Post aus der Vergangenheit

Meine Schulwege

 

Langsam komme ich in das Alter, in dem man anfängt, zurückzublicken. Ich bin dazu erzogen worden, mich nicht für mich selbst zu interessieren, jedenfalls nicht allzusehr, aber so ganz kann ich das jetzt, jenseits der fünfzig, nicht mehr verhindern. Wie das so ist, wenn man gelernt hat, sich nicht wichtig zu nehmen, interessiert man sich ersatzhalber für jemand anderen. Ich interessiere mich zum Beispiel für Menschen, die bis zu ihrem Start ins „richtige Leben“, sprich, bis zu ihrem Auszug von zu Hause, an einem einzigen Ort gelebt haben und auch dort zur Schule gegangen sind. Zu gern wüsste ich, wie es sich anfühlt, sich an diesen einen Ort, diese zwei Schulen (Grund- und weiterführende Schule), diese mehr oder weniger zahlreichen Freundinnen und Freunde zu erinnern, die die ersten achtzehn oder zwanzig Jahre des eigenen Lebens begleitet haben. Zuletzt habe ich allerdings begriffen, dass mein Interesse für EinOrtMenschen ein Ablenkungsmanöver war, weil ich mich nicht mit meinem VielOrtIch beschäftigen wollte. Irgendeine innere Stimme sagte immer: Puh, andere sind noch viel öfter umgezogen als du; wenn du darüber redest, sieht das doch bloß nach Selbstmitleid aus undsoweiter.

         Alt werden macht weichkeksig und sentimental. Und einen Mann zu haben, der als Kind und Jugendlicher genau das hatte, was man glaubte, nie entbehrt zu haben, und wovon man heute denkt, dass es einen vielleicht doch zu einem besseren, mutigeren und erfolgreicheren Menschen gemacht hätte, hilft auch nicht wirklich.

         Heute ist der 25. Dezember und Vollmond (was die Sache auch nicht besser macht), und ich dachte mir, ich könnte ja mal vorsichtig und (hoffentlich unsentimental) damit beginnen, einfach ganz schlicht meine Schulwege aufzuschreiben.

         Voilà!

 

Den ersten Schulweg, den ich hätte gehen sollen, bin ich nie gegangen. Wir wohnten in Steinbach am Taunus, einem Durchgangsstraßenkaff auf dem Weg nach Frankfurt, ich war als Augustkind beim Einschulungstest noch nicht sechs Jahre alt und fiel glatt durch. Zu verträumt, zu schüchtern, zu kindlich, hieß es. Ein Jahr zurückgestellt. Keine Ahnung, ob ich das erleichtert oder gedemütigt aufnahm.

         Im darauffolgenden Jahr zogen wir um, ein Kaff weiter, mit Namen Stierstadt, ich verlebte einen herrlichen Sommer mit neugefundenen Freunden zwischen Erdhügeln, Streuobstwiesen, Bachläufen und Heide, und kam, sieben Jahre alt, hochaufgeschossen, braungebrannt und voller Bewegungsdrang, in die Grundschule des Ortes.

         Wir wohnten in einem neuerbauten Reihenhaus an einer ungeteerten kleinen Straße, im Steinfeld 4. Von dort bog ich im September meiner Einschulung, mit nackten Beinen, festen Schuhen und kurzem Rock, in die Hauptstraße ein, überquerte sie bald und ging einen Kiespfad entlang, der an einem Fasanengehege vorbei führte und einen Bach überquerte. Dort, auf der Brücke, hielt ich mich zukünftig immer ziemlich lange auf, um die Forellen zu beobachten, die sich im klaren Wasser tummelten. Der Rest des Weges war langweilig, er führte durch Neubauten zur ebenfalls neuerbauten Schule im Betonstil der Sechziger Jahre. Schreiben und Lesen fiel mir leicht, Rechnen lernten wir mit Hilfe von bunten Plättchen, die in sich überlappende Kreise gelegt wurden und „Schnittmengen“ ergaben: Mengenlehre. Es interessierte mich nicht so sehr wie der Englischunterricht, den wir in der dritten Klasse bekamen. Mein Name war Carol, und ich sang inbrünstig: „Polly put the kettle on, we’ll all have tea“.

         Am Ende des dritten Schuljahres zogen wir weg. Mittlerweile war der Bach an meinem Schulweg kanalisiert und in ein Betonkorsett gezwängt worden, und die Forellen waren verschwunden. Es hieß, unsere Streuobstwiesen, das Paradies meiner Kindheit, in dem ich stundenlang allein herumgestreunt war, würden demnächst zugebaut.

Ich hatte nichts dagegen, Stierstadt zu verlassen.

         In Andernach am Rhein bewohnten wir ein altes, quadratisches Haus, zweistöckig, mit einem riesigen Garten und einem Treppenaufgang aus Basalt, der mich beeindruckte. Vor dem Haus, Nettestraße 58, standen zwei alte große Birken, die zum Klettern einluden, und von meinem Dachzimmerfenster aus blickte ich auf acht hohe Pappeln, die zu unserem Grundstück gehörten. Ihr Rauschen wiegte mich in meine Träume, und im Herbst rechte ich mit Begeisterung die ledrig duftenden Blätter zu großen Haufen zusammen, um mich hineinfallen zu lassen.

         Ich fuhr jeden Morgen mit dem Klapprad in die nicht weit entfernte Grundschule St. Thomas. Frau Fey, die Klassenlehrerin, war eine kleine Frau mit grauem Drahthaar, klug, streng und musikalisch. Sie sang mit uns bevorzugt Wanderlieder, und ich nehme an, von ihr habe ich mein Fernweh. Ich war gut in Kunst und in Deutsch, und die Begeisterung, mit der Frau Fey von Löß und Basalt, von Maaren und Bimsstein erzählte, war ansteckend.

         Ein Jahr später wechselte ich aufs Bertha-von-Suttner-Gymnasium, einen hässlichen, terrassenförmigen Betonbau, wobei mein Schulweg mehr oder weniger der Gleiche blieb. Ehemals ein reines Mädchengymnasium, kam ich in die erste Klasse, in der auch Jungs zugelassen waren. In dieser Zeit begannen meine Leistungen in Mathematik stark nachzulassen, was an meiner Sehschwäche lag, die aber vorerst niemand erkannte. Ich konnte den Berechnungen an der Tafel nur mit Mühe folgen, verlor das Interesse und bekam schlechte Noten. Nach der Schule fuhr ich oft mit dem Fahrrad an den Rhein, zahlte fünfzig Pfennig für die Fähre, setzte über und radelte am anderen Ufer den alten Treidelpfad unterhalb der Weinberge entlang, bis ich müde und hungrig nach Hause zurückkehrte. Am Wochenende, wenn meine Freundinnen keine Zeit oder Lust hatten, mit mir Karl-May-Romane nachzuspielen und ich mich langweilte, ging ich häufig zum Bahnhof, setzte mich am Bahnsteig auf eine Bank und schaute den Güterzügen nach, die mit ohrenbetäubendem Lärm vorbeirumpelten.

         Ehe ich in die sechste Klasse versetzt wurde, zogen wir um, wieder zurück nach Hessen. Wir wohnten in einem Bungalow in einer kleinen Schlafstadt namens Waldacker, wo es immerhin einen Sparladen, eine Post und eine Sparkassenfiliale für die tausend Einwohner gab. Da der Kultusminister in Hessen durchgesetzt hatte, dass alle Schüler vor dem Besuch eines Gymnasiums zunächst zwei Jahre auf einer Gesamtschule zuzubringen hatten, fuhr ich mit dem Fahrrad drei Kilometer an einer Durchgangsstraße entlang – immerhin auf einem Fahrradweg – in die nächste Kleinstadt Ober-Roden, wo am Ortsrand ein terrassierter neuer Betonklotz Schüler aus den umliegenden Dörfern ansog, tyrannisierte und mittags hirnleer und hungrig wieder entließ. Das Einzige, was ich dort lernte, war Bruchrechnen.

         Im darauffolgenden Jahr war es vorbei mit Fahrradfahren. Ich kam aufs Goethegymnasium in Dieburg, dreißig Kilometer entfernt, die Schule begann um halb acht, und um sechs uhr dreißig stand ich mit den anderen Jugendlichen aus meinem Ortsteil todmüde am Straßenrand und wartete auf den Bus. Der kam zwar nur vom anderen Ende der langgezogenen Siedlung, hatte sich jedoch an den zwei vorhergehenden Haltestellen mit ebenfalls übermüdeten, gereizten, nicht gemachte Hausaufgaben durchhechelnden Schülern gefüllt. Da meine Freundin Karin eine Haltestelle früher einstieg und ein durchsetzungsfähiges Wesen besaß, ergatterte sie normalerweise immer denselben Platz, Reihe zwei, links hinter dem Fahrer, und hielt einen Sitzplatz für mich frei. War sie mal krank, glich das einer Katastrophe, denn nun musste ich bis Dieburg eingeklemmt zwischen Körpern mit Ranzen, Parkas und ungewaschenen Haaren stehen, von denen ich mich nicht im Geringsten unterschied. Auf dem Rückweg, nach der sechsten Stunde, mussten wir rennen, denn die Abfahrtszeit war knapp bemessen. Alles schob, drängelte, schubste. Ich war miserabel darin, aber Karin schaffte es oft, noch einen Platz für uns zu erobern. Habe ich ihr je gesagt, wie dankbar ich ihr dafür bin?

         Wenn wir Nachmittagsunterricht hatten, gab es keinen Bus mehr, sondern nur noch einen roten Triebwagen der Bahn. Zum Bahnhof war es von der Schule aus ziemlich weit, und wir, nach Chemie oder Physik zur achten und neunten Stunde schläfrig, plattgesessen, hirntot, sprinteten los, trieben unser Herz auf Hochtouren, schafften den Schienenbus oft nur in letzter Minute und ließen uns keuchend und mit schmerzenden Beinmuskeln auf die harten Plastiksitze fallen. Der Triebwagen fuhr natürlich nur bis zum Endbahnhof in Ober-Roden, und wenn er Verspätung hatte, war der Anschlussbus weg. Dann trottete ein kleines Häuflein schweigender Gymnasiasten auf dem Fahrradweg an der Hauptstraße entlang nach Hause, um sich grußlos auf die verschiedenen Einfamilienhäuser der Schlafsiedlung zu verteilen.

         Nach drei Schuljahren in Dieburg zogen wir um nach Dietzenbach, ein aufstrebendes Dorf, das seinen Ehrgeiz, sich Stadt nennen zu dürfen, dadurch befriedigte, dass es auf den Äckern im Süden eine Reihe Hochhäuser bauen ließ, deren Mieter oder Eigentümer die Einwohnerzahl auf die erforderliche Höhe trieben. Dietzenbach war von Waldacker nur ein paar Kilometer entfernt, doch gehörte es nicht zum Kreis Dieburg, sondern zum Kreis Offenbach; es gab keinerlei Bus- oder Bahnverbindung nach Dieburg, und so wechselte ich in der zehnten Klasse noch einmal die Schule.

         Wir wohnten auf einem Hügel, der den schönen Namen Wingertsberg trug, weil in einem Garten an seinem westlichen Ende ein paar Weinstöcke wuchsen, deren saure Trauben selbst die Krähen verschmähten. Dieser Hügel, mit dem benachbarten Hexenberg, war in einer ansonsten flachen Landschaft ein Unikum und ziemlich steil. Die Bushaltestelle lag am Fuß des Hügels, es war kein Schulbus, sondern ein Linienbus, der mich fünf Tage die Woche nach Offenbach karrte, so dass sich darin nicht nur Schüler, sondern auch die Berufstätigen drängten. Die Fahrt dauerte, da der Bus noch mehrere andere Orte bediente, knapp anderthalb Stunden. War er pünktlich, stand ich um zwanzig vor acht auf dem Schulhof. Außer mir war um diese frühe Uhrzeit meist nur noch ein anderes Mädchen da, Meike. Wir standen rum, schwiegen uns an, bis Meike irgendwann tief Atem holte und mit tief empfundenem Abscheu hervorstieß: „Ich hab null Bock.“ Ich nickte höflich und sagte: "ich auch", weil ich sie nicht enttäuschen wollte. Dabei hatte ich nicht die geringsten Ahnung, ob ich „Bock“ hatte oder nicht. Die Frage stellte sich mir einfach nie, weil ich viel zu müde vom frühen Aufstehen und genervt vom Lärm im Bus war. Jahre später habe ich überlegt, weshalb Meike eigentlich immer so früh in die Schule kam, wenn sie „null Bock“ hatte. Am Ende des Schuljahres heulte sie, weil ihr Zeugnis so schlecht war, und ihre Eltern kamen, um dem Schulleiter Druck zu machen, damit sie versetzt wurde. Nach der elften Klasse ging sie ab und wurde Kosmetikerin.

         Im Winter gab es ab und zu ein Problem mit dem zum Bus runter oder vom Bus nach Hause laufen, denn der Fußweg, der schräg gegenüber von unserem Haus bergab führte, war steil, besaß keine Stufen und nichts, woran man sich bei Schnee und Eis festhalten konnte, außer den Gräsern und Büschen auf den Brachen, auf denen noch keine Häuser standen. Dann hieß es: Hangeln, kriechen, hinfallen, wieder aufstehen.

         Mit achtzehn zog ich aus und in eine Souterrain-Wohnung hinter einer Tankstelle in Neu-Isenburg. Über mir wohnte eine blonde junge Prostituierte, die, wenn sie einen Kunden bediente, zuerst Sektkorken knallen ließ und dann italienische Schnulzen auf Stadionlautstärke drehte. Ich besaß mittlerweile einen Führerschein und einen R4, und ließ das Busfahren endgültig hinter mir. So lohnte sich die späte Einschulung mit sieben Jahren jetzt wenigstens. In den letzten anderthalb Jahre bis zum Abitur war ich weniger Schülerin als Parkplatzsucherin rund um die Albert-Schweitzer-Schule, wobei ich grundsätzlich nur in den drei Straßen nach einem Parkplatz Ausschau hielt, zwischen denen das Schulkarree lag. Ich handelte mir lieber Strafzettel ein, als jemals mehr als fünfzig Meter zu Fuß zu gehen. Ich kam oft zu spät, und wenn ich keinen Parkplatz fand, schwänzte ich einfach und schrieb mir eine Entschuldigung.

         Im Juni 1981 endeten meine Schulwege, und hier endet meine Erzählung.