Bilder schreiben IV

Museum Behnhaus-Drägerhaus, Lübeck

 

Adolph Dietrich Kindermann (1823-1892)

 

"Glasermeister Achelius und seine Frau beim Frühstück" (1858)

 

6. April 2017, 11.30 Uhr

 

Meine Lieblingsmaler sind:

 

1.         Giovanni Bellini

2.         Paul Bril

3.         Orazio Gentileschi

4.         Il Guercino

5.         Nicolas Poussin

6.         Antonis van Dyck

7.         Salomon van Ruysdael

8.         Antoni Tápies

9.         Barnett Newman

10.       Willem de Kooning

 

Die Liste wäre sicher noch erweiterbar, aber dies sind jedenfalls die Konstanten. Dabei fällt mir auf, dass das 19. Jahrhundert unter den ersten zehn komplett fehlt, was nicht ganz korrekt ist, denn Eugène Delacroix und Camille Corot müssten da noch rein, also, sagen wir, als Nummern 7a und 7b ...

 

Manchmal bin ich im Trend, ohne es gleich zu merken. Seit ich im vergangenen Jahr den Blog "Bilder schreiben" begonnen habe, finde ich jedenfalls ständig in den Feuilletons Artikel über Schriftsteller, die von Institutionen aufgefordert werden, über Bilder zu schreiben. Die Kunsthalle Karlsruhe hat sechzig Schriftsteller gebeten, über jeweils "ihr" Landschaftsgemälde der Kunsthalle Bericht zu erstatten. In der FAZ findet eine Schriftstellerin beim Betrachten der "alten Frau" von Rembrandt in Dresden heraus, dass sie selbst nicht mehr zu den Jüngsten gehört. Und in der mir bisher völlig unbekannten Zeitschrift "Slow", einem Ableger von "Emotion" (von deren Existenz ich auch nichts wusste)  gibt es einen Artikel über "Die Kunst, Bilder sprechen zu lassen". Ein Mensch namens Phil Terry hat offenbar schon 2008 die "Slow-Art-Bewegung" gegründet, die von ihren Adepten verlangt, mindestens fünf bis zehn Minuten vor einem Gemälde in einem Museum auszuharren und sich darüber Gedanken zu machen. Nicht nur über das Gemälde selbst, sondern auch über das, was dabei mit dem Betrachter passiert. Angeblich schauen Museumsbesucher laut einer Studie durchschnittlich nur siebzehn Sekunden auf ein Bild. Da bin ich mit meiner ganzen Stunde, die ich auf dem Hocker vor einem Gemälde sitze, die Schildkröte unter den Slow-Art-Anhängern. Immerhin habe ich jetzt durch Mr. Terry ganz offiziell die Erlaubnis, dies zu tun, und es ist gut, aus einer vertrauensvollen Quelle zu erfahren, dass man "um eine Beziehung zu einem Werk aufzubauen, weder eine Führung braucht noch viele Informationen zu Künstler oder Werk, sondern Raum, damit eigene Gedanken und Gefühle entstehen". Na ja, manchmal finde ich es schon ganz nützlich, etwas über den Maler, seine Zeit, das Sujet und die Erkenntnisse, die andere Leute gewonnen haben, zu erfahren. Eigene Gedanken und Gefühle sind okay, aber wer will schon immer nur in seinem eigenen Gehirn herumkriechen? Ich bin jedoch zuversichtlich, dass Phil Terry mich für mein bisschen Gelehrsamkeit nicht verdammen würde. Übrigens: Der Slow-Art-Day findet jedes Jahr am 8. April statt: www.slowartday.com

 

Inspiriert durch Terry werde ich mir heute im Behnhaus-Drägerhaus ein Gemälde aussuchen, über das ich nicht das Geringste weiß und einfach mal beschreiben, was mir dabei so durch den Kopf geht. In meinem sechzigminütigen Schneckentempo, slow-slow sozusagen. Und ohne angelesenes oder aus dem Gedächtnis reproduziertes kunsthistorisches Geschwabbel.

 

Und schon ist es wieder passiert. Ich habe zuerst den Infotext neben meinem auserwählten Bild gewesen. Ist halt ein Automatismus. Sorry, Mr. Terry. Glücklicherweise vergesse ich meist das Gelesene sofort wieder. Ich bin im Klaviersalon im ersten Stock gelandet, nachdem ich zuvor im Overbeck-Kabinett war. Doch dort hängen nur Bilder, die sofort italienische Assoziationen bei mir wecken, und deshalb kommt keines von ihnen für die heutige Sitzung in Frage. Hier im Klaviersalon habe ich mich für Kindermanns Doppelporträt des Lübecker Glasermeisters Achelius und seiner Frau entschieden, nahe beim Fenster, etwas zu hoch hängend, als dass ich von meinem Klappstühlchen aus alle Details gut sehen könnte. Deshalb werde ich in der nächsten Stunde öfter aufstehen, und während dieser Stunde kommen mich immerhin zwei Herren von der Aufsicht besuchen, die mir mitfühlend raten, doch einen der neuen schwarzen Klappstühle zu benutzen, die unten in der Halle stehen, weil – die seien bequemer und man sitze etwas höher. Für heute halte ich allerdings aus nostalgischen Gründen an dem leinenbezogenen Holzhocker fest.

 

Aber nun zu Herrn Achelius und seiner Gattin, er 61 Jahre alt, sie wohl ein Stück jünger, denn ihr braunes Haar ist überhaupt noch nicht ergraut. Aber auch er sieht für sein Alter noch ziemlich proper aus. Wenn da nur nicht dieser bedrückte Gesichtsausdruck bei beiden wäre. Doch davon später.

 

Das relativ kleine Bild ist aufwendig in Gold gerahmt, und sein Format ist ungewöhnlich, denn es ist nicht rechteckig, sondern schließt oben in einem Bogen ab. Damit erinnert es an Marienbilder der Renaissance, auf denen die Muttergottes mit dem Kind auf dem Schoß quasi unter dem Triumphbogen eines Altarraums sitzt.

 

Neureich ist das Erste, was ich denke, als ich das Interieur betrachte. Alles ist teuer und für sich genommen nicht hässlich, aber das Zusammenspiel von Möbeln, Bildern und übriger Deko ergibt ein geschmackloses Ensemble. Zunächst wären da die modischen Sitzmöbel. Sie haben die Leichtigkeit von Biedermeiermöbeln und den übertriebenen Schwung eines Neubarock, der in seinen Überlängen und seinem Fluss fast schon auf den Jugendstil verweist. Sofa und Sessel sind aus weißem Holz und mit einem grünen, glänzenden, floral bedruckten Stoff bezogen. Woraus der Tisch besteht, kann ich nicht feststellen, denn wie damals üblich, hängt die Tischdecke, in diesem Fall bedruckt mit altrosafarbenen Blütenranken auf cremeweißem Grund, bis auf den Boden. Auf der Tischdecke liegt zusätzlich eine Fransendecke aus weißer Spitze.

 

Zu Füßen der Porträtierten – Herr Achelius sitzt links im Sessel, seine Frau steht rechts vom Tisch – breitet sich ein Orientteppich in all seiner Farbenpracht aus und konterkariert mit seinen abstrakten, kantigen Mustern die Floralität der grünen Sitzmöbel, der schweren dunklen (Leder)tapete mit geprägten Riesenblumen und der weißrosa Tischdecke. Dieser Teppich, für sich genommen ein schönes Stück, liegt auf dem Parkettfußboden, der im Vordergrund des Bildes sichtbar ist. Dieses Parkett besteht aus Quadraten, die wiederum in vier Dreiecke unterteilt sind, zwei hell-, zwei dunkelbraun. Muster und Farbe kollidieren auf eine Weise mit der übrigen Ausstattung des Zimmers, dass ich mir sehnlichst nackten Estrich oder wenigstens schöne, einfach Dielen wünsche.

 

Zur Entschuldigung von Herrn und Frau Achelius muss gesagt werden, dass es in der Mitte des 19. Jahrhunderts gar nicht so einfach war, sich stilsicher einzurichten, besonders, wenn man repräsentieren wollte oder musste. Klassizismus und Biedermeier stritten sich mit neobarocken, viktorianischen und kolonialen Einflüssen um die Vorherrschaft. Bis zur Ausprägung eines echten gründerzeitlichen Stils, der bei aller Überladenheit, aller Zitierfreudigkeit etwas ganz Eigenes darstellte, war es noch weit.

 

Hinter dem modernen weißgrünen Sofa hängen zwei Gemälde, eines davon ein riesiges Porträt im Stil Rembrandts mit einem das Zimmer fast erschlagenden Goldrahmen. Daneben ein kleines Genrebild, dessen schnörkellose Goldrahmenleisten jede für sich fast die Breite des Gemäldes besitzen. Es zeigt ein kleines Mädchen, das dabei ist, sich einen Schuh anzuziehen.

 

Ein Blick nach rechts, und ich habe das Original hier im Behnhaus direkt vor der Nase. Es ist ein Geschenk der Familie Achelius. Gemalt wurdes es von Felix Schlesinger, und das einzig Ungewöhnliche an diesem hübschen kleinen Kinderbild ist, dass der Maler dafür eine sehr grobe Leinwand gewählt hat, deren Struktur sich unter der Lasurfarbe deutlich abzeichnet und damit dem Bild das Süßliche nimmt.

 

Was mir auffällt, als ich beginne, das Paar und seinen "Frühstückstisch" näher zu betrachten, ist, dass es sich nicht um ein Frühstück, sondern um die Teestunde handelt. Auf dem Tisch stehen keinerlei Speisen, nur ein zeitgenössisches, blauweißes Porzellanservice mit Goldverzierung, dahinter ein weißer Porzellankessel mit goldfarbenem Zapfhahn. Neben dem Tisch befindet sich außerdem ein antikisierendes, einer römischen Vase nachempfundenes Riesenstövchen für den Wasserkessel. Hinter mir im Salon des Behnhauses steht ein ganz ähnliches Ding im Original neben einer Sitzgruppe, die ich dem Mobiliar bei Familie Achelius jederzeit vorziehen würde. Sich in diesem hässlichen Ambiente wohlzufühlen, würde mir schwerfallen, und auch das Paar macht nicht den Eindruck, als genieße es den Aufenthalt im Salon.

 

Rechts im Hintergrund des Gemäldes steht noch eine Scheußlichkeit – eine marmorne weiß-rosa Halbsäule mit Blumentopf und irgendwas Grünrankendem. Doch von dort hat man durch die geöffnete Balkontür immerhin einen schönen Blick auf die sonnenüberflutete "Parade" und den Dachreiter des Lübecker Doms, denn wir befinden uns laut Infotext in der Schmiedestraße 2.

 

Ich beginne nun, mich mit dem Hausherrn zu beschäftigen. Er ist, wie gesagt, Anfang sechzig, hat ein sympathisches, längliches Gesicht mit markanter Nase, großen Ohren, modischen Koteletten, und er lächelt etwas skeptisch, ohne den Betrachter anzuschauen. In der Rechten hält er eine Zigarre, in der Linken keinen Brief, wie die Infotafel nahelegt, sondern eine Gazette, was ihn als an den Zeitläuften interessierten, tätigen Mann kennzeichnet. Sein Hemd weist einen moderaten Vatermörderkragen auf, geschlossen von einem schwarzen exquisit gebundenen Halstuch, darüber trägt er ein schwarzes Sakko, und darüber wiederum einen taubengrauen Kurzmantel, der exzellent geschneidert ist. Das Ganze wird komplettiert durch eine schwarze Hose und gut eingetragene, auf Hochglanz polierte schwarze Schuhe. Schlichte Eleganz, geschmackvoll, und so ganz anders als der seltsam möblierte Raum, der wirkt, als habe man bei Möbel-Kraft die Nostalgie-Etage geplündert.

 

Vielleicht ist für das Möbel-Kraft-Design die Dame des Hauses verantwortlich, denn schlichte Eleganz ist nicht ihr Ding. Sie hat sich aus Anlass des Porträts in ein hochgeschlossenes, ausladendes Kleid aus burgunderfarbener Seide geworfen, mit weißen Spitzenmanschetten und weißem Spitzenkragen. Moderate Krinolinen waren damals modern, aber das Kleid betont ihre Hüften zusätzlich noch mit einem Band aus zwanzig Zentimeter langen Fransen im selben Farbton wie das Kleid.

 

Ihr ebenmäßiges, nicht mehr junges und auch nicht besonders hübsches Gesicht wird umrahmt von einer etwas kokett nach hinten geschobenen durchsichtigen weißen Haube mit hellblauen Bändern, die ihr mittig gescheiteltes braunes Haar dadurch nur halb bedeckt. Frau Achelius hält ein Milchkännchen in der Hand und scheint dabei zu sein, Milch in ihre Teetasse gießen zu wollen. Leider schaut sie nicht hin, und ich habe als Betrachterin unwillkürlich das Bedürfnis zu rufen: "Pass auf! Gleich geht was daneben!"

 

Ihr Blick ist nämlich auf das Einzige im Raum gerichtet, das natürlich und lebendig wirkt: Eine braunschwarze Spanielhündin liegt auf einem gepolsterten Hocker und beobachtet ihren Welpen, der ihr die bestickte Decke wegziehen will. Unter dem Hocker steht das Hundekörbchen aus Weidengeflecht mit rotem Kissen. Es ist als Möbelstück in diesem Salon ein Unikum, und es verrät etwas über das "wirkliche Leben" der Frau Achelius, denn das Körbchen ist abgenutzt, es ist schief, und bestimmt riecht das Polster schwer nach Hund.

 

Ein weiterer Blick auf die Tafel an der Wand verrät mir, dass Frau Achelius eine reiche Erbin war, deren Mitgift den Grundstein für den Wohlstand des Paares gelegt hat. Die Ehe war glücklich, aber kinderlos – daher wohl die Liebe zum Spaniel.

 

Die Uhr zeigt kurz vor halb eins. Meine Stunde ist um. Vergessen habe ich zu berichten, dass einige Besucher im Salon gewesen sind, heute fast ausschließlich Männer. Draußen scheint die Sonne, es ist kalt und windig, und meinem kleinen Beitrag hinzuzufügen wäre noch, dass Glasermeister Achelius bei Weitem kein gewöhnlicher Fenstermacher war, sondern als Mitarbeiter Carl Julius Mildes unter anderem Glasfenster für die Lübecker Jakobikirche, die Marienkirche und das Westportal des Kölner Doms gefertigt hat.

 

(c) Beate Schaefer, 2017