Bilder schreiben. Eine Stunde im Museum Behnhaus-Drägerhaus, Lübeck

Lovis Corinth.

Neulich, beim Besuch der Venedig-Ausstellung im Bucerius Kunstforum in Hamburg, erzählte mir meine Cousine von einem Buch, das sie jüngst geliehen bekommen hat. Es handelt sich um Alain de Bottons Woche am Flughafen Heathrow, er als Writer in Residence, eingeladen vom Flughafenbetreiber. Ein Schreibtisch am Terminal, ein Hotelzimmer mit verglastem Zugang zum Check-In, Menüschecks. Alles bezahlt, selbstverständlich. Das Ergebnis: Ein kleines Buch mit Beobachtungen rund ums Ankommen und Abreisen, um Abschied und Wiedersehen, um das Vergehen der Zeit an einem Ort, an dem niemand Zeit hat, außer erzwungenermaßen bei Verspätung eines Fliegers.

 

Mein Ansatz ist wesentlich schlichter und unbezahlt. Jeweils eine Stunde an einem ausgewählten Ort vor einem ausgewählten Bild im Museum Behnhaus-Drägerhaus in Lübeck zu verbringen, sitzend auf einem Klappstühlchen, eine Kladde auf den Knien. Zweistärkenbrille, um sowohl meinen in Entstehung begriffenen Text als auch das Bild der Wahl sehen zu können. Aufzuschreiben, was ich entdecke auf dem Bild/den Bildern, wer vorbeikommt, was passiert, wenn  ich mich eine Stunde nicht vom Fleck rühre.

 

Meine Wahl für den ersten Termin stand schnell fest: Das Kabinett mit den Corinths im Erdgeschoss, an dem Kaulbach mit den Pringsheim-Kindern vorbei – eines von ihnen, Katja, wurde später die Frau von Thomas Mann. Hinten rechts geht es in einen kleinen Flur, dahinter öffnet sich das Kabinett, das das Museum Lovis Corinth reserviert hat, jenem Maler mit dem wilden Pinselstrich, der 1858 in Ostpreußen geboren wurde und 1925 in den Niederlanden starb. Man hat versucht, ihn zu kategorisieren, mal als Impressionisten, mal als impressionistischen Expressionisten, aber er war als Impressionist viel zu heftig und für einen Expressionisten zu flüchtig in seiner Malweise. Mit sechsundvierzig heiratete er die zweiundzwanzig Jahre jüngere Charlotte Berend, die erst seine Schülerin, dann sein Modell war und deren Schwester sich als Schriftstellerin einen Namen machte.

 

Der kleine Raum im Behnhaus-Drägerhaus mit seiner toskanisch roten Tapete beherbergt fünf Corinths und ist für mich immer ein Ort zum Verweilen, so oft ich das Museum besuche. Heute also, um halb zwölf, stelle ich meinen Klappstuhl an die freie Wand neben Corinths Porträt seiner Tochter Wilhelmine, schlage meine Kladde auf und beginne zu schreiben. Es ist still und kühl hier, außer mir sind keine Besucher in den Erdgeschossräumen. Vermutlich gehen erst einmal alle nach oben, wo die schöne Sonderausstellung zu sehen ist, die dänische und deutsche Bilder gleichen Sujets einander gegenüberstellt.

 

Im kurzen Flur zum Kabinett empfängt den Betrachter zunächst ein kleines Blumenstilleben, danach kommt auch schon der Hühnerhof. Steht man direkt davor, sieht man nicht mehr als wilde Pinselstriche in Erdfarben, akzentuiert durch wenige dunklere Bereiche. Tritt man ein wenig zurück, dann noch einen Schritt und noch einen, entdeckt man die roten Kämme und erkennt endlich, worum es sich bei dieser Explosion aus Ocker, Gelb und Braun überhaupt handelt. Zentral der Hahn, den Hals gereckt, den Schweif gereckt, der arg gerupft aussieht, lang und knallig die Wangenlappen, Herr über seine Hühner, die ohne räumliche Wirkung im Bild verteilt sind, sich kaum voneinander abhebend. Stallwärme, strenger Hühnermief, leises Gegacker, Flügelschlagen, Kratzen – das sind die Assoziationen, die sich einstellen. Es ist ein warmes Bild, voller Humor, aber eben auch voller Eros, wie es bei Corinth so oft der Fall ist. Er selbst ist der Hahn, er ist im Fokus, er ist potent, stolz, schön. Ein Selbstporträt auf diese selbstbewusste und zugleich selbstironische Weise, wie bei einem seiner frühen Gemälde, jenem mächtigen Stier, der am Nasenring von einem Mädchen am rosa Seidenband vorgeführt wird.

 

Ich sitze jetzt hier seit fünf Minuten auf meinem Klapphocker. Es ist elf Uhr fünfunddreißig, und bisher hat sich noch niemand in mein Kabuff verirrt. Heute habe ich endlich den Mitgliedsantrag für die Lübecker Museen ausgefüllt und weggeschickt. Eine Jahreskarte. Kommen und Gehen, wann immer ich will. Bilder gucken. Immer wieder. Mal dasselbe, das ich schon am Tag zuvor angeschaut habe. Mal ein Gemälde näher betrachten, an dem ich bisher immer vorbei gegangen bin. Das Behnhaus-Drägerhaus ist für mich ein Wohlfühlort, ein Ort der Inspiration. Die Glücksdosis gegen graue Tage.

 

Jetzt zieht mich das Porträt von Charlotte Berend-Corinth an, das rechts gegenüber von mir hängt. Sie sitzt ruhig, gelassen, mit auf dem Tisch verschränkten Händen auf einem Gartenstuhl, trägt eine schwarze Jacke, sieht sehr schön aus und schaut ein wenig melancholisch. Das Gemälde ist von 1921, Charlotte ist einundvierzig Jahre alt.

 

Ihr gegenüber hängt in Dreiviertelfigur das Porträt ihrer fünfzehnjährigen Tochter Wilhelmine. Mit starken schwarzen Strichen hat der Maler den neuen gelben Hut akzentuiert, den das Mädchen trägt, und die schwarzen Bänder, die das weiße Sommerkleid schmücken, fügen zusätzliches Drama hinzu, als ob die kokette Pose mit schiefgelegtem Kopf nicht schon aufregend genug wäre.

 

Ich lasse meinen Blick zwischen dem Bild der Mutter und der Tochter hin und her wandern. Auf seltsame Weise gibt es eine Korrespondenz zwischen den Bildern, die vom Maler nicht beabsichtigt sein kann, denn das Porträt Wilhelmines ist drei Jahre nach dem ihrer Mutter entstanden. Charlotte schaut nach unten, meidet den Blick des Betrachters, sie ist in sich gekehrt, aber obwohl sie nicht lächelt, wirkt ihr Mund nicht ernst. Vielleicht träumt sie oder denkt daran, dass sie noch Eier kaufen muss. Es ist ein zeitloses Bild, fast eine Ikone. Wäre Corinth vierhundert Jahre früher geboren, hätte er Charlotte als Madonna gemalt. Wilhelmine dagegen schaut keck von oben herab auf den Betrachter, ihre Mundwinkel lächeln ein wenig skeptisch, vielleicht, weil sie sich ihrer Wirkung noch nicht ganz sicher ist. Sie ist ganz da, im Hier und Jetzt, es ist eine Momentaufnahme, flüchtig wie die Malweise Corinths in diesem Bild. Das Massive, Expressive tritt zurück hinter Luft und Leichtigkeit. Jugend und Reife stehen sich gegenüber in diesen beiden Gemälden. Unwillkürlich stellt die Erinnerung den beiden Frauenporträts eines der vielen Selbstporträts von Lovis Corinth zur Seite. Ohne da zu sein, stellt er sich ein, füllt den Raum, ist präsent – und da fällt mir ein, dass er ja hier ist! In Gestalt eines roten Hahns, mit wilden, breiten Pinselstrichen angelegt, schaut er in den Raum hinein, hat seine Frau und seine Tochter im Blick, dominiert die Szene in einer seiner vielen Maskeraden.

 

Es ist zwölf Uhr, die Glocken der Jakobikirche läuten, und noch immer hat sich kein Mensch in mein Kabinett verirrt. Doch jetzt höre ich Schritte. Kommt wer?

 

Stimmen, eine Frauenstimme. Jemand nähert sich langsam. Eine junge blonde Frau tritt ein, schaut sich das Hühnerbild an. „Find ich super“, sagte sie zu ihrem Begleiter, bärtig mit Brille. Er gönnt dem Bild nur einen halben Blick und lässt es unkommentiert. Beim Verlassen des Raumes schaut die junge Frau noch einmal länger auf den Hahn. Sie lächelt, und das Lächeln bleibt beim Gehen auf ihrem Gesicht. Der Besuch der beiden im Corinth-Kabinett hat weniger als eine Minute gedauert.

 

Noch fünfundzwanzig Minuten. Was tue ich für den Rest der Zeit? Na gut, ich schaue mir die Walchenseelandschaft an, die mir direkt gegenüber hängt. Im Vordergrund ein Gemüsegarten, dahinter eine abschüssige Wiese, zwei Bauernhäuser am See, am anderen Ufer die Berge. Bewölkter Himmel. Grau, graugrün vorherrschend, Regen liegt in der Luft, ein trüber Tag. Corinth hat den Walchensee jahrelang immer wieder gemalt. Zu jeder Tages- und Jahreszeit.

 

Zwölf Uhr zwölf. Keiner hier außer mir. Was wäre also noch über das kleine Blumenstilleben zu sagen? Es ist eher eine Studie, das Festhalten eines verblühenden Gartenstraußes, ehe er ganz hinüber ist. Viele dunkelrote Blüten, die an Zinnien erinnern, aber auch Ranunkeln sein könnten, obwohl es die, glaube ich, in dieser Farbe gar nicht gibt. Oben ragt eine gelbe Blume aus dem Strauß, die eine verblühte Tulpe oder eine Lilie sein könnte. Dazwischen weiß hingetupfte Dolden von Irgendwas. Auf dem glänzenden dunkelbraunen Holztisch ein paar welkende Blütenblätter. Der Hingucker die rote Vase aus glasiertem Ton. Jetzt begreife ich langsam, worum es dem Maler bei diesem Bild gegangen sein muss. Um den Dreiklang aus Rottönen – das Weinrot der Blüten, das rotbraun des Tisches und das kräftige, großenteils aber verschattete Karminrot der Vase. Also sozusagen ein Bild als kurze philosophische Abhandlung über die Farbe Rot.

 

Eben schaut die Aufsicht vorbei, wohl um zu gucken, was ich hier mache. Nun, ich sitze hier und schreibe, und der freundliche Herr scheint mir zu vertrauen, denn er geht wieder. Als nächstes erscheinen zwei ältere Frauen, reden kennerhaft über die Bilder, sind wohl schon öfter hier gewesen. Noch vor dem Eingang zu meinem Kabuff höre ich die eine „Karl Hofer“ sagen. „Ganz schön“, sagt die andere. Jetzt betreten sie meinen Raum. Beide betrachten den Hahn zuerst, dann die anderen Gemälde, murmeln Jahreszahlen. Zum Hahn bemerkt die Eine: „Herrlich. Schwungvoll.“ Die andere, im Gehen: „Wir hatten auch mal so einen Hahn.“ Damit verlassen sie mein Kabinett. Kurz darauf erscheint noch eine ältere Dame, lässt ihren Blick kurz über die Bilder schweifen, sagt zu mir: „Die Hühner kann man gar nicht sehen, wenn man so dicht vorsteht.“ Dreht sich um und geht.

 

Langsam kommen mehr Leute aus der Sonderausstellung nach unten. Erneut betritt eine ältere Dame mein Kabuff, bleibt in der Mitte stehen, dreht sich mehrmals langsam, Schritt für Schritt, um sich selbst, um mit irritiertem Blick den Raum wieder zu verlassen. Nun nähert sich ein älteres Ehepaar, er mit Stock und Kappe. Er schaut sich die Hühner an. Brummt etwas Unverständliches. Geht hinüber zum Walchenseebild, sagt: „Sicher der Walchensee.“ Liest die Bildunterschrift. „Ja, der Walchensee.“ Geht nochmal zu den Hühnern. Sagt: „Furchtbar.“ Tocktocktock macht der Stock, als er und seine zustimmenden Frau mit rascherem Schritt das Kabinett verlassen.

 

Es ist zwölf Uhr dreißig. Meine Zeit hier – für heute – ist um.

 

Copyright: Beate Schaefer, 12. November 2016