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Frische Grube in der Fischergrube

Die Serie Gruben-Glück als neues Blog auf meiner Webseite.

Aus meinem Eulennest in der Lübecker Fischergrube begleite ich den Neubau auf einer der letzten Brachen in der Altstadt mit Text und Bild.

 

Zur Info: Den neuesten Eintrag finden Sie immer oben!

 

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Wenn Sie die Fotos verwenden möchten, dürfen Sie das gerne tun, wenn Sie das Copyright beachten, das lautet: © Beate Schaefer, 2019

14. Juli 2019

Letzes Foto vor der Sommerpause bis zum 31. Juli. Bin schon so gespannt, was sich bis dahin in meiner Grube getan haben wird ...

11. Juli 2019

Schon nach anderthalb Tagen ist die Grube wieder voll. Nicht voll Wasser diesmal, sondern voll Kies und Sand. Es ist schön, den Bagger wieder bei der Arbeit zu sehen, so präzise, so elegant. Auch wenn ich den mittelalterlichen Grundmauern hinterher trauere, muss ich zugeben, dass ich jeden Tag neugierig bin, was heute passiert. Immerhin ist den Archäolog*innen der Rest des Areals am Ellerbrook geblieben. Schon hat man dort eine neue kleine Grube gegraben. Von meinem Eulennest aus kann ich das aber weder richtig sehen noch fotografieren. Jetzt genieße ich erstmal bei geöffnetem Fenster die Abendstimmung, höre der Amsel zu, rieche die gewittrige Luft, und freue mich über die Ruhe in der Grube, denn wenn auch der Bagger nicht laut ist, scheppert doch der Plattmacher ziemlich heftig und dieselt mir außerdem die Bude voll. Neulich wurde übrigens schon mal ein Kran vorgefahren, der aber wohl zu früh bestellt worden war und wieder verschwand.

10. Juli 2019

Ach ...

10. Juli 2019

Gestern schon kam der Bagger wieder, und als ich heute Morgen aus dem Fenster schaute, war die Grube bereits mit einer weißen Plane ausgelegt. Ein Kipper hat ein paar Fuhren Kies gebracht, aus dem zuerst eine Rampe aufgeschüttet wird, welche von einem Plattmacher planiert wird, damit der Bagger runter fahren kann. Es riecht nach Diesel, es macht Krach, und dass es immer noch kalt und dunkel ist, hilft auch nicht wirklich gegen meine Grubendepression. Ich will nicht, dass da gebaut wird. Ich will es einfach nicht. Kann denn nicht irgendwo einfach mal Nichts sein? Aber das halten Menschen wohl nicht aus.

9. Juli 2019

Sie sind weg. Die Archäologen sind weg. Meine Grube liegt verwaist. Alles ist aufgeräumt. Die Schubkarren sind weg. Die Plane ist weg. Die Pumpen und Schläuche sind weg. Einsam, ausgehöhlt und irgendwie nackt, den Blicken schutzloser ausgesetzt, liegt die Grube da. Es hat geregnet. Die Gruben in der Grube sind zum Teil wieder vollgelaufen. Im Wasser spiegeln sich die Wolken. Ich möchte, dass es so bleibt. Dass dieses markante Loch in der Stadt nicht verschlossen wird. Dass es uns daran erinnert, was sich unter unseren Füßen befindet, wenn wir durch die Straßen gehen. Dass wir eine Verbindung halten nach unten, hinein in die Geschichte. Dass wir uns als Hinübergehende empfinden. Die, die gerade da sind. Die, die irgendwann weg sein werden. Dass andere nach uns kommen werden und hoffentlich nie wieder ein Krieg, der Gruben schlägt, tötet, verletzt, zerstört.

Bald kommt der Kies. Dann kommt der Beton. Dann wächst das neue Haus. Ich wünschte, die Spuren, die jetzt freigelegt worden sind, könnten in diesem neuen Haus erhalten werden, als begehbare Geschichte. Wie zum Beispiel in der Casa Balbi in Rom. Aber das sind ja nur Träume, hier oben in meinem Eulennest, in diesem frösteligen Hochsommer in Lübeck.

6. Juli 2019

Neulich bekam ich da oben unterm Dach Besuch. Wusch, surrte etwas laut brummendes, schwarzes und ziemlich großes durch mein Eulenfenster an mir vorbei, wurde aber von der schräg gegenüberliegenden Dachfensterscheibe abgebremst. Völlig geschockt sah ich, dass es sich um eine riesige Hornisse handelte. Der Länge nach mindestens fünf Zentimeter. Ich bin ein Mal von einem solchen Exemplar völlig ohne Grund und Vorwarnung gestochen worden und hatte jetzt Angst. Da ich aber in fünf Minuten in der Stadt einen Termin hatte, konnte ich mich nicht einfach in den hintersten Badezimmerwinkel zurückziehen und hoffen, dass das Vieh von selbst wieder verschwand. Vorsichtig näherte ich mich dem großen Dachfenster, das Ungeheuer fest im Blick. Hornissen greifen nämlich von sich aus an, nicht erst, wenn man unfreundlich zu ihnen ist. Nun, ich wollte freundlich sein, packte die Fensterhebel, klappte ganz, ganz langsam das Fenster auf, bis es fast um hundertachtzig Grad gedreht war. „Los, Horni, die Freiheit winkt“, sagte ich. Aber Horni klebte jetzt unten an der Scheibe, obwohl ihr der Wind durch den Pelz fuhr. Rechts, links, unten war Luft und sie hätte einfach wegfliegen können. Tat sie aber nicht. Unschlüssig stand ich einen Moment da. Wenn sie jetzt auf mich losging, traf sie genau meinen Bauch. Aber das Fenster wieder zuklappen, war auch keine Alternative. Ich holte ein Handtuch, betete kurz, dass das Vieh die richtige Entscheidung treffen würde, und schlug ein Mal von oben auf die Scheibe. Horni machte tatsächlich beleidigt die Biege, statt sich auf mich zu stürzen. Ehe sie um die Ecke düsen und durchs vordere Fenster wieder reinkommen konnte, schmiss ich alle Fenster zu und rannte zu meinem Termin.

Vor ein paar Tagen hörte ich Hornis Brummen erneut. Panisch sprang ich vom Sofa auf – aber es war keine Hornisse zu sehen. Das Summen und Brummen kam von draußen, und zwar aus Richtung der Grube. Dort standen die Archäolog*innen, einer davon mit Steuerung in der Hand, und schauten gebannt nach oben. Ich schaute auch nach oben, aber in meiner luftigen Höhe war nichts zu sehen, nur zu hören. Ich schaute nach unten, und irgendwann entdeckte ich die weiße Drohne. Sie glänzte so im Morgenlicht, dass man sie fast nicht sehen konnte, und schwebte etwa fünf Meter über der Grube.

Schon öfter hatte ich Leute in der Grube gesehen, die das Areal auf unterschiedlichste Weise dokumentierten. Manchmal ganz klassisch zeichnend und schreibend, manchmal mit dem Tablet oder dem Fotoapparat. Dann wieder mit professionellem Vermessungsgerät. Jetzt also Luftaufnahmen mit der Drohne. Endspurt, ehe die Archäolog*innen die Arbeiten beenden müssen. Ich hoffe sehr, dass irgendwann ein großer Artikel in den Lübecker Nachrichten erscheint, in dem die Erkenntnisse und Funde aus meiner Glücksgrube vorgestellt werden. Ich selbst bin ja nur Beobachterin aus der Ferne, schaue runter, mache mir meine Gedanken, dokumentiere auf meine Weise, und weiß inhaltlich so wenig wie die weiße Drohne, die Aufnahme um Aufnahme macht, ohne an der Auswertung beteiligt zu sein.

28. Juni 2019

Ich möchte nicht wissen, wie viele Kubikmeter Schlamm, Brandschutt und zerbröselte Ziegel die städtischen Mitarbeiter bisher in mühsamer Kleinarbeit mit Schaufel und Kratzer weggeschafft haben. Die Belohnung sind im Falle meiner Grube Grundmauern, verkohlte Reste von Eichenbalken, Entwässerungsanlagen und seit ein paar Tagen eine runde, gemauerte Kloake (auf dem Foto hinten rechts), in der aber auch nicht, wie manchmal bei anderen Grabungen, alte Tontöpfe, Münzen, Hundeskelette oder ähnlich Interessantes zu finden waren.

Apropos Entwässerung: Das, was heute die elektrischen Pumpen in der immer wieder volllaufenden Grube leisten, versuchte man im Mittelalter durch eine Vielzahl von Drainagen herzustellen. Gefunden haben die Ausgräber die bereits erwähnten Holzbottiche, in denen das eindringende Wasser aufgefangen wurde, aber auch schöne, exakt ausgekehlte hölzerne Abwasserrinnen, die das Wasser nach draußen in die Fischergrube leiteten. Die hieß nicht umsonst -grube, wie so viele andere Lübecker Straßen, denn neben ihrer Funktion als Straße diente sie eben auch als Entwässerungsgraben. Das Wasser, das man in den Häusern nicht brauchen konnte, leitete man auf komplizierten Wegen in die Trave. Bei Hochwasser half vermutlich nur,  in die oberen Stockwerke auszuweichen und hinterher den Schlamm von der Diele zu kratzen, wie es heute die Archäologen in der Grube tun.

Immer wieder faszinieren mich die Lagen aus Backsteinfundamenten, deren sichtbar unterste, die aber nicht die unterste sein mag, sicher zweieinhalb Meter unterhalb des heutigen Straßenniveaus liegt. Schicht für Schicht, Haus für Haus, Schutt auf Schutt wuchsen die Hügel der Stadt in die Höhe. Damit unterscheidet sich Lübeck natürlich nicht im geringsten von anderen Städten weltweit. Ich schaffe es nicht, die einzelnen Fundamente im Längsschnitt der Grubenränder zu zählen, aber auf zwanzig käme man bestimmt.

Die archäologischen Arbeiten in meiner Grube neigen sich nun dem Ende zu. Nächste oder übernächste Woche wird sie dann wohl in einem Kiesbett verschwinden, bis im September die Bauarbeiten beginnen.

Für die Fotos von der „cloaca maxima“ danke ich übrigens wieder einem freundlichen Herrn in der Grube.

22. Juni 2019

Gestern habe ich mir endlich ein Herz gefasst und bin morgens an den Bauzaun getreten, als bereits Menschen in der Grube waren. Eigentlich hatte ich nur vor, den Bottich zu fotografieren, musste aber schnell erkennen, dass das aus dieser Entfernung nur mit einem gescheiten Teleobjektiv möglich gewesen wäre. Der junge Archäologe, der unterhalb von mir in der Grube stand, sah nett aus, und ich fragte ihn nach dem Holzkübel und nach der Datierung. „Vielleicht Mittelalter, aber eher frühe Neuzeit“, erfuhr ich. Mutiger geworden, stellte ich eine Frage nach der anderen. Hier das Ergebnis meiner etwas eiligen Recherche, denn ich musste ja meinen Laden aufmachen: Im Laufe der Arbeiten hat man sich also bis zu den mittelalterlichen Fundamenten durchgegraben. Mittelalterliche Mauerreste ohne Zement in Läufer- und Bindertechnik errichtet, habe ich zum ersten Mal genauer betrachtet. Ein Blick auf den Wikipedia-Eintrag zum Thema Mauerwerksverband (hier der Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Mauerwerksverband#Verbandarten ) macht Riesenlust darauf, mehr darüber zu lernen. Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, wohnten wir direkt am Rand eines großen Streuobstwiesengeländes, das mittlerweile leider völlig zugebaut worden ist. Auch damals wurde schon gebaut, und irgendwann entsorgte jemand auf unserem Naturspielplatz einen großen Haufen Backsteine. Ich fing sofort damit an, mir ein „Haus“ zu bauen (in Bindertechnik, erklärt von Mutti, die alles weiß ...), musste aber enttäuscht feststellen, dass die Steine bei weitem nicht ausreichen. In Rom habe ich dann gelernt, was opus reticulatum oder opus incertum sind, die Tuffsteinmauern aus kleinen quadratischen Steinen, und anhand des Ziegelmauerwerks, das von den antiken Bauwerken übrig sind, kann ich zumindest grob einschätzen, aus welcher Zeit es stammt ...

 

Jetzt bin ich abgeschweift und in Gedanken in Ostia antica oder der Villa Adriana gelandet. Dort sägen jetzt die Zikaden, während wir hier in der Fischergrube schon dankbar sein müssen, wenn wenigstens eine Amsel singt. Die B.i.g. baut zwar  „Altstadthöfe“, aber der Klotz, den man 2010 zwischen Beckergrube und Fischergrube geklemmt hat, lässt wenig „Hof“ und noch weniger Grün erkennen. 2009 hat man ja schon mal auf dem Gelände gegraben, und im Netz habe ich dazu einen ganz informativen shz-Artikel gefunden:  https://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/eine-etwas-andere-haushaltsaufloesung-id954066.html

 

Übrigens: Der runde Stein in der Mitte ist tatsächlich ein alter Mühlstein, der nach Auskunft des freundlichen Grubisten aber als Fundament für ein Fass oder etwas ähnlich schweres gedient haben mag. Die Archäolog*innen haben noch tiefer gegraben (siehe Foto), um herauszufinden, ob er sich bergen lässt, aber seltsamerweise ist die Scheibe sehr dünn, viel dünner als ein normaler Mühlstein, und er weist ein Craquelée auf, so dass er vermutlich zerbröseln würde, wenn man ihn von dem Platz entfernt, an dem er seit hunderten von Jahren liegt. Eine Plane wurde extra für mich zurückgeschlagen, und zum Vorschein kamen noch zwei weitere Holzbottiche, wesentlich besser erhalten als „mein“ Exemplar (siehe Fotos). Diese Kübel wurden unter anderem als Auffangbehälter für das stets gerne eindringende Wasser benutzt, denn Lübecker Keller sind, wie wir auch heute noch oft erfahren, feucht ...

 

Die Fotos verdanke ich meinem Gesprächspartner, dem ich mein Handy in die Grube reichen durfte. Darüber habe ich mich sehr gefreut und bei dieser Gelegenheit auch erfahren, dass das Archäologenteam mein kleines Blog bereits entdeckt hatte.

 

Noch zwei Wochen dürfen sie graben, sichern, kartieren, zeichnen, fotografieren und vermessen. Dann ist Schluss in der großen Grube, und es geht im Ellerbrook weiter. Ab September wird die B.i.g. achtzig Pfähle in die schönen alten Backsteinfundamente rammen, auf denen dann das neue Gebäude entsteht. Vielleicht gibt es ja dann diesmal Platz für ein bis zwei Bäume.

20. Juni 2019

Hier ein kleiner Nachtrag zum Gewittersonntag am 16. Juni: Als ich morgens um halb acht aus dem Fenster schaute, stand meine Grube zu großen Teilen unter Wasser. Der lange Schlauch, der das Wasser aus der Grube in den Gully in der rechten unteren Ecke transportiert, war platt und schlapp. Um kurz vor acht schon erschien die Sonderschicht. Sämtliche Archäolog*innen hatten ihr Sonntagsfrühstück unterbrochen und trudelten eine/r nach dem/der anderen ein, inklusive aller drei „Gruben-Hunde“, die sich offenbar gut kennen und sich, obwohl sie an den Containern angeleint werden, gut vertragen. Einer der Archäologen, der Gummistiefel trug, stieg ins Nasse und zog ein paar Mal an dem Schlauch, der an der Pumpe hing, die untergegangen war. Das Fazit seines Kollegen auf dem Trockenen: Die Sicherung an der Kabelrolle für die Pumpe sei rausgesprungen. Zu nass. Auch die oberste Stufe der neu gebauten Treppe hinten rechts war unterspült. Dafür gab es schnell eine Lösung. Ein herumliegendes Brett wurde untergeschoben und mit ein paar Fußtritten festgeklemmt. Als Letzter erschien ein Herr ohne Gummistiefel, aber in Jeans und weißem Hemd, Zigarette rauchend. Er schritt die Treppe herunter, stellte sich mitten auf den trocken gebliebenen Bereich der ehemaligen Diele und sagte laut und vernehmlich: „Was'n Scheiß!“

Während jemand die Pumpe aus dem Wasser zog, trugen Andere lange Stangen herbei und bauten in Windeseile ein kleines rechteckiges Zelt mit Satteldach auf, das in seiner niedlichen rot-weißen Buntheit und mit seinen Volants an die Zelte eines Ritterturniers erinnerte.

Leider musste ich zur Bahn und konnte den weiteren Verlauf der Trockenlegung nicht mehr verfolgen. Auch hatten mich die fleißigen Grubisten mittlerweile entdeckt, so dass ich mich nicht traute, auch das schicke Zelt zu fotografieren, das, als ich drei Tage später wiederkam, leider nicht mehr stand.

Um halb neun verließ ich das Haus, und siehe da: die Pumpe pumpte, der Schlauch war prall und zuckte wie eine Schlange, die schluckt, und wenn auch heute, am 20.6., die Grube noch ein bisschen schlammig ist, haben die Archäolog*innen doch bereits schon wieder in mühevoller Kleinarbeit weitere Bereiche freigelegt, Tonscherben aufgeklaubt, einen alten Eichenbalken ausgegraben und unter eine Plane gelegt, und in den Fundamenten der kleinen Bude hinten rechts einen in die Erde versenkten, halb verrotteten, Jahrhunderte alten Holzbottich gefunden, in dem das Restwasser grünlich schimmernd steht, und der darauf wartet, ebenfalls geborgen zu werden.

09. Juni 2019

Der Trend geht zur Zweitschubkarre ... (siehe Foto unten)

 

Vor einigen Tagen las ich die FAZ online und sah MEINE archäologische Grube dort abgebildet. Dachte ich. Es handelte sich aber um eine Grabung in Mainz, und dort hat man in einer Baugrube, die ganz ähnlich aussieht wie die in der Fischergrube, den Sarkophag eines vor tausend Jahren an dieser Stelle bestatteten Bischofs gefunden, inklusive Skelett. Gratuliere! So etwas wird hier in meiner Grube natürlich nicht passieren. Immerhin haben sich die Archäologen schon ziemlich fleißig weiter durch den Brandschutt gebuddelt. Nachts pumpt die Pumpe, aber mittlerweile wache ich davon nicht mehr auf, sondern integriere das Geräusch in meine Träume.

 

Ein bisschen Hintergrund zur Grube kann nicht schaden. Das Stadtarchiv hat netterweise eine Liste der ehemaligen Bebauung der Fischergrube online veröffentlicht, so dass ich nachlesen konnte, was vor dem Brand 1942 auf der Grube mit den Hausnummern 63, 65 und 76 stand.

 

Die Nummer 63 war demnach ein großes Stadthaus, das einen Giebel mit Voluten besaß. Vielleicht ist es dasselbe Haus, das 1796 als Wohn- und Brauhaus beschrieben wurde, mit Seitengebäude, Garten und vier eingeschossigen Buden im Ellerbrook. Erwähnt wird an dieser Stelle allerdings schon 1313 eine Domus, von 1400 bis 1437 gehörte das Haus Johan Rover, einem Braumeister, 1668/69 Joachim Borchers, ebenfalls Brauer. 1575 wird dort Rotbier, 1593 Weißbier gebraut. Das geht bis 1804 so weiter, ab 1880 richtet der "Lübecker Verein zur Unterstützung armer Reisender" Unterkünfte ein und bemüht sich dadurch auch um die "Beseitigung der Hausbettelei". Ab 1902 dient das Anwesen als Handelsgesellenschule. 1934 kostete es 49.400 Reichsmark. In der Bombennacht von 1942 wurde es zerstört.

 

Nummer 65 und 67 sind unspektakulärer, obwohl beide bereits 1308 nachgewiesen sind und damals Eylard vamme Stene, einem Ratsmitglied, gehörten. Sie waren zweigeschossig. Nummer 65 kostet 1931 9.100 RM, Nummer 67 kostete 1910 11.500 Mark. Bei beiden Häusern fanden bereits 2009 archäologische Grabungen statt.

23. Mai 2019 Mittlerweile haben die Archäologen in teils mühevoller Kleinarbeit mit Schippe, Besen oder auf den Knien mit Kratzern mehrere Schichten ehemaliger Fußböden freigelegt. Die Backsteine, die dafür verwendet wurden, sind groß, größer als die Ziegel, die normalerweise für die Aufmauerung verwendet werden. Der große Bereich in der Mitte besteht auch nicht aus roten Ziegeln, sondern aus Backsteinen aus gelbem Ton. An einigen Stellen tritt zudem unter den regelmäßig verlegten Bodenziegeln eine ältere Schicht aus unregelmäßigen, unebenen Backsteinen zutage.

Mehrere rechteckige, unterschiedlich große Vertiefungen sowie in der Mitte eine kreisrunde, in den Boden eingelassene Platte, Mauerreste und probeweise abgehobenes Fundament, um darunter liegende Schichten zu begutachten, warten auf die Deutung der Fachleute. Ganz deutlich kann jedoch auch ich als Laie erkennen, dass es gebrannt haben muss. Einige Bereiche sind geschwärzt, und der Schutt, den die Archäologen weggeschaufelt und weggekratzt haben, um ihn per Schubkarre auf den großen Haufen rechts zu befördern, ist Brandschutt.

14. Mai 2019. Mit einem kleinen Bagger, dann mit Schaufel und Schubkarre, wurde ein tiefer gelegenes Fundament ausgegraben, das links jetzt zwei wassergefüllte rechteckige Gruben aufweist. Auch dieses neue Fundament ist mit Ziegeln ganz regelmäßig gepflastert. Dazwischen werden Mauerreste sichtbar. Archäologie ist mühsame, oft schweißtreibende Kleinarbeit. Wenn ich am Fenster stehe und dem Team zuschaue, muss ich immer an meine Zeit in Italien denken, wo unter jedem Quadratzentimeter Boden archäologische Schätze ruhen. Ziegelsteine zuhauf, aber oft eben auch Mosaiken, Wandmalereien, Gräber, Brunnen, Marmorsäulen, Denkmalsockel bis hin zu Überresten von Statuen, dazu Münzen, mal eine Fibel oder bronzene Weihegaben. Hier in der frischen Grube in der Fischergrube ist das, was die Archäologen finden, viel prosaischer. Irgendwo in den Archiven gibt es sicher Pläne, welche Bauwerke früher an dieser Stelle gestanden haben, vielleicht gibt es Fotos, die dokumentieren, wie sich die Gebäude im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert haben, vielleicht gibt es sogar Gemälde oder Kupferstiche, die den Straßenzug an dieser Stelle zeigen. Im Mittelalter verlief die wassergefüllte „Grube“ von der Trave bis hierher, ehe die Straße ansteigt. Fischerboote konnten direkt vor den Häusern anlegen. Das „Gruben-“ beziehungsweise Straßenniveau muss früher wesentlich tiefer gelegen haben.

Ich frage mich, ob das neue Haus eine Betonwanne bekommt oder gar versucht wird, einen Keller zu bauen? Letzteres eher wohl nicht. Mein Haus, der alte Speicher direkt gegenüber hat auch keinen. Allerdings kann man mit Beton so ziemlich alles machen. Schließlich härtet er auch unter Wasser – was sich wiederum schon die Römer zunutze machten ... Ihr Beton hieß Opus caementitium und erlaubte ihnen, riesige Bauwerke über und unter Wasser zu erreichten. Die Ruinen beispielsweise der Thermen in Trier, die wir heute bestaunen, sind nichts anderes als der Restbeton, der übrig blieb, nachdem die Einwohner das Betonskelett seiner Verkleidungen aus Backstein und Marmor beraubt hatten. Römischer Beton hält auch nach zweitausend Jahren noch. Unsere Bauwerke aus modernem Beton sind nach zwanzig Jahren so marode, dass man sie abreißen und neu bauen muss.

11. Mai 2019. Gestern Morgen habe ich tatsächlich zwanzig Minuten am Fenster gestanden und zugeschaut, wie der Bagger sich selbst eine Abfahrt von seinem Feldherrnhügel gebaut hat. Er fährt so weit vor, dass die Ketten der Raupe überstehen, baggert Sand von unten nach oben, so dass ein zweiter, niedrigerer Hügel direkt vor ihm entsteht. Dann klopft er das Ganze mit seiner Schaufel platt und fährt gemütlich eine Etage tiefer. Virtuos!

Die Archäologen haben mittlerweile vier Fundamentschichten ausgegraben. Offenbar wurde der neue Ziegelboden immer direkt mit einer Zementschicht auf den alten gelegt. Aber der Längsschnitt durch den Boden links zeigt, dass es noch mindestens zwei weitere Schichten gegeben hat, ehe das heutige Bodenniveau erreicht war.

Mittlerweile ist alles fotografiert und aufgezeichnet worden. Einer der Archäologen war gestern dabei, auf zwei Computerausdrucken minutiös vor Ort Details festzuhalten.

Der Bagger hat den Sand jetzt auch vorne an der Fischergrube ausgehoben. Dort steht Grundwasser, nehme ich an. Es wird mittels eines Schlauchs und einer kleinen Pumpe in den Siel rechts geleitet. Ab und zu schippen Mitarbeiter des Archäologenteams kleine Kanäle frei, damit das Wasser in die größte Pfütze ablaufen kann. Irgendwelche Spuren haben sie in diesem Bereich offenbar bisher nicht gefunden.

Heute, am 7. Mai 2019, haben die Archäologen nicht nur verschiedene Fundamente freigelegt, sondern auch die Reste von Grundmauern eines Hauses im Hintergrund links. Der Bagger hat derweil begonnen, den Sand auf den schönen roten Kipper zu laden. Oft bleiben Leute am Bauzaun stehen und gucken zu. Vor allem Kitagruppen bleiben hier hängen. Die Kids lassen sich kaum dazu bewegen, weiterzugehen. Auch ich könnte stundenlang einfach zuschauen, wie der Baggerführer stoisch seine Schaufel in den Sand gräbt, schwenkt und sie über der Mulde des Kippers mit dem typischen Klackgeräusch entleert. Den Baulärm habe ich mir übrigens viel doller vorgestellt. Das, was Bagger und Kipper an Geräuschen machen, kann man kaum als Lärm bezeichnen.

Die Archäologen kommen!

 

6. Mai 2019. Ratz, fatz hatte der große Bagger den Sand weggeschaufelt. Bald war ein schönes Ziegelfundament freigelegt, vielleicht der Boden eines alten Dielenhauses? Der Bagger wurde von den mit Warnwesten bekleideten Archäolog*innen auf seinen Hügel verbannt. Dann ging es ganz klassisch zuerst mit der Schaufel, später mit Handfeger, Schippchen, Eimer und Sieb an die Arbeit..

 

Mittlerweile stehen auf dem Grundstück auch zwei Container, in die sich der Baustellenhund der einen Archäologin meist verdrückt. Denn der Bagger hat leider auch den für Vierbeiner interessanten Hundekackberg abgetragen. Stattdessen stehen dort jetzt zwei Dixieklos für Zweibeiner ...

 

Über Nacht hat auch der Bauträger seine Werbung an den Bauzaun gehängt, und jetzt ist klar, was das Ganze bis 2021 werden soll: 17 Eigentumswohnungen mit, so die Baugesellschaft, dem typischen Altstadtflair. Da es sich bei dem Bauherren um die b.i.g. handelt, ist die Bezeichnung "Altstadthöfe II" wohl ein Euphemismus. Das Nachbargebäude, das ebenfalls der b.i.g. gehört, sowie viele weitere Neubauten im ganzen Stadtgebiet, zeugen von der Einfallslosigkeit der Architekten, dem mangelnden Willen zum Restgrün, und dem Ziel, Kohle zu machen. Höfe jedenfalls, gar mit ein paar Pflanzkübeln aus Beton, haben die neuen Klötze auf der Insel zwischen Becker- und Fischergrube nicht!

1. Mai 2019. Am nächsten Tag rollte der kleine Bagger an und hob die Asphaltdecke ab. Am Bauzaun hingen nun zwei A3-Schilder. Eines zeigte den Grundriss des gesamten Karrees zwischen Becker- und Fischergrube, das andere erklärte, dass zunächst archäologische Grabungen stattfinden würden, ehe das eigentliche Bauvorhaben beginnen kann.

29. April 2019. Innerhalb eines Tages war die stählerne Einfriedung des Parkplatzes abgesägt und stattdessen ein Bauzaun errichtet worden. Firma "Grabowski" (sic!) mit dem Slogan "Die feine Kunst der Zerstörung", hatte ganze Arbeit geleistet

10. April 2019. Seit zweieinhalb Jahren wohne ich nun in meinem Eulennest im alten Speicher in der Fischergrube. Von dort aus habe ich einen wunderbaren Blick auf die Türme der Marienkirche und die Petrikirche. Anfangs dachte ich beim Glockenschlag der Marienkirche, jemand habe die Uhr falsch eingestellt, denn sie schlug die volle Uhrzeit immer schon zur Hälfte der Stunde. Irgendwann begriff ich, dass sie davor aber nur zwei Mal schlägt, also erst Dong, Dong = halb und dann die volle Stundenzahl. Danach, eine halbe Stunde später, schlägt sie vier Mal und dann eben wieder die volle Stundenzahl. Ist ja auch logisch! Wir sagen ja auch: halb vier oder halb zwölf!

 

Aber aus meinem Fenster guckte ich auch mit – ich gebe es zu – Vergnügen auf jene Brache, die das obige Foto zeigt. Ehemals wohl bebaut mit ebensolchen Speichern und Dielenhäusern wie jenem, in dem ich hause. Danach entweder Bombenkrater oder im Zuge des Abrisswahns nach dem Krieg von allem Alten befreit. In der Folge zur Parkfläche erklärt, dann wurde selbst diese aufgegeben, eingezäunt und jahre- wenn nicht jahrzentelang sich selbst überlassen. Dort lernten Kinder Fahrradfahren, letztes Jahr lackierte dort ein junger Musiker seine selbst gebaute E-Gitarre – und auf dem brennesselüberwucherten Grünflecken ganz hinten verrichteten mehrmals täglich sämtliche Hunde der Nachbarschaft ihr Geschäft. Der kleine Hügel, der unter dem Unkraut liegt, besteht vermutlich zu neunzig Prozent aus Kacke.

 

Von mir aus hätte das auch alles so bleiben können. Doch als ich aus den Osterferien kam, war plötzlich alles anders.