Post aus Lübeck

Nostalgia II

Ab und zu fülle ich meinen Thermobecher zu Hause mit einem selbstgemachten, schaumlosen italienischen Caffè latte und gehe über die Straße auf die Terrasse des Hansemuseums, wo das Mobiliar freundlicherweise so lose aneinandergekettet ist, dass man sich locker einen Stuhl in jede gewünschte Position zurechtrücken kann. Da es Herbst geworden ist, bin ich dick angezogen, und da die Sonne fast jeden Tag scheint, genieße ich das herrlichste Nachmittagslicht, während ich meinen Kaffee trinke, den Blick über den Hafen in die Ferne schweifen lasse – und mir vorstelle, dass ich in Rom auf der Terrasse des Caffè capitolino bin, mir zu Füßen das Marcellustheater und die Reste der Porticus octaviae, am anderen Ufer des Tiber der Hügel des Gianicolo und weiter rechts die Kuppel des Petersdoms.

Damit tue ich dem Lübecker Panorama mit dem Nachbau der Kogge, den historischen Schuppen, den Kränen und dem Kirchturm von St. Lorenz weniger Unrecht, als es den Anschein haben könnte. Denn der Blick von der Terrasse des Hansemuseums geht nicht nur in die gleiche Himmelsrichtung wie jener auf der Veranda des Palazzo Caffarelli, die im heiligen Jahr 2000 als Café für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, sondern auch das Licht, der Fluss zu meinen Füßen, die Großzügigkeit und Eleganz der Anlage und nicht zuletzt der geschichtsträchtige Ort des Burgklosters vermitteln ein ganz ähnliches Gefühl schwebenden Glücks.

Und gestern, als ich dort saß und darüber nachdachte, ob ich jetzt, da ich so oft hier oben auf dem Hansemuseum war, umgekehrt auch in Rom auf der Terrasse des Caffè capitolino an Lübeck, die Trave und St. Lorenz denken würde, trat ein Ehepaar ans Geländer, schaute in den gelben Abendhimmel, und der Mann sagte zu seiner Frau: „Südliches Flair, findest du nicht?“

 

© Beate Schaefer, 2015