Bilder schreiben VI

Museum Behnhaus-Drägerhaus, Lübeck

Oskar Kokoschka, Lübeck, Jakobi-Kirche, 1958

 

Was mache ich jetzt? Oder: Wat nu?, wie Emil Nolde vermutlich gesagt hätte.

Nach fast einem Jahr will ich endlich die Bitte einer Freundin erfüllen und mich für eine Stunde vor die beiden Aquarelle Emil Noldes setzen – die einzigen Werke, die das Museum Behnhaus-Drägerhaus noch von diesem Maler besitzt, nachdem die herausragende moderne Sammlung in der Nazizeit aufgelöst, verschleudert, geschreddert wurde. Doch seit ich das letzte Mal Zeit hatte für diesen Blog, hat man um- und abgehängt, und die Nolde-Aquarelle – eine Landschaft und ein Blumenstillleben – sind wieder im Depot, was die Erfüllung meines Auftrags vereitelt.

Fast bin ich schon so weit, wieder zu gehen oder einfach als Genießerin durch die Sammlung zu schlendern. Doch dann packt mich der Ehrgeiz. Ich will heute über ein Bild schreiben, will mich eine volle Stunde darauf einlassen. Bloß, welches Bild soll es sein?

 

Ich bleibe in demselben Saal hängen, in dem sich ursprünglich auch die Nolde-Aquarelle befanden, und ich beschließe, mich mit einem Gemälde zu beschäftigen, das ich nicht mag, und mit einem Maler, den ich nicht schätze. Oskar Kokoschka, Lübeck, Jakobi-Kirche.

Seit der Gründung meiner Galerie NausikaART und der intensiveren Beschäftigung mit Barbara Hirsekorns Lübeck-Aquarellen, die ich dort verkaufe, habe ich begriffen, wie schwierig es ist, die Kleinteiligkeit der Lübecker Architektur, die – oberflächlich gesehen – Eintönigkeit des roten Backsteins, die mangelnden Kontraste außer bei sehr starkem Helldunkel, die immer gleichen sieben Kirchtürme, auf einigermaßen interessante Weise abzubilden. Barbara gelingt dies vor allem durch ihren Mut, die Stadt als Ort des Verkehrschaos, der seltsam überlängten, manchmal fast unterleibslosen, o-beinigen menschlichen Figuren – Shopper, Betrunkene, Radfahrer, Jogger – darzustellen und den pittoresken Sehnsuchtsobjekten aus alten Steinen nur einen Nebenschauplatz zuzuweisen.

 

Kokoschka hat 1958 etwas ganz Ähnliches getan. Zwar sitzt die Jakobikirche massiv, viel massiver, als sie eigentlich ist, mitten im Bild, aber der Fokus gleitet, vom Maler geschickt gelenkt, rechs an ihr vorbei in die belebte Breite Straße. Dann verlangt die kleine Menschengruppe auf dem Koberg die Aufmerksamkeit des Betrachters, ebenso der grellgrüne Baum, wahrscheinlich jene Linde, die heute noch dort steht, gealtert und den ewig streitenden Trinkern im Sommer als Schattenspender dienend.

Jedes Mal, wenn ich versuche, die Kirche in den Blick zu nehmen, rutscht dieser Blick ab, wie Füße auf seifigem Boden rutschen. Seifig, ja, das ist die Malweise, die auf Kokoschka zutrifft. Schlierig, glitschig, den Pinselstrich immer von oben nach unten geführt, alles Weiße schaumig, alles Blaue und Grüne schillernd wie in einer Seifenblase.

 

Rot, Rosa, Ocker, die Backsteinfarben der Kirche, der Gebäude davor und daneben, haben den Hauptanteil an der Palette, aber Kokoschka benutzt sie, als würde er das Inkarnat eines Menschen malen, der zu lange in einer heißen Wanne gesessen hat. Dadurch bekommen die Gebäude etwas Fleischliches, und sofort wird bei mir die Assoziation an aufgehängte tote Schweine- oder Rinderhälften geweckt, wie sie Corinth, aber auch Jahrhunderte zuvor Annibale Carracci, gemalt hat. Die mittelalterlichen Gebäude wirken in Kokoschkas Malweise, als hätte man ihnen die Haut abgezogen, wodurch das Bild etwas für mich äußerst Gewalttätiges bekommt. Blutige, rote Steine, verletzt und den Betrachter verletzend.

 

Nein, schön kann man dieses Bild nicht finden, ich jedenfalls nicht, aber ich habe in diesen zwanzig Minuten immerhin eine Beziehung zu ihm aufgebaut.

 

Es war eine Auftragsarbeit für den Lübecker Senat, entstanden ist es im Haus Koberg 19 innerhalb von zwei Wochen. Besucher des Museums Behnhaus-Drägerhaus haben es unter die hundert beliebtesten Meisterwerke des Hauses in der Königstraße gewählt.

 

Jetzt sind erst fünfundzwanzig Minuten herum. Eine Stunde ist jedoch das Limit, das ich mir für meine Bildbetrachtungen gesetzt habe. Also versuche ich das mit Nolde doch noch, nur auf anderem Wege.

 

Als erstes muss ich gestehen, dass ich keine Ahnung hatte, dass das Buch "Deutschstunde" von Siegfried Lenz sich mit Nolde befasst. Ich kenne den Titel gefühlt seit hundert Jahren, aber ich habe, da es "Kanon" war, immer einen weiten Bogen darum gemacht. In jener Lebensphase, in der nicht nur Hesses Steppenwolf, sondern eben auch die Deutschstunde von Heranwachsenden verschlungen wurden, war ich ein nichtlesendes, nichtmalendes, verstörtes, sich allem verweigerndes Mädchen, dessen erster Beziehungsversuch mit siebzehn nach anderthalb Jahren auf unschöne Weise gescheitert war, das heimlich in einen verheirateten Mann verliebt war, das sich in der Schule bis zum Erbrechen langweilte, ohne die Ausrede Hochbegabung dafür zu haben, in dessen Kopf das Wort Freiheit, Freiheit, Freiheit hämmerte und das ständig den Impuls verspürte, schreiben zu wollen, ohne zu wissen, über was es denn schreiben sollte.

 

In dieser Phase hätte es mir garantiert geholfen, die Deutschstunde zu lesen. Denn darin passiert gleich zu Anfang etwas unendlich Gutes im Gewand einer Strafe. Ein Schüler versagt, aber das, was man ihm daraufhin antut – Freiheitsentzug, Zwang, einen Text zu verfassen – ist genau das, was er benötigt, um sich als Autor entwickeln zu können. Er bekommt die Gelegenheit, bei Kost und Logis allein mit den Gedanken in seinem Kopf sein zu dürfen, und er hat einen Auftrag. Jemand will einen Text von ihm. A room for one's own, wie Virginia Woolf schreibt. Mein Wunsch-Container (siehe den dazugehörigen Blog) ist auch so ein Ort. Allein sein, denken, schreiben. Bei Vollverpflegung selbstverständlich. Das äußere Leben abstellen, bis der Text fertig ist. Nichts und niemandem verpflichtet sein, bis der letzte Satz geschrieben ist.

Ich wusste nicht, dass es Situationen geben kann, in denen solch ein Wunder geschieht. Und dazu noch so früh im Leben eines Schriftstellers. Wenn ich nur damals, mit siebzehn oder achtzehn, die Deutschstunde gelesen hätte ...

 

Ich hatte Deutsch Leistungskurs, klar, ich bildete mir ja ein, Literatur sei mein Ding. Gute Noten hatte ich in Deutsch jedoch nie. In den letzten drei Jahren vor dem Abitur unterrichtete uns Herr Winkler, der damals schon sehr alt war, ein kleiner, verbrauchter Mann mit einem fast quadratischen Gesicht, fettigem, zu schwarzem Haar, und stets mit weißem Sekret in den Mundwinkeln. Er trug immer dasselbe Jackett, dieselbe Hose, dieselben Schuhe, und er betrat den Klassenraum jeden Tag mit einer speckigen alten Aktentasche, die außer seinem Pausenbrot nichts enthielt, und einem abgenutzten Kissen, das er nach der Stunde nie vergaß, vom Stuhl zu nehmen und sich unter den Arm zu klemmen. Wir lasen vorzugsweise Theaterstücke, und ich kann sagen, dass ich ihm dafür dankbar bin, denn das tue ich heute noch lieber, als Romane zu lesen. Er mochte mich nicht besonders und sagte einmal nach einer Klassenarbeit zu mir: "Sie haben originelle Gedanken, Frau Schäfer, aber Sie schreiben nicht, was ich hören will". Ersteres fasste ich, da ich dafür eine schlechte Note erhalten hatte, als berechtigte Kritik an meiner Person auf und schämte mich. Für Letzteres schämte ich mich nicht, denn diese Kritik war praktischer, nicht persönlicher Natur. Ich hätte mir ja nur die Mühe machen müssen, diese grünen Reclamheftchen zu lesen, in denen Literaturwissenschaftler alles, was man als Oberstufenschüler über ein Werk wissen musste, zusammengetragen hatten. Es hätte genügt, mein daraus erworbenes Wissen in Schüleraufsatzdeutsch zu bringen, um Anerkennung und gute Noten zu erhalten. Ich weiß nicht, warum ich mich stets dagegen entschied. Vermutlich in einer Mischung aus Faulheit, Dummheit und Renitenz. Das einzige literarische Erfolgserlebnis meiner Schullaufbahn hatte ich im Musikunterricht, den ich auch nur gewählt hatte, weil im Kunstkurs all die angesagten Leute waren, denen ich mich unterlegen fühlte und die mich sowieso völlig ignorierten. Im Musik-Grundkurs bei Fräulein Horst, die immer ein graues, wadenlanges Trägerkleid über dunkler Bluse und feste Schnürschuhe trug,  waren wir zu viert. Ich lernte Partiturlesen, Programmmusik interpretieren, wir hörten Gesprächskonzerte mit dem von Fräulein Horst verehrten Helmuth Rilling, und eines Tages bekamen wir als Klassenarbeit den Auftrag, eine Passage aus Hindemiths Oratorium "Mathis, der Maler" mit Hilfe des Altarbildes von Grünewald zu interpretieren. Für diese Arbeit bekam ich eine Eins von Fräulein Horst. Sie bemerkte zu mir, ich hätte sicherlich gute Noten in Deutsch. Als ich dies verneinte, sah ich die Enttäuschung in ihren Augen. Ihr Interesse an mir erlosch umgehend.

 

Aber ich wollte ja über Nolde sprechen. Siegfried Lenz wusste hoffentlich, als er die Deutschstunde schrieb, nichts oder nicht viel von all dem, was die Forschung seitdem über den Nazi Nolde herausgefunden hat. Über den bekennenden Antisemiten, Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig seit 1934, Denunziant seines Malerkonkurrenten Max Pechstein, den er, entgegen den Tatsachen, im Propagandaministerium als Juden anschwärzte. Über den Maler, der schrieb "Der Führer ist groß und edel und ein genialer Tatenmensch". Über den Künstler, der nicht begreifen konnte, dass die Nazis seine Werke als "entartet" aus den Museen verbannten und ihm Malverbot erteilten, da er doch voll hinter dem Regime stand. Am 6. Dezember 1938 schrieb Nolde (ich zitiere aus der "Zeit online" vom 10.10.2013): "Den Nationalsozialismus verehre ich als die besondere und jüngste Staatsform ... und ich habe den Glauben, dass unser großer deutscher Führer Adolf Hitler nur für das Recht und Wohl des deutschen Volkes lebt und wirkt ..., und trotz allem, was in jüngster Zeit gegen mich unternommen worden ist, bin ich stets und immer im In- und Ausland für die große deutsche nationalsozialistisches Sache mit vollster Überzeugung eingetreten ..." Über den Autobiografen, der seine Memoiren zensierte und in großen Teilen umschrieb. Ich bin gespannt, ob die aktuelle Neuverfilmung der Deutschstunde sich damit auseinandersetzen wird.

 

Während meiner drei Hamburger Jahre Anfang der Neunziger besaß ich eine Dauerkarte für die Kunsthalle. Eines der Bilder, das ich dort regelmäßig aufsuchte, war Noldes "Schiff im Dock". Ein gewaltiger Wurf, gewaltiges Rot, ein Bild so hart wie der sprichwörtliche Kruppstahl. Und doch spürt man die Liebe des Malers zu seinem Objekt und vor allem zu seinen Farben, so dass Noldes Gemälde, im Gegensatz zu der gehäuteten Jakobikirche Kokoschkas, das Auge nicht verletzt.

 

Überall gibt es derzeit Nolde-Ausstellungen, auch im Behnhaus-Drägerhaus macht man den Hype mit. Alle rennen hin, alle kaufen Postkarten oder Kunstdrucke seiner Bilder. Glühende Farben, rauschhafter Gestus, tiefe Leidenschaft für die Landschaft, die Blumen, die Häuser, das Meer, Sinn für die Schönheit der Technik auch, Dampf und Eisen. Wer so schön gemalt hat, kann kein schlechter Mensch gewesen sein.  Kann er doch!

 

Hier ein Link zu einem Artikel des Museumsdirektors Dr. Alexander Bastek über Kokoschkas Gemälde "Jakobikirche" in den Lübecker Nachrichten. Dort gibt es auch ein Foto des Bildes. http://www.ln-online.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-im-Norden/Kokoschka-trifft-den-Nerv-der-Stadt#Galerie