Meine Bahnhöfe

Jeder weiß, dass Bahnhöfe zu den wenigen Orten zählen, an denen man einsam sein darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Die kleine Sehnsucht des Abschieds am Bahnhof, die ein leichtes Ziehen in einer tieferen Region des Körpers verursacht, geht über in jenes angenehme Gefühl produktiver Einsamkeit, das sich einstellt, sobald man Platz genommen hat und der Zug losfährt. Und die Freude über das Ankommen in einer fremden Stadt ist, auch wenn man abgeholt wird, der einsamen Neugier geschuldet, die sich nur und auch nicht vollständig durch endlose Spaziergänge zu jeglicher Tag- und Nachtzeit befriedigen lässt, bei denen man keinerlei Gesellschaft als die der neuen Geräusche, Gerüche und Steine benötigt. Die Rückkunft am Bahnhof der jeweiligen Heimatstadt, vorzugsweise zu einer Uhrzeit, die niemanden, auch nicht den liebsten Menschen dazu verlockt, wartend am Bahnsteig zu stehen, ist der einsamste Moment, nostalgisch schillernd zwischen dem, was zurückliegt und all dem, was vor uns liegt. In letzterer Hinsicht war der Karlsruher Bahnhof von allen Bahnhöfen, die ich kenne, derjenige, der am meisten meinem Bedürfnis nach einsamer Heimkehr entgegenkam, denn anders als in so vielen Städten ist er freundlich, schlicht und einladend. Stadträumlich ist der Karlsruher Bahnhof der Gegenpart zum gelben Schloss, und wie bei diesem öffnet sich der Platz davor ins Grüne, hier des Stadtgartens mit den rosa Flamingos, die in den kühlen Morgenstunden unter ihren Wärmelampen stehen, den Kopf unter dem Flügel, einbeinig, geborgen hinter dem Zaun, während ich meinen Trolley an ihnen vorbei Richtung Südweststadt rolle. Vielleicht zieht hinter mir zu dieser frühen Stunde die erste Straßenbahn schleifend vorbei, vielleicht radelt ein Geschäftsmann im Anzug und mit Aktentasche auf dem Gepäckträger zum Frühzug Richtung Basel oder Hamburg. Die Büsche und Bäume des Stadtgartens duften in der weichen Karlsruher Luft, während ich an der Mauer entlang nach Hause gehe. Vielleicht ruft ein Pfau aus dem Elefantengehege, aber wahrscheinlicher ist, dass ich nur meine Schritte höre und das Geräusch meines Rollkoffers, das die Anwohner der noblen Straße um den Restschlaf bringt. Wenig habe ich mehr genossen, als diese Momente der Heimkehr in Karlsruhe, selten habe ich die wohlige Einsamkeit der Ankunft stärker empfunden als auf diesem Weg.

 

Mein erster Bahnhof war allerdings jener der schönen Stadt Andernach, und ich habe bereits in meinem Text über meine Schulwege davon berichtet. Es war (und ist vermutlich auch noch) ein Durchgangsbahnhof, und ich sehe mich noch auf einer der Bänke sitzen. Es ist windig, ein kalter, grauer Tag am Rhein. Ich bin neun Jahre alt oder vielleicht zehn, und ich sitze hier, meinen Schulranzen auf dem Rücken, und warte. Auf was? Ich weiß nicht mehr, was ich mir damals dabei gedacht habe, am Bahnhof zu sitzen und den braunen Güterzügen nachzuschauen, die mit jenem Dadum, Dadum, Dadum über die Holzschwellen, die es heute nicht mehr gibt, rauschten. Die zischende Coda, jenes Geräusch, das sekundenlang nachschwingt, wenn der Zug schon längst vorbeigefahren ist. Braun und Grün die Farben, die ich sehe, wenn ich an diese Momente denke. Das Braun der Güterwaggons, das Grün der Nahverkehrszüge. Metall auf Metall, Quietschen, Schleifen, Rumpeln. Manchmal ohrenbetäubend. Ich saß da und schaute. Niemand kümmerte sich um mich. Aber das war mir nur recht. Wie oft ich am Gleis gesessen habe? Keine Ahnung. Ob ich Heimweh nach jenem Ort hatte, wo ich hergekommen war? Immerhin hatte ich dort vier Jahre gelebt, hatte Freunde gehabt und das weite Feld mit den alten Obstwiesen, wo ich stundenlang umhergestreift war, zufrieden und einsam. Jetzt saß ich am Gleis, träumte vor mich hin, zufrieden und einsam, ohne zu wissen, dass ich einsam war. Ein mutigeres Kind wäre vielleicht eines Tages in einen der Züge gestiegen, hätte sich auf einem speckigen roten Plastiksitz niedergelassen, die Stirn ans blinde Fenster gepresst und auf das Rucken gewartet, das verriet, dass der Zug losgefahren war. Nach Norden? Nach Süden? Wie weit? Bis Neuwied. Koblenz? Nach Bonn? Aber ich habe mich nie getraut oder auch gar nicht das Bedürfnis verspürt. Mir genügte es, am Bahnsteig zu sitzen, den Geräuschen zu lauschen und zu träumen. Niemand rief nach mir, niemand wollte, dass ich Hausaufgaben machte, zum Essen kam, mein Zimmer aufräumte oder Papas Auto wusch. Ich war niemandem Rechenschaft schuldig, solange ich hier saß. Alle Kinder haben diese kleinen Fluchtorte. Meiner hieß Bahnhof Andernach.

 

Frankfurter Hauptbahnhof. Es ist fünf Minuten vor zwölf. Und zwar wortwörtlich. Fünf Minuten vor Mitternacht renne ich, gefolgt von meiner Freundin G., mit einem großen braunen Umschlag in der Hand, die Rolltreppe hoch zur Post. Damals, 1989, gab es im Frankfurter Hauptbahnhof noch ein Postamt mit fünf gläsernen Schaltern, die nur zwischen null Uhr und sechs Uhr morgens schlossen. In dem großen braunen Umschlag befinden sich drei gebundene Exemplare meiner Magisterarbeit, und es ist der letzte Tag der Abgabefrist. Ich kann kaum sprechen, als ich den Umschlag durch den senkrechten Schlitz zwischen zwei Schaltern reiche. Muss Stempel von heute, stammle ich. Express. Mein Herz rast, mir ist schwindlig, meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus zusammengerollten Frotteehandtüchern. Die Frau nickt, lächelt, klebt eine Briefmarke auf den Umschlag, dann knallt sie den Expresstempel drauf. Sie nennt einen Betrag, ich schaffe es kaum zu zahlen, weil meine Hände so zittern, dass ich das Portemonnaie nicht aufkriege. Der Nächste bitte, sagt die Frau. G. und ich treten zur Seite. Wir umarmen uns. Eine große Einsamkeit überfällt mich. Ich habe vor lauter Stress tagelang nicht mehr an den Mann gedacht, den ich liebe und der sich seit einem Jahr nicht mehr gemeldet hat. Einfach so. Und ich mich aus Stolz auch nicht. Jetzt, da der dicke Umschlag im Kasten ist, kommt die Erinnerung an die verlorene Liebe mit Macht zurück. Später, Jahre später, wird er mir sagen, er habe nur deswegen nicht mehr angerufen, weil er herausfinden wollte, ob er ohne mich leben könne. Komm, sagt G. Ich bin ganz kalt. Meine Zähne fangen an zu klappern. Ich lache. Wir gehen in die Tiefgarage. Dort wartet mein Bruder, um mich in Empfang zu nehmen. Er ist an diesem Abend von einer sechswöchigen Türkeireise mit dem Campingbus zurückgekommen, völlig übernächtigt. Wir fahren zum Haus unserer Eltern, in dem er noch wohnt. Ich habe drei Wochen in diesem Haus verbracht, mit meiner Schreibmaschine, meiner Schreibhemmung, dem Hund, den ich hüten muss, weil meine Eltern im Urlaub sind, meinem Heuschnupfen, meinem Liebeskummer und dem Abgabetermin im Nacken. Die ganze Zeit war ich sicher, ich schaffe es nicht. Das Thema ist langweilig, meine Recherche ist mangelhaft, und ich kann seit Monaten keinen einzigen normalen deutschen Satz schreiben. Ich habe Aphasien beim Sprechen. Ich bin ein Wrack, mein Hirn ist auf Überleben eingestellt, nicht auf wissenschaftliches Arbeiten. Zuerst versuche ich es auf Englisch. Das geht einigermaßen, bis mir klar wird, dass ich keine germanistische Magisterarbeit in einer Fremdsprache schreiben darf. Dann beginne ich, weil irgendetwas in mir damit beginnt, das Thema als Dialog zu schreiben. Es wird ein Theaterstück mit fünf Personen. Bis mir irgendwann klar wird, dass ich keine Magisterarbeit als Theaterstück schreiben darf. Auf die Idee, meinen Professor anzurufen oder zu ihm zu gehen, komme ich nicht. Ich kenne ihn ja kaum. Ich schreibe die Arbeit bei ihm, einem fast Fremden, weil ich endlich fertig werden will mit der Uni, an der ich so wenig Zeit verbracht habe und an der ich eigentlich nichts verloren hatte. Später, bei der mündlichen Prüfung, werde ich ihm von diesem Dilemma erzählen, und erstaunt feststellen, wie humor- und verständnisvoll er ist. Wahrscheinlich hätte ihn das Theaterstück mehr interessiert als mein wissenschaftliches Gestammel. Im Haus meiner Eltern, das kein Elternhaus ist, weil es das fünfte oder zehnte Haus ist, in dem meine Eltern seit meiner Geburt gelebt haben, hüte ich den Hund, verzweifle an meiner Arbeit, niese ununterbrochen, weil es Juni ist und die Gräser blühen. Ich kann nicht schlafen, ich kann nicht essen, ich habe Angst, Angst, Angst. Manchmal überfällt mich eine solche Sehnsucht, dass ich zum Telefonhörer greife, um meinen Geliebten anzurufen. Aber in all dem Elend besitze ich die Kraft, es nicht zu tun. Am Tag des letztmöglichen Abgabetermins schreibe ich die letzten Sätze meiner Magisterarbeit, das Literaturverzeichnis, das Deckblatt. G., eine Freundin, ruft an. Sie sagt: Du musst die Arbeit binden lassen. Drei Exemplare. Das hatte ich völlig vergessen. Es ist neunzehn Uhr, als sie mir sagt, was ich längst hätte bedenken müssen. Ich hatte es einfach vergessen. Oder es war mir egal gewesen, weil ich sowieso davon ausgegangen war, dass ich es nicht schaffe. Meine Freundin startet ihren Turbo und ruft mehrere Copyshops an. In einem wird noch gearbeitet. Es ist ein Bornheimer Frauenkollektiv, und sie erklären sich bereit, Überstunden zu machen wegen meiner miserablen Arbeit. Meine Freundin holt mich in dem Kaff, in dem ich Hund und Haus hüte, ab, weil ich nicht in der Lage bin, Auto zu fahren. Im Copyshop warten wir, bis die drei Exemplare kopiert und mit Leinenrücken leimgebunden und getrocknet sind. Sie sehen dünn und hässlich aus, so wie ich. Ich bekomme noch einen großen braunen Umschlag und einen Stift, um die Adresse draufzuschreiben. Dann rasen wir zum Hauptbahnhof. Es ist fünf vor zwölf.

 

Hamburg Dammtor. Ich ging die Rothenbaumchausse hinunter. Der Schrei in meinem Kopf. Ich erinnerte mich an die Kraft, die größer gewesen war als ich, die Kraft zum Stemmen des gemeinsamen Schicksals, und ich begriff, dass ich einer Täuschung verfallen war, weil es überhaupt kein gemeinsames Schicksal gab, das gestemmt werden musste. Ich überquerte die Straße vor dem Bahnhof, nahm die Rolltreppe zum Fernbahngleis, obwohl ich, wenn ich nach Hause wollte, die S-Bahn zum Hauptbahnhof hätte nehmen müssen, um dort in die S 1 umzusteigen. Es war ein warmer, sanfter Hamburger Apriltag, die Sonne stand tief und färbte die Jugendstilfenster des Dammtorbahnhofs in Lila-, Gold- und Rosétönen. Ich hörte, dass der Zug kam, die Schienen sangen seine Ankunft. Ich wandte den Blick und sah die große rote Diesellok, die den Waggons des Intercity vorgespannt war. Der Zug hatte noch gut Fahrt. Ich war bereit. Ich war bereit, den Lärm in meinem Kopf, den Schmerz, den ich fühlte, auszulöschen, indem ich meinem Körper physischen Schmerz zufügte. Dann würde der Schrei verstummen, endlich. Dann würde Stille sein. Frieden. Starr blickte ich auf die schwere rote Lok, spürte den Sog, der von ihr ausging, von der Geschwindigkeit, die noch kaum gedrosselt war, von dem Lärm, der mich hochzuheben, zu tragen schien; ich flog ihr entgegen, gab mich ihrer gewalttätigen Schönheit hin, ließ mich mitreißen – und stand, als sie vorbei war und mit kreischenden Bremsen ihre Fahrt verlangsamte, reglos an derselben Stelle, wo ich vorher gestanden hatte, unversehrt, nüchtern, in mir eine grandiose Leere, als wäre ich tatsächlich gesprungen. Aber ich stand gar nicht wirklich, sondern schwebte einen Fußbreit über dem Bahnsteig, war leicht und  ganz leer. Ich war geistig und körperlich so leer, als hätte ich nie gelebt bis dahin, nichts erfahren, nichts gewusst, nichts erlitten, nichts geliebt. In meinem Kopf der Schrei war verstummt. Einen winzigen Moment lang war ich ein Engel, frei und auf eine merkwürdige Weise glücklich. Als meine Füße den Boden wieder berührten, drehte ich mich um, ging die Treppe hinunter und auf der anderen Seite wieder hoch zur S-Bahn. Ich stieg in die nächste Bahn, die kam, und fuhr nach Hause. Nichts war gut. Alles war gut.

 

Stazione Termini. Ich betrat die Stadt wie jemand, der ankommen will. Ein Wal, der an Land geht, ohne zu sterben. Schon oft war ich während der vergangenen zwölf Jahre hier gewesen, aber diesmal, als ich aus dem Zugfenster schaute und die Porta Maggiore kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof erblickte, hatte "Termini" eine wörtliche Bedeutung bekommen. Endstation. Ich würde nie wieder weggehen aus Rom; die Mäander meines Lebens würden sich nach und nach den Straßen der Stadt anpassen; das Wegnetz würde sich meinem Dasein eingravieren, bis das, was ich war, sich nicht mehr vom Plan der Stadt unterschied und nur noch Teil hatte an den winzigen Veränderungen, die sich täglich oder über Monate, Jahre hinweg an diesem Plan ergaben durch Grabungen, Restaurierungen, konservatorische Maßnahmen. Denn diese Stadt sah in ihrem Kern niemals Neues, nichts wuchs, nichts wurde gerodet, zerstört, erbaut, es gab nur Erhalt und Bewahrung, Verschönerung und – manchmal – Entdeckung. Der Plan, der sich meines Lebens bemächtigen sollte, war mehr als zweitausend Jahre alt, aber er hatte sich nur etwa sechzehnhundert Jahre lang entwickelt. Seit vierhundert Jahren blieb der innere Plan konstant, während Rom an den Rändern dieselben grotesken Veränderungen erfuhr wie alle Städte dieses Planeten. In ihrer Mitte hatte aber selbst die Eruption des faschistischen Bauwahns nur Spuren hinterlassen, die ihrerseits auf diese zweitausend Jahre verwiesen, ohne ihnen etwas grundlegend Neues hinzuzufügen.

Ich ging ohne Eile über den Bahnhofsvorplatz zum Bus, auf dem Rücken den großen Treckingrucksack, über der Schulter die Laptoptasche, den blauen Trolley hinter mir herziehend. Sie hatten die Bushaltestelle verlegt, seit ich vor zwei Jahren das letzte Mal hiergewesen war. Nun gab es einen erhöhten Steig, eine Ampel und große, neue Schilder, auf denen die Nummern der Busse, die von den jeweiligen Steigen fuhren, ihre Routen sowie die Uhrzeit für die erste und die letzte Fahrt vermerkt waren. Vermutlich eine Maßnahme zum Heiligen Jahr 2000, für das die Stadt eine Unmenge Geld ausgegeben hatte.

Meine Busfahrkarten zu 750 Lire das Stück waren nicht mehr gültig, also steckte ich einen Euro in den grünen Automaten – ebenfalls eine Neuerung – und erhielt tatsächlich ein Ticket, das ich im Bus in ein gelbes Lesegerät stecken musste, das hektisch piepte und das Billett dann gestempelt wieder auswarf.

Der Bus war leer um diese Uhrzeit, denn er fuhr stadtauswärts, und ich hatte Platz für meinen Koffer und den Rucksack. Der Fahrer, der mit ein paar Kollegen draußen stand und rauchte, wäre berechtigt gewesen, beim Umfang meines Gepäcks einen zweiten Fahrschein zu verlangen, aber er warf nicht einmal einen Blick darauf, stieg ein, ließ den Motor an und fuhr schwungvoll los.

Ich war diesen Weg schon so oft gefahren, dass ich die Augen hätte schließen und trotzdem alles hätte sehen können. Vorbei an den Diokletiansthermen, der Englischen Botschaft an der Aurelianischen Mauer, dann durch die Porta Pia in die Via Nomentana mit ihren großen alten Platanen. Kurz vor der Kreuzung mit der Viale Regina Margherita stieg ich aus und hievte mein Gepäck auf das unebene Pflaster des Trottoirs. An der Ampel zog eine Straßenbahn rumpelnd an ihr vorbei. Mehrspuriger Autoverkehr in alle vier Himmelsrichtungen. Ich hob den Blick. Gegenüber stand das Haus, in dem ich von nun an wohnen würde. Nicht nur für ein paar Wochen, sondern dauerhaft. Beate S., Einwohnerin der Stadt Rom, Adresse Via Nomentana 44. Ein imposantes, braun getünchtes Mehrfamilienhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert, sechs Stockwerke hoch, mit Atlanten, die Balkone trugen und Greifen am oberen Gesims. Im Erdgeschoss auf der Seite der Viale Regina Margherita befanden sich eine Bankfiliale, ein Reisebüro und ein chinesischer Schnellimbiss. Um die Ecke, an der Via Nomentana, war der Eingang zu den Wohnungen. Die hohe Flügeltür stand offen, Domenico, der Portiere, kehrte drinnen die Marmorfliesen. Auf den Klingelschildern standen vor den meisten Namen Titel. Dottore, Professore … Univiertel, Diplomatenviertel. Gepflegt, adrett, wohlhabend, nicht reich. Die Familie Bagnotti, meine Vermieter, die hier in einer Achtzimmerwohnung lebten, gehörte zu den ältesten Eigentümern; sie hatten die halbe fünfte Etage vor dreißig Jahren noch preiswert gekauft.

"Ciao, Domenico", sagte ich lächelnd.

Er stoppte den Besen und drehte sich um. "Beata!", rief er. "Come stai?"

Wir umarmten uns kurz. "Oben ist niemand", informierte er mich. "Die Jungs sind in der Schule, Vittorio macht seinen Rundgang, und die Signora arbeitet."

Graziella Bagnotti leitete das Familienhotel in der Nähe der Stazione Termini, in dem auch noch zwei Verwandte mitarbeiteten. Sabrina, ihre älteste Tochter, war verheiratet. Als ich vor zwei Jahren hier gewesen war, hatte Sabrina sich gerade entschieden, aus dem Hotelbusiness auszusteigen und sich in einer Bürokarriere zu versuchen. Was Sandro, ihr jüngerer Bruder, gerade machte, wusste ich nicht. Meine letzte Information war, dass er durchs Abi gefallen war und wiederholte. Vittorio, das Familienoberhaupt, ein gutes Stück älter als seine Frau, der längst alle Verantwortung abgegeben hatte, arbeitete als Nachtportier. Morgens, statt ins Bett zu gehen, machte er immer seine "Runde", trank hier einen Kaffee in einer Bar, rauchte dort eine Zigarette mit einem Bekannten. Gegen elf haute er sich dann meistens aufs Ohr und schlief, bis nachmittags die Zwillinge aus der Schule kamen. Um fünf tauchte er meist schon wieder im Hotel auf, um mit Giuseppe, seinem fast zahnlosen Cousin, der die Nachmittagsschicht hatte, zu quatschen.

Domenico wollte meinen Trolley nehmen, aber ich wehrte ab. "Nein, lass. Das schaffe ich schon allein." Er trug ihn trotzdem die kurze Marmortreppe hoch bis zum Absatz, wo der altmodische gusseiserne Fahrstuhl wartete. Dann öffnete er die Gittertür und hielt mir die hölzerne Klapptür auf.

"Danke", sagte ich. "Ci vediamo." Mein Gepäck passte kaum in die enge Kabine. Die Türen klickten, und ich fuhr nach oben.

Nichts war neu an diesen Vorgängen, und doch war alles anders, als ich diesmal das winzige, dafür fünf Meter hohe Apartment betrat. Vierzehn Quadratmeter Rom, glänzendes Parkett, Marmorbad, Miniküche, Schlafboden. Glück packte mich für einen langen Augenblick, schüttelte mich fast. Gänsehaut trotz fünfundzwanzig Grad.

Ich schloss die Wohnungstür hinter mir, ging zum Fenster, dessen zwei Flügel bis zum Boden reichten, und machte es weit auf. Sofort erfüllte brüllender Straßenlärm den kleinen Raum, denn unten trafen zwei sechsspurige Straßen aufeinander, fuhren Autos, Motorini, Straßenbahnen und Busse um die Wette. Für mich war es der schönste Lärm der Welt, und ich atmete das Gemisch aus Abgasen, Staub, Platanenblättern und warmer Luft, die von den Tiburtinischen Bergen herüberkam, tief ein. Wenn ich mich weit aus dem Fenster beugte, das durch eine Eisenbalustrade und eine Stange gesichert war, konnte ich ganz weit hinten im Osten die Berge sehen. Mauersegler durchpfeilten die Luft und stießen ihre hohen Schreie aus. Gegenüber an der Straßenecke gab es immer noch den Gemüsekiosk, auf der anderen Seite den Blumenstand. Caffè Negresco stand über der Bar auf der anderen Straßenseite. Das Viertel war lebendig, voller Geschäfte, in denen man alles, aber auch alles bekam, was man brauchte. Zwei Straßen weiter, an der Piazza Alessandria, befand sich in einer historischen Halle aus Glas und Eisen der Wochenmarkt, täglich außer Sonntags von sechs bis eins. Besser ging es nicht. Glücklich schloss ich die Augen. Als ich sie wieder öffnete, war alles noch da. Ganz vertraut und trotzdem aufregender als alles, was ich bisher erlebt hatte.

Unten in der Via Nomentana hupten einige Autos wie verrückt. Die Kreuzung war völlig zu. Auf den Schienen lag ein umgekippter Motorroller, daneben stand ein blauer Fiat, die Autotür geöffnet. Eine junge Frau, offensichtlich die, die das Motorino gefahren hatte, nahm gerade ihren Helm ab. Ihr war nichts passiert. Die Fahrerin des Fiat redete auf sie ein. Zwei Straßenbahnen warteten. Busse warteten in ihren reservierten Spuren. In den übrigen Fahrspuren stockte der PKW-Verkehr. Ab und zu ebbte das Hupkonzert ab, bis erneut einer anfing und alle ihm folgten. Es gab ja auch sonst nichts zu tun, bis die Polizei kam. Das konnte dauern. Ich machte das Fenster zu, aber der Lärm wurde dadurch kaum gedämpft.

Eine Weile stand ich einfach nur mitten in dem kleinen Zimmer, schaute mich um und nahm jedes Detail in sich auf, als hätte ich diese Dinge nicht schon hundertmal gesehen. Das war jetzt mein Zuhause. Hier begann mein neues Leben. Ich bildete mir ja gar nicht ein, dass es einfach sein würde. Oder dass ich nicht einsam sein würde. Aber es war das, was ich wollte. An einem Ort leben, der mir etwas bedeutete.

Abends, als es längst dunkel war, ging ich die Via Cavour hinunter zum Forum. Es war noch viel los, vor allen Dingen waren Mopeds unterwegs, auf dem Sozius schick gekleidete junge Frauen, die edle Handtasche über der Schulter, Stilettosandaletten, nackte Beine, aber einen Helm auf dem Kopf. Fahrradfahrer, anscheinend unempfindlich gegen das Kopfsteinpflaster. Flaneure, die genug hatten von den hell angestrahlten antiken Bauwerken und auf dem Weg zur Piazza Venezia eines der zahlreichen, auf Kundschaft hoffenden Taxis anhielten. Mir schienen die Stämme der großen Schirmpinien länger, die riesigen Baldachine ihrer Kronen dunkler zu sein, die Nadeln, die den Boden bedeckten, schienen aromatischer zu duften, als ich es in Erinnerung hatte. Jede Empfindung war verstärkt; es war, als hätte etwas meine Sinne aufgerauht, sodass alles, was ich sah, hörte, roch, tiefer in mich eindringen konnte.

Kurz vor meiner Abreise hatte mich ein Freund gefragt, was ich eigentlich in Rom wollte. Ich war neununddreißig. Andere Frauen meines Alters sehnten sich nach einem Mann, nach einer Familie, wollten ein Haus, ein Zuhause oder, wenn sie das alles schon hatten, nach mehr Geld, nach mehr Urlaub, nach Teilzeitarbeit oder nach einem Liebhaber. Als ich erwiderte, ich wolle einfach nur allein sein und schreiben, sagte er, das höre sich verdammt einsam an. Na und? Ich war nach Rom gekommen, um endlich eine Art Heimat zu finden. Einen Ort, der, aus was für einem Grund auch immer, anscheinend etwas mit mir zu tun hatte. Wenn ich das spürte – reichte das nicht fürs Erste? Musste man immer mehr wollen? Ich hatte früh gelernt, dass es keinen Sinn hatte, sich an Menschen binden zu wollen. Sie kamen mir ja doch immer auf irgendeine Weise abhanden. Ich wollte zufrieden sein mit dem, was da war, und abwarten, was als Nächstes geschehen würde.

Ich blieb vor dem bronzenen Nachguss einer Statue Nervas stehen und schaute in die riesige Grube mit den Marmor- und Backsteintrümmern, die sich von den Überresten des Argiletums bis hinüber zum weiten Halbrund des Trajansforums erstreckte. Direkt gegenüber ragte dunkel die hohe Brandmauer auf, die das Augustusforum von der Subura trennte. Steine habe ich schon immer genau so interessant gefunden wie Menschen. An diesem Abend begriff ich, dass ich nach Rom gekommen war, um mich mit schönen Steinen zu umgeben. Steine, die atmen, die etwas erzählen, die das Licht der Tageszeiten reflektieren, die Wärme speichern und abgeben. Ziegeln, Marmor, massive Reste von römischem Beton, Tuffstein, Basalt, Granit. Namen für Steine, Worte, die schön sind, die etwas bedeuten. Die mir etwas bedeuten. Ich verspürte ein tiefes Bedürfnis, Teil dieser Schönheit zu werden, und wenn ich dafür selbst zu Stein werden musste.

 

(c) Beate Schaefer, 2017