kaplan seine wenigen Ersparnisse nun für Nahrungsmittel ausgab, schrumpften die Mengen.

 

Eines Abends Anfang Dezember – der Kaplan war gerade ins Nachtgebet vertieft – schreckte ihn ein Geräusch auf, das wie ein gedämpftes Grollen klang. Er sah zu dem Schwein hinüber, denn von dort war es gekommen. Eine Sekunde war es still, dann ertönte das Grollen wieder. Es kam unzweifelhaft aus dem Bauch des Schweins. Es hat Hunger, dachte der Kaplan unglücklich. Ihm knurrt der Magen, weil ihm die Abendvesper fehlt. Auf dem Tisch lag ein fast neuer Laib Brot. Der Kaplan schnitt ihn in zwei Hälften und brachte dem Schwein die größere davon. Es schmatzte und knurpste zufrieden und schlief dann ein.

 

Am nächsten Abend passierte das Gleiche, und der Kaplan opferte auch die zweite Hälfte des Brotes, das als Wochenration geplant gewesen war. Ich werde mich einschränken, dachte er. Schließlich brauche ich nicht viel.

 

Eine Weile ging alles gut. Das Schwein erhielt den Löwenanteil von allem, was an Essbarem vorhanden war, und hielt sein Gewicht. Der Kaplan allerdings verlor ein paar Pfunde, und jetzt knurrte ihm des Abends der Magen, wenn das Schwein längst satt und selig schlief.

 

Doch irgendwann schrumpfte auch der Löwenanteil auf ein unerträgliches Minimum. Jetzt knurrte der Magen des Kaplans mit dem des Schweins um die Wette. Sie saßen halbe Nächte wach in der Stube des Kaplans und blickten sich gegenseitig mit hungrigen Augen an. Die des Kaplans waren stumpf und lagen tief in den Höhlen; die des Schweins blickten klug und durchdringend.

 

Eines rauen Januartags ging der Kaplan mit dem Schwein spazieren. Der Wind pfiff durch die Häuserschluchten, und die nasse Kälte kroch dem mageren Mann unter das Hemd. Unterwegs trafen sie einen der beiden Schiedsrichter, der im Mai bei der Hatz in der Kirche dabei gewesen war.

 

„Du siehst nicht wohl aus, Kaplan“, meinte der Schiedsrichter. „Du solltest mehr essen.“

 

„Mir geht es gut“, erwiderte der Kaplan. „Nur die Preise sind hoch in letzter Zeit, und jenes Schwein ist ein starker Esser.“

 

„Verstehe sowieso nicht, warum du es nicht längst zum Schlachter gebracht hast. Einen ganzen Winter könntest du gut und gerne davon leben. Stell dir nur die leckeren Würste vor, den Schinken und die Rippchen. Oder gar gepökelter Schweinsfuß!“

            

„Wie kannst du so etwas auch nur denken“, rief der Kaplan empört. „Dies hier ist kein gewöhnliches Schwein. Es hat mich auserwählt als Beschützer, und ich werde das Vertrauen, das es mir schenkte, niemals missbrauchen.“

            

„Lieber verhungern, was?“, erwiderte der Schiedsrichter spöttisch. „Na, du kannst es dir ja noch überlegen.“

            

„Niemals!“, erklärte der Kaplan und ging davon. Das Schwein trottete brav neben ihm her.

            

Am nächsten Tag nahm er sein lateinisches Brevier mit dem Goldschnitt und brachte es zum Geldverleiher. Er bekam nicht einen Bruchteil dessen dafür, was es wert war, aber es reichte aus, um sich und dem Schwein für zwei Wochen volle Mägen zu verschaffen. Bald folgten sein zweites Paar Schuhe und ein Becher aus Zinn dem Brevier. Dann folgten seine wollene Mütze und der einzige Teller, den er besaß. Zuletzt verpfändete er seinen silbernen Rosenkranz, und dann folgte nichts mehr, denn er besaß nichts mehr, außer dem, was er auf dem Leibe trug.

            

Der Februar kam, und wieder saßen Schwein und Kaplan sich abends mit leeren Bäuchen gegenüber. Wenn der Kaplan ein paar Stunden Schlaf fand, träumte er von Kasseler im Brotteig, Blut- und Leberwürsten und Schweinesülze. Völlig zermartert und mit hohlen Wangen wachte er dann am anderen Morgen auf, fühlte sich schuldig und wagte kaum, das Schwein anzublicken, das aufrecht auf seinem Strohlager saß und ihn aus hungrigen Augen ansah. Für den Kaplan war es ein Tag der Buße und des Verzichts auf jegliche Nahrung, zur Strafe für seine sündigen Träume. Alles, was er an Essbarem zu erwerben oder zu finden, ja, auch zu stehlen in der Lage war, bekam das Schwein. Es fraß, rülpste, und sah den Kaplan aus hungrigen Augen an.

            

Der Kaplan war erschöpft. „Bald weiß ich nicht mehr, womit ich uns am Leben erhalten soll“, sagte er zu dem Schwein. „Es reicht hinten und vorne nicht, und ich bin so schwach, dass ich bald nicht mehr werde ausgehen können. Ach, was soll bloß aus uns werden“, klagte er und stützte den Kopf in die Hände. Das Schwein erwiderte nichts, sondern sah ihn aus immer hungrigeren Augen an.

            

Am zehnten Februar schneite es seit Jahren wieder das erste Mal in Pistoia. Dick und weich fielen die Flocken auf die Stadt und dämpften die Schritte der Menschen und das Trappeln der Pferdehufe. Der Kaplan lag auf seinem Bett und wusste, dass es mit ihm zu Ende ging. Seit Tagen war er nicht mehr draußen gewesen, um nach Essbarem zu suchen. Er hatte alle Hoffnung aufgegeben, dass sich sein Schicksal noch zum Besseren wenden würde, und begab sich in seinen letzten Gebeten in Gottes Hand. Manchmal schwanden ihm die Sinne, und wenn er wieder zu sich kam, hatte er Mühe, sich zu erinnern, dass er nicht allein im Zimmer war. Mühsam hob er dann den Kopf und suchte das Schwein. Es war mager geworden, und jedesmal, wenn sich ihre Blicke trafen, war es dem Kaplan, als habe sich in die klugen, wimpernlosen Schweinsäuglein ein anderer Ausdruck eingeschlichen. Dieser Ausdruck beunruhigte ihn, aber er konnte ihn nicht deuten. Das Schwein saß auf seinem Strohlager und sah ihn hungrig an.

            

„Wer wird bloß für dich sorgen“, jammerte der Kaplan. „Ich kann es nicht mehr.“

            

Ein Rascheln verriet ihm, dass das Schwein sich erhoben hatte. Tok, tok, tok, tok machten die Füße des Schweins auf dem Dielenboden. Tok, tok, tok, tok. Dann stand es neben seinem Bett und schnaufte. Mit allerletzter Kraft wandte der Kaplan den Kopf, ein letztes Mal klärten sich die Schleier vor seinen Augen. Das Schwein blickte ihn unverwandt an, und plötzlich wusste er, was sich verändert hatte. Es blickte ihn an, klug, hungrig – und böse. Ein Stöhnen entrang sich der Brust des Kaplans. „Maria, Muttergottes, hilf!“ Dann brachen seine Augen.

 

Nach einer Woche lag immer noch Schnee. Ja, in der Nacht war sogar neuer gefallen und hatte die Spuren des Vortags überdeckt. Es war noch nicht hell, aber ein graues Licht kündete den Tag, als aus der Kirche Sant‘Agnese Geräusche drangen. Zuerst ein gleichmäßiges klock, klock, klock, wie wenn jemand die Holztreppe im Turm herunter stiege, dann das Knarren einer Tür im Inneren der Kirche, dann ein tap, tap, tap, tap auf den roten Terrakottafliesen. Langsam öffnete sich darauf der eine Flügel des Kirchenportals, und das Schwein trat in das Dämmerlicht der Vorhalle. Es verweilte kurz auf der Schwelle, streckte witternd seine Schnauze in die frische Morgenluft, und spazierte dann mit erhobenem Kopf, wohlgenährt und picobello die weiße Straße hinunter, wobei es eine deutlich sichtbare Spur hinterließ.

            

Der Kaplan von Sant‘Agnese jedoch ward nie mehr gesehen.