Post aus Lübeck IV

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Wie ich von Sankt Lorenz in Lübeck nach Rom und wieder zurück kam

 

Ich gestehe, es war das 2001 dort entdeckte barocke Gemälde „Opferung Isaaks“ des Rubensschülers Jacob Jordaens, das mich heute in die 1899 erbaute neugotische Kirche St. Lorenz hinter dem Lübecker Hauptbahnhof führte. Der in Lübeck ansässige Kunsthistoriker Detlev Weiss hatte im Kupferstichkabinett des Louvre Vorstudien von Jordaens für das Bild entdeckt. Bisher galt es als Werk des 18. Jahrhunderts; es wurde der Kirche 1817 von einem Lübecker Kaufmann geschenkt, der offenbar keine Ahnung hatte, was er besaß. Mich erinnert der Kopf des Abraham an die Ölskizze eines alten Mannes von Rubens in der Londoner National Gallery, und der muskulöse, hübsche Isaak lässt mich in seiner verführerischen Nacktheit an einen heiligen Sebastian von Van Dyck denken. Alle drei sind die Hauptvertreter des flämischen Barock und arbeiteten jahrelang in derselben Werkstatt.

 

Doch als ich ankam, war die Kirche zu. Enttäuscht schaute ich mir wenigstens die historische, 1597 als Ausweichfriedhof für die vielen Pesttoten Lübecks gegründete, Begräbnisstätte an, weil große alte Bäume lockten, dazu geradezu riesenhafte Familiengrüfte aus Basaltplatten und ein paar interessante Grabsteine, einer davon mit einem schönen Relief, das ein langgestrecktes Segelschiff zeigt.

Der Friedhof ist im Umbruch, wie viele neu angelegte Gemeinschaftsgräber zeigen, ohne individuelle Grabsteine; nur Messingplatten tragen Listen mit den Namen der Verstorbenen. Das ist billiger als ein eigenes Urnengrab und viel, viel billiger als ein traditionelles Körpergrab. Der Trend geht sogar zur anonymen Bestattung auf der friedhofseigenen Wiese oder gleich zum Ascheverstreuen im Friedwald. Und weil man sich ja trotzdem irgendwie erinnern will, wo die eigenen Toten liegen, packen die sparsamen Bürger dann trotzdem allen möglichen Schnickschnack zwischen die immergrünen Bodendecker oder mitten auf den Rasen, wo die Grünflächenpfleger drumrum mähen müssen oder die Sachen genervt abräumen. Als Konsequenz aus der Aldifizierung des Totengedenkens haben alle städtischen Friedhofsbetreiber übrigens mittlerweile große finanzielle Schwierigkeiten.

 

Ich wollte schon wieder gehen, als ich einen freundlichen Friedhofsgärtner fand, dem ich von meinem Interesse für die Kirche erzählte. Er hatte Mitleid mit mir und schloss mir die Kirche auf. Im Vorraum waren Tische eingedeckt – gleich würde das Trauercafé stattfinden. Daher blieb mir nicht viel Zeit, die Kirche anzuschauen, und an eine Begegnung mit dem fast 2 mal 3 Meter großen Barockgemälde auf der abgeschlossenen Empore war sowieso nicht zu denken.

 

Dafür fand ich, neben einer wunderschönen kleinen Holzskulptur des Gekreuzigten von 1664, die aus dem Vorgängerbau übernommen wurde und ein wenig lieblos in eine Ecke gehängt ist, etwas anderes Aufregendes. An der rechten Längswand des Kirchenschiffs, so bedrängt von den Kirchenbänken, dass man nicht direkt davor stehen kann, befinden sich die 1938 von Otto Flath geschaffenen Altarskulpturen „Christus durch die Fülle des Lebens schreitend“. 1999 wurden sie aus der Apsis entfernt und durch den ursprünglichen neugotischen Altar ersetzt.

 

An dem Bildhauer und Maler Otto Flath, 1906 bei Kiew geboren, gestorben 1987 in Bad Segeberg, scheiden sich bis heute die Geister. Seine Anhänger vergleichen ihn mit Barlach, kritische Stimmen weisen darauf hin, dass seinen Skulpturen in den dreißiger Jahren durchaus eine Nähe zur Ideologie der Nationalsozialisten innewohnt. Er war wohl nie Parteimitglied und litt psychisch und gesundheitlich stark unter seinem Militärdienst während des Krieges. Die Villa in Bad Segeberg, in die er 1939 in einer seltsamen Ménage à trois als eine Art Pflegesohn mit dem Marineoffizier Willy Burmester und dessen Frau Emma einzog, war ursprünglich im Besitz des Israelitisch-Humanitären Frauenvereins Hamburg, wurde von den Nazis enteignet und nach einem Jahr ungeklärter Nutzung weit unter Wert an Burmester verkauft, der in den fünfziger Jahren dazu verdonnert wurde, Entschädigung zu zahlen.

 

In Sankt Lorenz hat man sich entschieden, die von Flath geschaffenen Altarskulpturen nicht in den Keller zu verbannen, sondern sie als Teil der Geschichte dieser Kirche aufzufassen und es dem Betrachter zu überlassen, was er daraus macht. Die „taz“ schreibt „Für die Lübecker Lorenzkirche zum Beispiel hat er (Flath) 1938/39 eine Kreuzgruppe geschaffen, die mit christlichen Sehgewohnheiten arbeitet, aber Wesentliches verändert: Am Kreuz hängt kein leidender Jesus, und darunter stehen nicht etwa Jesusmutter Maria und der Jünger Johannes – sondern Großeltern, Eltern, vier Kinder. Der Vater gibt dem Sohn ein Schwert, gemäß NS-Ideologie die ideale ‚deutsche Familie’.“

Sicher ist, dass Flath sich dem Geschmack der Auftraggeber anpassen musste, um zu verkaufen, und sicher ist auch, dass er während der NS-Diktatur gut verkauft hat, im Gegensatz zu Barlach, der sich zwar 1934 der Nazi-Ideologie anschloss, dessen Kunst jedoch von den Machthabern als „entartet“ verurteilt wurde.

 

Flath hat etwa vierzig bis fünfzig Altäre geschaffen, religiös und spirituell wohl stark beeinflusst von seiner Mentorin Emma Burmester, die eine Mystik zwischen Erlösungsreligion, Geheimorden, Theosophie und Geniekult vertrat.

 

Neulich habe ich ein Buch gelesen, das sich mit der Beziehung zwischen Hermetik und Theosophie bzw. Anthroposophie befasst. Die Sprache, die Beweisführung, der unbedingte Überzeugungswille, die krassen Polarisierungen, die Ausgrenzungspraktiken dieser Esoterik und zum Schluß die Apokalyptik machen, daß man beim Lesen solcher Werke immer mehr in sich zusammenschrumpft und eine Art Klaustrophobie im eigenen Körper erleidet. Da ist zum einen die Verführung durch die versprochene – und erlebbare – Bewußtseinserweiterung durch die Beschäftigung mit Mystik und esoterischen Lehren. Und zum anderen das ständige Gefühl: Hier ist was falsch. Vielleicht ist es die biblisch-christliche Falle, in die die Hermetik und andere auf viel ältere Weisheit zurückgehende Lehren getappt sind. Oder es ist zumindest einer der Haken an der Sache. Die auf die Spitze getriebene Polarisierung ist ein weiterer. Entweder ist man drin oder draußen. Entweder ist man gut oder böse.

Vorn im Buch steht: Wer dieses Werk unerlaubt kopiert, reproduziert, vertreibt etc., belastet sein „Schicksalskonto“. Es könnte ironisch gemeint sein, ist es aber nicht. Man macht sich ständig schuldig in diesen Kreisen. Und es ist eine so gemeine Schuld, weil man dem Gruppenzwang so ausgeliefert ist. Ausgeprägt ist dazu das brutale Denken in Hierarchien. Irgendwie dient alles immer nur dazu, sich abzugrenzen, andere auszugrenzen, sich zu erheben. Für Sucher und Wanderer ist da kein Platz.

Mein ehemaliger Mitbewohner, der ebenfalls diesem eklektischen Mix aus Erlösungssehnsucht, Übermenschentum und Askese zur Triebkontrolle huldigte, versuchte permanent, durch Meditation und Fasten körperlos zu werden. Das letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er sich der Lichtdiät verschrieben hatte.

 

Da wir schon einmal bei der Esoterik sind – am Lungotevere Prati gibt es einen der wenigen neugotischen Sakralbauten Roms – das hässliche Kirchlein Sacro Cuore del Suffragio, das sich durch die als Museum bezeichnete Sammlung eines besessenen Priesters hervortut, der sich den „Seelen des Purgatoriums“ verschrieben hatte, die von Zeit zu Zeit ihre Verwandten oder auch Fremde heimsuchen, um sie um etwas zu bitten oder sich zu beschweren. In mehreren Schaukästen gibt es Bibeln mit den eingebrannten Fingerabdrücken der Geister aus dem Jenseits, Briefe mit verkohlten Fingerabdrücken der Wiedererschienen, und ein paar Kleidungsstücke, vorzugsweise Nachtwäsche, auf denen die aus dem Fegefeuer zu Besuch Gekommenen ihren feurigen Handabdruck hinterlassen haben. Dazu erläutert jeweils ein Zettel in alter Schreibmaschinenschrift den Vorgang; so hatte eine Bauersfrau nächstens den Besuch ihres verstorbenen Ehemannes empfangen, der sie an ihr Versprechen erinnern wollte, nicht wieder zu heiraten, und zum Beweis, dass er dagewesen war, legte er ihr die Hand aufs Herz, und dort blieb der Abdruck dieser Hand wie eingebrannt – so sagte es jedenfalls die Bäuerin, und sie schwor bei Gott, daß es wahr sei. Eine verstorbene Mutter hinterließ nach siebenundzwanzig Jahren im Jenseits bei ihrem Sohn einen Handabdruck auf seiner Bibel. Sie sagte ihm, sein Lebenswandel sei liederlich. Am nächsten Tag läuterte er sich und wurde fromm. Aber das erstaunlichste Werk der Sammlung ist Teil der Kirche selbst, denn nach einem Feuer, das die Sakristei erfasst hatte und von dort in das Kirchenschiff eindrang, blieb, als es gelöscht war, auf einem steinernen Türgewände ein Schatten zurück oder vielmehr ein schlierenartiges, einer psychedelischen Zeichnung ähnliches Gebilde, das mit durchaus wenig Fantasie betrachtet einen Mönch darzustellen scheint, der durch eben diese Tür flüchtet; nur ein Schemen, Räucherwerk, doch obwohl verblasst, kann man an seinen eigenen Sinnen überprüfen, ob die Analogie zutrifft, und des weiteren gibt es ein altes Foto eben jener Stelle, die das Bild oder die Erscheinung, als sie noch frisch war, bestätigt.

 

Doch zurück zu Sankt Lorenz in Lübeck, wobei der heilige Lorenz auch der Namenspatron meiner römischen Lieblingskirche San Lorenzo in Lucina an der gleichnamigen Piazza ist. Dort, so empfinde ich es immer ganz esoterisch, ist die Mitte, wobei ich nicht sagen könnte, die Mitte von was. Der Welt? Italiens? Roms. Meine eigene Mitte? Keine Ahnung. Halt einfach die Mitte. Unter San Lorenzo in Lucina befinden sich die Reste eines römischen Mietshauses sowie ein Teil der großen, von Kaiser Augustus auf dem Marsfeld errichteten Sonnenuhr, deren Zeiger ein gigantischer, in Ägypten erbeuteter Obelisk war.

 

In San Lorenzo in Lucina hängt übrigens über dem Altar Jesus als Sexsymbol. Zwar ist auch er ans Kreuz genagelt, aber sein unversehrter, männlich attraktiver Körper – schmale Hüften, breite Schultern, Bizeps, Trizeps, muskulöse Schenkel, und sein in Ekstase leuchtendes Gesicht lassen ihn zum Kandidaten für „Mr. Universe“ werden. In Zeiten von Facebook und YouTube wäre der Maler Guido Reni vermutlich noch reicher und berühmter geworden, als er es zu seiner Zeit, Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, war. Seine sexy Vorlage wurde oft kopiert – und so gelangen wir wieder nach Lübeck und, nein, nicht nach Sankt Lorenz, sondern nach Sankt Jakobi, wo ein mir unbekannter Maler eben jenen Guido Reni halbwegs geschickt kopiert, wenn auch etwas abgewandelt hat.

 

Bleibt noch ein Nachtrag, den ich bei der Lektüre des Heftchens über Sankt Lorenz in Lübeck entdeckt habe: Über dem hübschen neugotischen Taufstein wurde am 26. Februar 1914 Herbert Ernst Karl Frahm getauft, der spätere Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt.

 

 

Eine Abbildung des Gemäldes von Jacob Jordaens in St. Lorenz gibt es hier: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:StLorenz_L%C3%BCbeck_Jordaens_%28Retusche%29.jpg