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Frische Grube in der Fischergrube

Die Serie Gruben-Glück als neues Blog auf meiner Webseite.

Aus meinem Eulennest in der Lübecker Fischergrube begleite ich den Neubau auf einer der letzten Brachen in der Altstadt mit Text und Bild.

 

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Wenn Sie die Fotos verwenden möchten, dürfen Sie das gerne tun, wenn Sie das Copyright beachten, das lautet: © Beate Schaefer, 2019

14. Mai 2019. Mit einem kleinen Bagger, dann mit Schaufel und Schubkarre, wurde ein tiefer gelegenes Fundament ausgegraben, das links jetzt zwei wassergefüllte rechteckige Gruben aufweist. Auch dieses neue Fundament ist mit Ziegeln ganz regelmäßig gepflastert. Dazwischen werden Mauerreste sichtbar. Archäologie ist mühsame, oft schweißtreibende Kleinarbeit. Wenn ich am Fenster stehe und dem Team zuschaue, muss ich immer an meine Zeit in Italien denken, wo unter jedem Quadratzentimeter Boden archäologische Schätze ruhen. Ziegelsteine zuhauf, aber oft eben auch Mosaiken, Wandmalereien, Gräber, Brunnen, Marmorsäulen, Denkmalsockel bis hin zu Überresten von Statuen, dazu Münzen, mal eine Fibel oder bronzene Weihegaben. Hier in der frischen Grube in der Fischergrube ist das, was die Archäologen finden, viel prosaischer. Irgendwo in den Archiven gibt es sicher Pläne, welche Bauwerke früher an dieser Stelle gestanden haben, vielleicht gibt es Fotos, die dokumentieren, wie sich die Gebäude im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert haben, vielleicht gibt es sogar Gemälde oder Kupferstiche, die den Straßenzug an dieser Stelle zeigen. Im Mittelalter verlief die wassergefüllte „Grube“ von der Trave bis hierher, ehe die Straße ansteigt. Fischerboote konnten direkt vor den Häusern anlegen. Das „Gruben-“ beziehungsweise Straßenniveau muss früher wesentlich tiefer gelegen haben.

Ich frage mich, ob das neue Haus eine Betonwanne bekommt oder gar versucht wird, einen Keller zu bauen? Letzteres eher wohl nicht. Mein Haus, der alte Speicher direkt gegenüber hat auch keinen. Allerdings kann man mit Beton so ziemlich alles machen. Schließlich härtet er auch unter Wasser – was sich wiederum schon die Römer zunutze machten ... Ihr Beton hieß Opus caementitium und erlaubte ihnen, riesige Bauwerke über und unter Wasser zu erreichten. Die Ruinen beispielsweise der Thermen in Trier, die wir heute bestaunen, sind nichts anderes als der Restbeton, der übrig blieb, nachdem die Einwohner das Betonskelett seiner Verkleidungen aus Backstein und Marmor beraubt hatten. Römischer Beton hält auch nach zweitausend Jahren noch. Unsere Bauwerke aus modernem Beton sind nach zwanzig Jahren so marode, dass man sie abreißen und neu bauen muss.

11. Mai 2019. Gestern Morgen habe ich tatsächlich zwanzig Minuten am Fenster gestanden und zugeschaut, wie der Bagger sich selbst eine Abfahrt von seinem Feldherrnhügel gebaut hat. Er fährt so weit vor, dass die Ketten der Raupe überstehen, baggert Sand von unten nach oben, so dass ein zweiter, niedrigerer Hügel direkt vor ihm entsteht. Dann klopft er das Ganze mit seiner Schaufel platt und fährt gemütlich eine Etage tiefer. Virtuos!

Die Archäologen haben mittlerweile vier Fundamentschichten ausgegraben. Offenbar wurde der neue Ziegelboden immer direkt mit einer Zementschicht auf den alten gelegt. Aber der Längsschnitt durch den Boden links zeigt, dass es noch mindestens zwei weitere Schichten gegeben hat, ehe das heutige Bodenniveau erreicht war.

Mittlerweile ist alles fotografiert und aufgezeichnet worden. Einer der Archäologen war gestern dabei, auf zwei Computerausdrucken minutiös vor Ort Details festzuhalten.

Der Bagger hat den Sand jetzt auch vorne an der Fischergrube ausgehoben. Dort steht Grundwasser, nehme ich an. Es wird mittels eines Schlauchs und einer kleinen Pumpe in den Siel rechts geleitet. Ab und zu schippen Mitarbeiter des Archäologenteams kleine Kanäle frei, damit das Wasser in die größte Pfütze ablaufen kann. Irgendwelche Spuren haben sie in diesem Bereich offenbar bisher nicht gefunden.

Heute, am 7. Mai 2019, haben die Archäologen nicht nur verschiedene Fundamente freigelegt, sondern auch die Reste von Grundmauern eines Hauses im Hintergrund links. Der Bagger hat derweil begonnen, den Sand auf den schönen roten Kipper zu laden. Oft bleiben Leute am Bauzaun stehen und gucken zu. Vor allem Kitagruppen bleiben hier hängen. Die Kids lassen sich kaum dazu bewegen, weiterzugehen. Auch ich könnte stundenlang einfach zuschauen, wie der Baggerführer stoisch seine Schaufel in den Sand gräbt, schwenkt und sie über der Mulde des Kippers mit dem typischen Klackgeräusch entleert. Den Baulärm habe ich mir übrigens viel doller vorgestellt. Das, was Bagger und Kipper an Geräuschen machen, kann man kaum als Lärm bezeichnen.

Die Archäologen kommen!

 

6. Mai 2019. Ratz, fatz hatte der große Bagger den Sand weggeschaufelt. Bald war ein schönes Ziegelfundament freigelegt, vielleicht der Boden eines alten Dielenhauses? Der Bagger wurde von den mit Warnwesten bekleideten Archäolog*innen auf seinen Hügel verbannt. Dann ging es ganz klassisch zuerst mit der Schaufel, später mit Handfeger, Schippchen, Eimer und Sieb an die Arbeit..

 

Mittlerweile stehen auf dem Grundstück auch zwei Container, in die sich der Baustellenhund der einen Archäologin meist verdrückt. Denn der Bagger hat leider auch den für Vierbeiner interessanten Hundekackberg abgetragen. Stattdessen stehen dort jetzt zwei Dixieklos für Zweibeiner ...

 

Über Nacht hat auch der Bauträger seine Werbung an den Bauzaun gehängt, und jetzt ist klar, was das Ganze bis 2021 werden soll: 17 Eigentumswohnungen mit, so die Baugesellschaft, dem typischen Altstadtflair. Da es sich bei dem Bauherren um die b.i.g. handelt, ist die Bezeichnung "Altstadthöfe II" wohl ein Euphemismus. Das Nachbargebäude, das ebenfalls der b.i.g. gehört, sowie viele weitere Neubauten im ganzen Stadtgebiet, zeugen von der Einfallslosigkeit der Architekten, dem mangelnden Willen zum Restgrün, und dem Ziel, Kohle zu machen. Höfe jedenfalls, gar mit ein paar Pflanzkübeln aus Beton, haben die neuen Klötze auf der Insel zwischen Becker- und Fischergrube nicht!

1. Mai 2019. Am nächsten Tag rollte der kleine Bagger an und hob die Asphaltdecke ab. Am Bauzaun hingen nun zwei A3-Schilder. Eines zeigte den Grundriss des gesamten Karrees zwischen Becker- und Fischergrube, das andere erklärte, dass zunächst archäologische Grabungen stattfinden würden, ehe das eigentliche Bauvorhaben beginnen kann.

29. April 2019. Innerhalb eines Tages war die stählerne Einfriedung des Parkplatzes abgesägt und stattdessen ein Bauzaun errichtet worden. Firma "Grabowski" (sic!) mit dem Slogan "Die feine Kunst der Zerstörung", hatte ganze Arbeit geleistet

10. April 2019. Seit zweieinhalb Jahren wohne ich nun in meinem Eulennest im alten Speicher in der Fischergrube. Von dort aus habe ich einen wunderbaren Blick auf die Türme der Marienkirche und die Petrikirche. Anfangs dachte ich beim Glockenschlag der Marienkirche, jemand habe die Uhr falsch eingestellt, denn sie schlug die volle Uhrzeit immer schon zur Hälfte der Stunde. Irgendwann begriff ich, dass sie davor aber nur zwei Mal schlägt, also erst Dong, Dong = halb und dann die volle Stundenzahl. Danach, eine halbe Stunde später, schlägt sie vier Mal und dann eben wieder die volle Stundenzahl. Ist ja auch logisch! Wir sagen ja auch: halb vier oder halb zwölf!

 

Aber aus meinem Fenster guckte ich auch mit – ich gebe es zu – Vergnügen auf jene Brache, die das obige Foto zeigt. Ehemals wohl bebaut mit ebensolchen Speichern und Dielenhäusern wie jenem, in dem ich hause. Danach entweder Bombenkrater oder im Zuge des Abrisswahns nach dem Krieg von allem Alten befreit. In der Folge zur Parkfläche erklärt, dann wurde selbst diese aufgegeben, eingezäunt und jahre- wenn nicht jahrzentelang sich selbst überlassen. Dort lernten Kinder Fahrradfahren, letztes Jahr lackierte dort ein junger Musiker seine selbst gebaute E-Gitarre – und auf dem brennesselüberwucherten Grünflecken ganz hinten verrichteten mehrmals täglich sämtliche Hunde der Nachbarschaft ihr Geschäft. Der kleine Hügel, der unter dem Unkraut liegt, besteht vermutlich zu neunzig Prozent aus Kacke.

 

Von mir aus hätte das auch alles so bleiben können. Doch als ich aus den Osterferien kam, war plötzlich alles anders.