Meine Brillen

Brille. Augenglas. Sehhilfe. Keine schönen Worte, und Worte, an denen Udo Pini, ehemals Redakteur des FAZ-Magazins, sich Anfang der achtziger Jahre abarbeitete, um einen flotten („magazinigen“ – wie das im Redaktionssprech hieß) Artikel von zehn Manuskriptseiten zu diesem Thema zu verfassen. Es floss der Whisky in der Nacht vor dem Abgabetermin, die Olympia klapperte in dem winzigen möblierten Apartment in der Frankfurter Meisengasse, und heraus kam, na ja, ein eher dröger Beitrag – und das bei einem für seinen Sprachwitz stets gerühmten Autor. Mich und meine Brille hatte der Neu-Frankfurter ein paar Monate zuvor immerhin in einem Artikel für das Stadtblatt der FAZ erwähnt, in dem er unter dem Titel „Mittendrin und fein raus“ das lustige Wohnen auf 25 Quadratmetern gegenüber der Frankfurter Börse, dem Parkhaus Börse und einer Kneipe namens Krawallschachtel beschrieb. „Am liebsten mag ich die, die immer mit dem Fahrrad (auf der Nase) kommt“, hieß es darin. Ich war Anfang zwanzig und trug eine Brille, die tatsächlich die Größe mindestens eines Klapprads hatte. Das war damals schick, auch wenn mein Gesicht dahinter völlig verschwand, das Gestell auf die Nase drückte und dahinter Treibhausatmosphäre herrschte, wenn ich – zum Beispiel beim Fahrradfahren – schwitzte. Aber was trug man damals nicht alles: Latzhosen, Karottenjeans, Schulterpolster, Farben, die Aqua, Cyclam oder Petrol hießen, Afrokrause und, falls man sich schminkte, lila Rouge bis hinter die Ohren.

 

Immerhin hatte ich mich da längst daran gewöhnt, eine Brille tragen zu müssen. Angefangen hatte das mit meinen Augen in der fünften Klasse. Wir wohnten in Andernach am Rhein, ich ging aufs Bertha-von-Suttner-Gymnasium, in die erste Klasse der ehemaligen Mädchenschule, in der auch Jungs zugelassen waren, und ich wurde in Mathematik immer schlechter. Unsere Lehrerin, Frau Boda, eine schon recht alte Frau, schrieb immer Aufgaben in bunter Kreide an die dunkelgrüne, feuchte Tafel. Die blaue oder rote Kreide hob sich kaum vom Untergrund ab, und da ich sowieso kein großes Interesse an Zahlen besaß, war es mir vermutlich ganz recht, dass ich die Ziffern und Symbole nicht lesen konnte. Ein Mal pro Woche hatten wir Mengenlehre im Fernsehen. Dazu begab sich die ganze Klasse in eine Art vorsintflutlichen Medienraum, wo oben an der Wand winzig kleine Fernseher auf einem Regal standen. Wir schlugen unsere querformatigen broschurgehefteten Arbeitsmaterialien auf, Frau Boda schaltete die Apparate ein – und ich schaltete ab, weil ich auf den Bildschirmen kaum etwas sah. Doch ich will mein Versagen in der Mathematik nicht allein auf meine beginnende Kurzsichtigkeit schieben. Beim Kopfrechnen, auch ein Mal pro Woche, mussten wir alle aufstehen. Frau Boda bellte in rasendem Tempo x mal y, und derjenige, der zuerst das richtige Ergebnis rief, durfte sich setzen. Dafür brauchte man nichts zu sehen, nur zu rechnen, doch leider war ich meist die Letzte, die stand.

 

Eine Chance für meine Lehrer und Erziehungsberechtigten, mitzubekommen, dass meine Sehkräfte nachließen, hätte bestanden, als wir in Deutsch eine Klassenarbeit schrieben, die von uns verlangte, einen Dialog zu verfassen. Ich war in Deutsch immer gut bis sehr gut, mein Lehrer, Herr Matthes, mochte mich, und ich schrieb den ersten Dialog meines Lebens – ein Streitgespräch. Dieses Streitgespräch gipfelte, soweit ich mich erinnere, in einer verbalen Auseinandersetzung, in der sich die Kontrahenten wechselseitig als Giraffe und als Brillenschlange beschimpften. Dazu muss ich anmerken, dass ich hoch aufgeschossen und dünn war und mir erstere Bezeichnung des öfteren anhören durfte. Anscheinend ahnte ich auch etwas von meiner Zukunft als Brillenträgerin, denn woher sonst die Brillenschlange? Kinder, die Brillen trugen, waren Außenseiter, die schwarzen oder braunen Kassengestelle, die sie bekamen, zogen den Spott auf sich. Für den Dialog bekam ich eine Vier, die erste meines Schülerlebens. Ich trug mein Heft beschämt nach Hause, mein Vater las sich mein Geschreibsel durch, und dann diktierte er meiner Mutter einen Brief an meinen Lehrer in die Schreibmaschine, in dem es abschließend hieß: „Daher ist diese Arbeit meines Erachtens nicht ausreichend, sondern mangelhaft“. Den Brief besitze ich noch und auch eine vage Erinnerung daran, dass man mir mitteilte, meinen Lehrer von der Meinung meines Vaters in Kenntnis gesetzt zu haben. Niemand kam offenbar auf die Idee, hinter den unbeholfenen Worten einer Präpubertienden ein organisches Problem zu vermuten.

 

Mein körperliches Längenwachstum stagnierte irgendwann bei 1,76 m, das Längenwachstum meines Augapfels, Grund für meine zunehmende Kurzsichtigkeit, schritt bis zum dreißigsten Lebensjahr unaufhaltsam voran. Als ich elf war, zogen wir um, nach Waldacker, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Frankfurt. Ich ging für ein Jahr auf die Gesamtschule Rödermark, da der Besuch des Gymnasiums in Hessen erst ab der siebten Klasse möglich war, und dort fiel jemandem auf, dass ich nichts sah. Meine Mutter fuhr mit mir zum Augenarzt, der eine Kurzsichtigkeit auf beiden Augen feststellte. In der darauf folgenden Nacht heulte ich stundenlang. Da ich im Souterrain hauste, hörten meine Eltern mein Gejaule lange nicht. Endlich kamen sie, und mein Vater fragte liebevoll: „Ist es wegen dem Brillchen?“ Am nächsten Tag gingen wir zum Optiker, ich suchte mir eine flotte, silberfarbene Brille aus, und als ich sie eine Woche später das erste Mal auf die Nase setzte, war die Welt um mich herum plötzlich wieder so präsent, dass ich meinen Kummer vergaß und zur überzeugten Brillenträgerin wurde.

 

Brille Nummer eins war ein extrem unaufdringliches Modell. Mit fünfzehn begann ich langsam, ein Mädchen zu werden, ließ meine Haare wachsen, kaufte meinen ersten BH und ein neues, rotes Brillengestell. Als ich das erste Mal damit in Schule kam, sagte mein Lateinlehrer, dessen Lieblingsschülerin ich war, weil ich die Einzige war, die sich in der klassischen Mythologie auskannte: „Seit wann trägst du denn eine Brille?“ Das rote Ding habe ich danach nie wieder aufgesetzt und meine Eltern bekniet, mir Kontaktlinsen verpassen zu lassen. Die klemmte ich mir zwischen die Lider, bis ich eine Augenentzündung bekam, das linke Auge keine Tränenflüssigkeit mehr produzierte, weil die Linse alles aufsaugte, und ich mir als Studentin sowieso keine teuren Linsen mehr leisten konnte. Also setzte ich mir das schicke Klapprad auf die Nase, das dort blieb, bis die Achtziger sich dem Ende zuneigten und die Brillen wieder kleiner wurden. Die nächste hatte eine klassische, eher runde Form und einen Goldrand, um den man, je nach Lust und Laune, bunte Plastikränder clipsen konnte, damit die Brille zur Farbe der Klamotten passte. Immer noch wurden meine Augen stetig schlechter, und mit jeder Gläserstärke kam eine neue Brille, also etwa alle drei Jahre. In den Neunzigern wurden die Gestelle immer kleiner, die Gläser immer dünner, die Brillen immer leichter. Irgendwann stabilisierte sich meine Sehkraft bei rechts minus sechs und links minus vierkommafünf, rechts inklusive Hornhautverkrümmung. Brillen kamen und gingen, manche kamen sogar wieder. Ich besitze zwei Gestelle, die so genau zu meinem Gesicht passen und die so stabil sind, dass ich sie vermutlich niemals ganz entsorgen werde. Die schönste Brille, die ich je hatte, war eine randlose Silhouette, die so perfekt saß und deren Form so unauffällig war, dass es selbst auf Fotos manchmal so aussah, als trüge ich gar keine Brille.

 

Anderthalb Jahrzehnte also pures Brillenglück. Bis ich mit Mitte vierzig langsam keine Lust mehr hatte, zu lesen. Zeitung, Buch, Texte auf dem Computerbildschirm, alles Lesen wurde so mühsam und lästig. Ein Besuch beim Optiker brachte die Wahrheit ans Licht: beginnende Altersweitsichtigkeit. Von nun an hantierte ich mit zwei Brillen. Einer für die Ferne, einer fürs Lesen. Ich beobachtete in den nächsten Jahren fasziniert, wie sich Dinge, für die ich sehr, sehr lange eine Brille benötigt hatte, plötzlich ohne Brille erledigen ließen, da ich im Nahbereich sehr schnell zwei Plusdioptrien erreichte und somit mein Essen auf dem Teller ohne Brille en Detail erkennen konnte oder mein Bild im Spiegel beim Zähneputzen deutlicher erkennbar wurde, sozusagen aus dem Nebel meiner Blindheit hervortrat und ich, probierte ich eine neue Brille beim Optiker an, auch ohne geschliffene Gläser erkennen konnte, ob sie mir stand. Bisher nämlich war der Brillenkauf immer eine Art trial-and-error-Situation gewesen. Nie konnte ich ganz sicher sein, dass das Gestell, das ich mir ausgesucht hatte, mir danach, mit Korrekturglas, auf meiner Nase immer noch gefiel.

 

Dafür funktionierte nun das Einkaufen im Supermarkt, das Begleittexte lesen im Museum, das Landkarten studieren auf dem Beifahrersitz während der Autofahrt (eine meiner Lieblingsbeschäftigungen auf Reisen) überhaupt nicht mehr. Die Fernbrille zu stark, die Lesebrille zu schwach ... Eine Gleitsichtbrille musste her. Die hat den Vorteil, das ursprünglich flexible Auge, das sich auf verschiedene Entfernungen selbst einstellt, zu simulieren. Jedoch ist der Bereich, in dem man mit einer Gleitsichtbrille, selbst mit der Besten, scharf sieht, sehr begrenzt. Treppen, ja, selbst ein hoher Bordstein werden zu Stolperfallen, schaut man im falschen Winkel dorthin. Schwindelgefühle sind eine unwillkommene Begleiterscheinung, wenn man empfindlich ist. Die Augen ermüden schneller. Schick ist so ein Ding ja, aber für jemanden wie mich, dessen Augen tagtäglich extrem beansprucht werden, ist Gleitsicht eine Tortur.

 

Ich besitze nun: Eine Fernbrille. Eine Lesebrille. Eine Computerbrille. Eine Fernbrille mit Leseteil sowie eine Sonnebrille in meiner Sehstärke. In den Augen meines Optikers funkeln die Dollarzeichen, sobald ich sein Geschäft betrete. Aber das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte. Die älteren Damen meines Umfeldes lassen sich zur Zeit alle am grauen Star operieren. Dabei wird die getrübte Linse abgesaugt und durch ein geschliffenes Plastikteil ersetzt. Der Effekt ist grandios. Hundert Prozent Sehfähigkeit, bunte Farben statt Grauschleier, je nach Wahl im Nah- oder im Fernbereich nie wieder eine Brille. I'm looking forward to it.